14.03.2018

Summen

Fotografien von Hans Danuser in der Villa Garbald in Castasegna

«Das Einprägsamste ist das Summen im Garten der Villa Garbald», meint Hans Danuser und schmunzelt über den doppelten Sinn seiner Aussage. Er meint das Haus im Bergell mit seiner Schnittmenge an Kulturgeschichte – und ebenso den Villengarten als Ziel von Insekten. In den achtziger Jahren war das noch anders, die Villa Garbald ein vergessener Ort, als Hans Danuser mit seiner Frau Brigitta im zweiten Obergeschoss der Villa gewohnt hat. Seitdem ist das Haus – von Gottfried Semper 1862 errichtet – saniert; der künstlerische Schatz des Fotografen Andrea Garbald, des ältesten Sohns des Bauherrn, gehoben; die Bibliothek im Haus wieder zugänglich; die Geschichte der Villa erforscht. Darüber hinaus steht ihr seit 2004 ein Neubau mit Gästezimmer zur Seite, entworfen von Miller & Maranta (wbw 11 – 2004). Alle Elemente sind über den Garten verbunden. Villa und Freiraum konnten mit Hilfe von Heimat- wie Denkmalschutz und vielen mehr in Stand gestellt, der Garten durch die Landschaftsarchitektin Jane Bihr-de Salis erweitert werden. Sie hat ihn den neuen Bedürfnissen angepasst. Das mittige Baumpaar aus Scheinzypresse und Stechpalme teilt ihn in eine obere und untere Hälfte. Unten berücksichtigte sie grösstenteils die originale Bepflanzung, oben blühen auf der Wiese Aprikosen und Hortensien, gleichfalls ein Beet mit Beerensträuchern sowie eines mit Schnittblumen – auf das noch zurückzukommen ist. Die Anlage ist von einer Mauer umgürtet, aus der heraus der Sichtbeton des Neubaus aufragt, halb Gartenhaus, halb Befestigung.
An diesen Umtrieben hatte Hans Danuser als Präsident der Stiftung 1997 – 2008 massgeblichen Anteil. Obwohl die Fondazione Garbald bereits seit 1955 bestand, hat der Ort seine kulturelle Nutzung erst im Um- und Neubau gefunden.

Architektur und Kunst

Nun sind neue und alte Teile längst gut am Ort verwachsen, die Tagungsstätte unter dem Motto «Denklabor Garbald» ist für Retraiten nachgefragt. Die ETH sowie die Universität Zürich nutzen sie regelmässig, gleichwohl steht sie allen offen. Immer noch schneidet Hans Danuser die Trauben der Semperschen Pergola im Garten in Castasegna. Und seit fünf Jahren fotografiert er auch dort. Was genauer Beobachtung entsprang, hat sich zu einer Ode an diesen Ort entwickelt: Das Leben, genauer die Früchte des Gartens sind die Motive seiner Fotografie. Hans Danuser macht mit den Gartenblumen die Essenz des Ortes sichtbar, denn erst der Garten macht ja die Villa aus (vgl. Die Villa wbw 6 – 2015). Den Blumen widmet er seine aktuelle Kunsteinrichtung. Seine Bilder können nun in Alt- und Neubau der Fondazione Garbald bis zum Sommer besichtigt werden. Organisiert hat die Schau das Bündner Kunstmuseum, wo Danuser 2017 gerade eine monografische Ausstellung eröffnet hat. Fast wie für seine berühmt gewordenen Bilder der Architektur von Peter Zumthor – die dem Holzzaun im Vordergrund grössere Aufmerksamkeit zuteil werden liessen als der Kapelle Sogn Benedetg, um die lokalen Kreisläufe ins Bild zu rücken – war Hans Danuser auch im Garten von Castasegna unterwegs.
Vordergründig widmet sich die Kamera den Blumensträussen von Siska Willaert, die zusammen mit Arnout Hostens das Haus führt. Sie schmücken die Villa und das Gästehaus und stellen in jedem Raum einen Bezug zum Garten her. Hans Danuser hat diese bunten Sträusse fotografiert und so gleichzeitig deren Hintergrund, die Architektur von Alt- wie Neubau, porträtiert. Damit scheint er auf neue Weise die Grenze der Architekturfotografie (wbw 5 –2017) auszuloten.
Auf jeden Fall überraschen diese Fotos. Sie leuchten für einmal in bunten Farben und huldigen in ihrer digitalen Machart der ephemeren Schönheit der Blumen. Gleichzeitig erweist Danuser auch den Blumenbildern des Fotografen Andrea Garbald seine Reverenz. Die Installation ist mit spielerischem Witz aufgebaut: Fotos aus der Villa hängen in den Gästezimmern des Neubaus und umgekehrt.
So entstand eine vielschichtige Ausstellung mit Fotografien, die den Reichtum an Farb- und Lichtstimmungen einfangen – mitunter auch die farblichen Abstrahlungen aus dem Garten auf die Architektur des Ensembles. Die Pracht der Blumen setzt diejenige des Raums in Szene. Gerade Sempers Farbensinn und seine wieder freigelegten Wand- und Deckenmalereien kommen dabei vorzüglich zur Geltung. Der Bilderzyklus von Danuser ist denn auch nach der Textur und Stofflichkeit der Architektur von Gottfried Semper, Quintus Miller und Paola Maranta benannt.

Architekturfotografie als Konzeptkunst

In fast jedem Raum hängen nun bis zu drei Bilder. Meist spannt ihre Installation jeweils selber einen Raum im Raum auf, der im Wechselspiel mit dem Blick aus dem Fenster steht. Gleichzeitig könnten die Blumenbilder eigentlich auch immer dort hängen bleiben, und dauerhaft ihr Eigenleben entfalten, ganz im Gegensatz zu ihren vergänglichen Doppelgängern im Garten.
Reizvoll ist die dreifache Präsenz der Blumen: als Bild, in Form des real existierenden Blumenstrausses und in gewachsener Existenz im Garten, beim Blick aus dem Fenster. Dabei liest sich Hans Danusers Installation auch als Anspielung auf das bekannte Werk der Konzeptkunst One and Three Chairs von Joseph Kosuth.
In dieser Dichte von Bezügen legt die Kunst der Fotografie Fährten aus, die die Schätze des Ortes offenbaren und den Besuchern die Augen öffnen. Verführerisch ist die Vorstellung, dass junge Forschende bei ihrem Aufenthalt in der Fondazione Garbald angesichts der ausgestellten Fotografien über die Kreisläufe der Natur nachsinnen und die damit verbundenen Gedanken zur Nachhaltigkeit sinnlich erleben können.

— Roland Züger

Blumen für Andrea
Villa Garbald, Villaggio 5, 7608 Castasegna
bis 30. Juni, Besichtigung mit Führung auf Anmeldung samstags
www.garbald.ch

Gartenblumen als Schmuck in den neuen Gästezimmern (links) wie auch im Altbau (rechts) der Villa Garbald bilden die Motive der für einmal farbigen Fotos von Hans Danuser. 
Bilder: H.D. Casal
© H. D. Casal
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