15.11.2019

Rezyklierte Betonschalung für ein Künstleratelier

Tausende von Autos stehen im morgendlichen Stau und bilden das typische Bild der 21-Millionen-Metropole Mexiko-Stadt. An diesem Morgen fahren wir mit dem Schweizer Architekten Jachen Schleich glücklicherweise in die entgegengesetzte fast staufreie Richtung raus aus Mexiko-Stadt. Nach einer vierzigminütigen Fahrt befinden wir uns mitten im Wald auf etwa 3000 m.ü.M. Das Krähen des Hahnes vom benachbarten Bauernhof begleitet uns auf dem Weg hoch zum Studio Roel, das im Sommer 2017 vom Architekturbüro Dellekamp Schleich fertiggestellt wurde.

Vor drei Jahren wandte sich der Künstler Guillermo Roel an seinen Freund, den Architekten Derek Dellekamp. Mit einem äusserst minimalen Budget von umgerechnet 50'000 Schweizerfranken wollte er seinen Traum des eigenen Künstlerateliers verwirklichen. Das Atelier sollte aufgrund der grossformatigen Arbeiten des Künstlers eine grosse Spannweite und eine grosszügige Raumhöhe aufweisen. Trotz schwieriger Bedingungen entwickelte sich das Projekt alsbald zu einem Selbstläufer. Grosse Spannweiten waren für die Architekten kein Novum; für das luxuriöse Wohnbauprojekt «CH70» in Mexiko-Stadt hatten sie kurz zuvor eine Betonkassettendecke entwickelt. Die effiziente und kostengünstige Lösung lag schliesslich darin, deren Schalungen beim Bau des Studio Roel wiederzuverwerten. Die Betonqualität ist aber weniger hoch als beim luxuriösen Wohnbauprojekt, und den Architekten war das Risiko des im architektonischen Sinne «unschönen» Sichtbetons bewusst. «Der beste Weg, dies zu kontrollieren, besteht darin, die Kontrolle aufzugeben», erklärte Derek Dellekamp im Gespräch. Das gebaute Ergebnis wirkt nun nicht nur passend «ungeschliffen» für ein Künstleratelier, der Raum erhält dadurch auch Patina, er wirkt, als hätte er bereits eine Geschichte.

Auch wenn das minimale Budget schlussendlich nicht ausgereicht hat, Künstler und Bauherr Guillermo Roel ist sehr zufrieden mit seinen Atelierräumlichkeiten. Er lobt die Synthese von Notwendigkeit und Ästhetik. Das Tageslicht, das wertvollste Instrument des Künstlers, erfüllt den fünf Meter hohen Raum. Grossflächige Schiebefenster lassen Innen und Aussen ineinander übergehen. Auf schmalen Pilotis und zwischen den Bäumen stehend, fliesst die steile Topographie des Terrains unter dem Atelier durch. Ein Stützenraster, abgestimmt auf die Geometrie der Decke, bildet das Skelett des Hauses und reicht bis zur Erde. Das tragende Betonskelett ist von aussen ablesbar, betont durch den schwarzen Anstrich der nichttragenden Betonblöcke. Aufgrund des kalten Klimas auf dieser Höhenlage mussten die Innenwände isoliert werden. Ein für diese Region ungewöhnliches Verfahren.

Dass die Tragstruktur innen nicht ersichtlich ist, ist ebenfalls untypisch für die strukturell betonten Bauten des Architekturbüros Dellekamp + Schleich, erklärt Jachen Schleich. Doch hier wurden grosse verputzte Flächen im Innenraum geschaffen, die der Künstler für seine Arbeit benötigt. Die Geometrie der wiederverwendeten Module der Betonkassettendecke, die Statik und das Budget bestimmen schliesslich die Grösse des Ateliers. Der flexible Grossraum mit der dekorativ wirkenden Decke wird zum Atelier, zur Galerie oder auch zum Veranstaltungsort inmitten des Waldes vor der mexikanischen Grossstadt.

— Laure Nashed

Guillermo Roel, der Multimedia-Künstler, der in den Bereichen Malerei, Video und Fotografie arbeitet, erregte mit einer Rauminstallation mitten in Mexiko-Stadt viel Aufsehen.

Hier gehts zu Laure Nasheds Blog «Learning from Mexico».

© Laure Nashed, Learning from Mexico
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