28.04.2020

Berührungsfreie Zone

In der aktuellen Corona-Krise scheint es einigermassen vermessen, nach den Folgen für Stadtplanung und Architektur zu fragen. Wie das Virus einzudämmen und die vielzitierte Kurve zu glätten ist, muss die erste Sorge sein. Doch mit ein wenig Verzögerung werden auch die Folgen für Architektur und Stadtplanung erheblich sein.

Und plötzlich ist alles anders

Am Anfang steht ein Schock – der Schock nämlich, dass gerade die als vorbildlich propagierten Modelle der dichten und weiter zu verdichtenden Stadt sich in Corona-Zeiten als verwundbar erweisen. Wo viele Menschen dicht aufeinander leben, wo öffentliche Orte zu guten Teilen die Wohnstube ersetzen, können sich ansteckende Krankheiten schnell ausbreiten und die Massnahmen zu ihrer Bekämpfung (zu Hause bleiben, Distanz halten) treffen die Bevölkerung heftiger als anderswo. Das hat sich insbesondere am Beispiel Paris gezeigt, wo – solange es noch ging – jene die Flucht aufs Land ergriffen, die dazu die Möglichkeit hatten. Und New York, Sehnsuchtsort schlechthin von Generationen von Stadtplanern und Architektinnen, erscheint momentan nur mehr als Schatten seiner selbst.

Das «pulsierende Leben», die Vielfalt auf kleinem Raum, die immense Zahl an Angeboten innerhalb kurzer Wege – dies alles ist attraktiv im Normalbetrieb. In der Krise hingegen verkehrt sich vieles davon ins Gegenteil. Wo Lebhaftigkeit Teil des Programms ist, wirkt ihr Fehlen umso trostloser. Die Bilder gespenstisch leerer Strassen lässt an Brechts Worte denken: «Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie hindurchging, der Wind.».

Backlash im Städtebau?

Ist das vermeintliche Erfolgsmodell der dichten Stadt damit widerlegt? Müssen die Glaubenssätze der letzten Jahre auf den Misthaufen der Stadtplanungsgeschichte geworfen werden? Sind die über Tiefgaragen erschlossenen Agglomerationssiedlungen samt ihren übergrossen Balkonen (ergänzt um Zugangskontrolle und Drohne) Prototypen dessen, was uns künftig üblicherweise erwartet? Was wird mit jener Eigenschaft, die lebenswerte Städte überhaupt auszeichnet, nämlich Plätze des Zusammenkommens zu schaffen? Gehen wir völlig neuen Konfigurationen von öffentlichen Orten entgegen – solche, die bei Bedarf möglichst schnell und praktisch zu ent-dichten sind? Wird «die Stadt», die sich gerade der Qualität ihrer Dichte zu erinnern schien, wieder lockerer, flacher, ausgreifender?

Im Grossen sind viele Fragen offen, im Kleinen jedoch scheint die Richtung klar: Wir gehen einer Touchless-Go-Welt entgegen. Schon heute hat die Industrie fast jede erdenkliche Lösung für automatisiertes Öffnen, Schliessen, Spülen und Steuern in petto. Zum Komfortaspekt wird das Hygieneargument hinzutreten. Im Weiteren, auch das ist abzusehen, werden Vorschriften und Normen auf uns zukommen, die weit über das bisher Übliche hinausgehen. Türklinken in öffentlichen Toilettenanlagen, Klingelknöpfe an viel begangenen Eingängen, Liftsteuerungen, wie wir sie heute kennen – dies alles ist in Nach-Corona-Zeiten schwer vorstellbar. Anstelle des direkten Kontakts mit dem Bauwerk und seiner Teile treten Sensoren, Kameras und Sprachsteuerungen. Überflüssig zu erwähnen, dass Kinder oder ältere Personen benachteiligt werden, wo alltägliche Hand(!)griffe nicht mehr möglich sind. Und es ist wohl wenig gewagt, zu prophezeien, dass künftig Kriterien wie Desinfizierbarkeit und virostatische Wirkung die Auswahl von Oberflächen in grossem Mass mitbestimmen.

Im Argumentationsnotstand

Auf der Strecke bleibt die sinnliche Wahrnehmung der Materie, immerhin, wie ich meine, ein Grundpfeiler der Architektur. Mensch und Bau entfremden sich (weiter), wenn haptische Erfahrungen (die Wärme des Eichen-Handlaufs! das gute In-der-Hand-Liegen eines Messing-Fenstergriffs!), wegfallen. Schon heute sind solch weiche Faktoren nur schwer zu verteidigen. Dieses Unterfangen wird künftig wohl noch schwieriger.

Glatter, aseptischer, automatisierter: keine guten Aussichten für die gebaute Umwelt in der Post-Corona-Welt.

— Martin Klopfenstein

Martin Klopfenstein (1978) Architekturstudium in Mendrisio, Burgdorf und Dresden, Mitgründer und Partner von Freiluft Architekten. Er lebt und arbeitet in Schwarzenburg / BE.

© Lucas Werkmeister
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