19.09.2019

Gute Architektur wie Bananen

Graue Architektur in einer grauen Stadt. Eine Warteschlange. Die Rede ist nicht von Ostberlin oder Moskau vor Perestroika und Wende 1989, sondern von London, drei Jahre später. Und die bunte Gruppe schlangestehender Menschen interessiert sich nicht für Bananen, sondern für Architektur.

Was bei der ersten Durchführung von Open House London sehr exotisch, unpopulär und kompliziert war, ist heute in fast 50 Städten fester Teil des Kulturprogramms. Open House ist eine internationale Non-Profit-Organisation, die nach einem offenen Prinzip Vorgaben zur Verfügung stellt, die an örtliche Gegebenheiten angepasst werden können. Laut Victoria Thornton, der Gründerin, liegen die Ziele in der Förderung eines breiteren Verständnisses von Architektur ausserhalb von Fachkreisen. Essenziell dabei ist, dass Architektur direkt erlebt wird, ein Gespräch zwischen Bauenden und Betrachtenden in Gang kommt. Normalerweise verschlossene Türen werden geöffnet.

Mit diesen Zielen identifiziert sich auch werk, bauen + wohnen. 2019 sind wir in Zürich Partner und in zwei Projekte involviert. Open House wird hier seit 2016 durchgeführt, und am Wochenende vom 28. und 29. September wird wieder ein Strauss von Bauten zugänglich. Zürich ist nach Wien die zweite Stadt in Kontinentaleuropa, in der das Konzept übernommen wurde. Basel ist seit 2018 dabei, dort werden die Türen im Mai 2020 wieder geöffnet.

Der hier Schreibende hat in Zürich schon vor längerer Zeit und im Zusammenhang mit der Auflage des städtischen kommunalen Richtplans nach ungewöhnlichen Möglichkeiten gesucht, um eine breite Diskussion über städtebauliche und architektonische Themen anzustossen. Zusammen mit zwei Freunden hat er die Gruppe MEHRZRH gegründet, die dieses Jahr zu Gast bei Open House Zürich ist. MEHRZRH – sprich meh Züri – wird am Sonntag 22. September zur Eröffnung der Open-House-Woche auf der Zürcher Josefwiese mit einer spielerisch-architektonischen Intervention aufwarten und eine Diskussion über Wachstum und Freiräume anstossen – zu der jeder und jede aktiv eingeladen sind, die Architektur, Sport und Picknicks mögen. Vernissage ist am Montag, 23. September, um 18 Uhr im Begegnungsort Jenseits.

werk, bauen + wohnen selber wird als offizielle Partnerin von Open House am Dienstag 24. September im Kino RiffRaff aktiv sein, und der hier Schreibende wird eine hochkarätig besetzte Diskussionsrunde leiten, bei der es um nichts weniger als die Institution des Architekturwettbewerbs geht. Nach dem sehenswerten Film The Competition, der das Alles-oder-Nichts-Prinzip eines internationalen Architekturwettbewerbs mit Starbeteiligung dekonstruiert (das Prinzip gilt eigentlich für jeden Architekturwettbewerb), wird die Frage verhandelt, was denn überhaupt die Erwartungen verschiedener Anspruchsgruppen an den Wettbewerb sind – mit offenem Visier und offenem Ausgang, denn es sitzen nicht nur Architekturschaffende auf dem Podium.

Grau? In der öffentlichen Wahrnehmung von Architektur hat sich seit 1992 viel verändert, in Zürich wie in London, wohl sogar weltweit. In London war Open House nebst vielen anderen engagierten Akteuren rund um die Architektur sicher auch mitverantwortlich, dass ein Klima entstehen konnte, in dem junge Büros mit innovativen ästhetischen Konzepten den Sprung aufs Festland schafften und bevorzugt in Zürich einen fruchtbaren Boden für ihre Arbeit fanden. Wie Bananen gehört heute gute Architektur einfach zum urbanen Leben.

— Tibor Joanelly

Open House Zürich öffnet 2019 die Türen am Wochenende vom 28. und 29. September. In der Woche davor finden zahlreiche Veranstaltungen statt. wbw lädt im Kino RiffRaff zum Podiumsgespräch über Wettbewerbe am Dienstag, 24. September. Davor wird der Film The Competition gezeigt. MEHRZRH startet mit einer Aktion auf der Zürcher Josefwiese am Sonntag 22. September. Open House Basel öffnet die Türen am Wochenende vom 16. und 17. Mai 2020.

© Mathias Hauenstein
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