06.11.2018

Grundlagenwerk Schulhausbau

Der Wandel in der Schule verwirrt Architekten ebenso wie Eltern; wer heute ein Schulhaus plant, weiss oft nicht so recht, wie dieses von den Lehrpersonen bespielt werden wird und erst recht nicht, welchen Anforderungen es in zehn oder zwanzig Jahren zu genügen hat. Einen umfassenden und äusserst anregenden Wegweiser bietet nun Schulen Planen und Bauen 2.0. Das Buch hilft Architekten ebenso wie Schulfachleuten, sich im Labyrinth zurechtzufinden und sich untereinander zu verständigen.

Unentbehrlich und innovativ

Schulen Planen und Bauen ist zwar schon 2012 zum ersten Mal erschienen, als interdisziplinäres Werk eines Teams, dem die Pädagogen Otto Seydel und Kersten Reich sowie die Architekten Jochem Schneider und Ernst Hubeli angehörten. Doch nun hat es die Architektin Barbara Pampe für die Montag Stiftung grundlegend überarbeitet und aktualisiert. Die räumlich-typologischen Empfehlungen sind dabei konkreter geworden, und die gebauten Fallbeispiele zeichnen ein anschauliches Bild vom Wandel im Schulbetrieb. Das neue Buch ist aber vor allen Dingen eine Einladung, den Wandel der Schule und seine Auswirkungen auf Typologie und Ausstattung besser zu verstehen. Es gibt keine einfachen Antworten auf diese zu finden. Trotz sehr klarer Haltungen zu den wesentlichen Fragen wie etwa zur Ganztagesschule oder den Anforderungen an die Typologie vermittelt es die Komplexität und Widersprüche der Aufgabe, und nie erliegen die Autorinnen und Autoren der Versuchung, den Entwurfsprozess gewissermassen vorwegzunehmen.

Dieser dialogische Modus spiegelt die Art und Weise, wie Schule heute immer öfter stattfindet: als Ort selbstorganisierten Lernens, das Fähigkeiten und Kompetenzen (auch soziale gehören dazu) höher gewichtet als die Reproduktion von Wissen. Als Ort auch, wo Bewegung und Zusammenarbeit ebenso wichtig sind wie Input und stilles Arbeiten.

Diese Art des Unterrichts sprengt zwangsläufig die traditionelle Dichotomie von Klassenzimmer und Korridor. Um wechselnde Konstellationen und Lernsituationen zu ermöglichen, sind flexiblere Raumanordnungen gefragt; die Rede ist von Konzepten wie «Klassenraum plus», «Cluster»und «Offene Lernlandschaft». Dabei nimmt die soziale und räumliche Komplexität vom einen zum anderen Ansatz zu: Steht im ersten Modell (in der Schweiz das geläufige) noch immer die einzelne Klasse im Zentrum, so tritt diese im Cluster in engen Austausch innerhalb einer etwas grösseren Gruppe. In der Offenen Lernlandschaft (wie sie dieses Buch definiert) geht die Klasse ganz in einer grösseren, flexiblen Einheit auf.

Bei diesen typologischen Fragen bleibt die Publikation freilich nicht stehen. Genauso vertieft werden Fragen der Betreuung, die Anforderungen an die Schulhausumgebung sowie jene der Ausstattung und Möblierung. Und ein grosses Kapitel widmet sich den interdisziplinären Prozessen der Schulraumentwicklung, die im Idealfall einem Wettbewerb vorausgehen. Schulen Planen und Bauen 2.0 ist absolut unentbehrlich für alle, die mit der Planung neuer Schulen zu tun haben.

— Daniel Kurz

Diese Buchbesprechung stammt aus dem Heft Lernlandschaften (wbw 11–2018).

Schulen Planen und Bauen 2.0
Grundlagen, Prozesse, Projekte
Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft (Hg.)
Jovis Verlag, Berlin 2017
424 Seiten, zahlreiche Abbildungen
19 × 25 cm, Klappenbroschur
EUR 34.80 / CHF 45.–
ISBN 978-3-86859-437-9

© Jovis Verlag
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