07.08.2015

Fernbilder aus der Forschung?

Das Nationale Forschungsprogramm NFP 65 drehte sich seit fünf Jahren um das Thema Neue urbane Qualität. Es bot die Chance, den gebauten Raum ins Zentrum des breiten wissenschaftlichen Diskurses zu stellen, um herauszufinden, was urbane Qualität bedeuten kann und wie man sie erreicht. Das mit rund fünf Millionen Franken finanzierte Programm wurde Ende Mai in Bern offiziell abgeschlossen und mit zwei Publikationen vorgestellt (Stadtwerdung der Agglomeration und Urbane Qualität für Stadt und Land). Tags darauf bot in Solothurn die Jahrestagung der Schweizerischen Vereinigung für Landesplanung VLP-ASPAN vor 500 Fachleuten Gelegenheit, die Ergebnisse zu diskutieren. Präsentiert hat der Präsident des NFP 65 Jürg Sulzer, langjähriger Stadtplaner der Stadt Bern. Allerdings ging er nur auf seine Quintessenz zur Stadtwerdung der Agglomeration vertiefend ein. In sogenannten Fernbildern zu drei Siedlungsmustern zeigte er, wo ein Umbau der Agglomeration bis 2080 hinführen soll: Zum Blockrand – zur Stein gewordenen Erfüllung einer Hoffnung auf urbane Qualität, mit gutem Leben an der Strasse, Sicherheit und Geborgenheit. Kurzum, überall wird Stadt sein. Kann ein solches Anliegen in den Schweizer Gemeinden vorgebracht werden, ohne Unverständnis und Argwohn zu erzeugen?
An der Tagung wurde der Anschein gegeben, dass die Fernbilder das Ergebnis von fünf Forschungsgruppen und fünf Jahren intensiver Arbeit seien. Sind sie aber nicht. Sie sind zuallererst griffige Formeln aus der Vogelperspektive. Eine solche Verkürzung hat bei aller Medienaufmerksamkeit weder einen Bezug zu den alltäglichen Herausforderungen der Praktiker im Publikum noch zu den Erkenntnissen der Forschung des NFP 65. Sind Diskussionen über die Vielfalt der Ergebnisse aus der Forschung nicht erwünscht?

Die Frage lautet doch: Wie kommt Qualität in den Prozess der Raumentwicklung und wie werden Wunschbilder der Menschen gebaute Realität? Die Ideengeschichte des Städtebaus wurde allzu oft von der Feder Einzelner gezeichnet. Der auf dem Kongress totgeschwiegene Zwiespalt zwischen Vorgaben – was urbane Qualität sein soll – und Vorgehen – wie Ziele gemeinsam erreicht werden – könnte grösser nicht sein.

Die Gelegenheit von Solothurn, die Erkenntnisse aus der Forschung in die Praxis der Raumentwicklung zu tragen und eine Antwort zu geben, wie Dichte kommuniziert und realisiert werden kann, wurde leider verpasst.

— Alexa Bodammer
© Daniel Kurz
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