02.11.2015

Honorarofferte verdrängt Wettbewerb

Für öffentliche Bauaufgaben wird immer wieder ein vereinfachtes Planer-Auswahlverfahren ins Spiel gebracht, bei dem alleine die tiefste Offerte zu einer Vergabe führen soll. Ein solches Vorgehen mag für den Einkauf von Büromobiliar richtig sein – für die Bestellung von Architekturleistungen ist es problematisch. Auch die aktuelle Gesetzesrevision über das öffentliche Beschaffungswesen BöB in der Schweiz schliesst diese Möglichkeit nicht explizit aus.

In Frankreich ist diese Praxis schon weit etabliert, und sie zeitigt drastische Folgen. In Fortschreibung der Politik von Nicolas Sarkozy wird sie zum Verhängnis für Architekten vor allem auf dem Land. «Für kleinere Aufgaben werden heute kaum mehr Wettbewerbe durchgeführt. Sanierungen, Umbauten und kleinere Neubauten für die Öffentlichkeit werden nur noch aufgrund von Honorarofferten vergeben – mit der Konsequenz, dass jeweils das tiefere Honorar sticht», so ein Architekt aus der Franche-Comté im Gespräch. Eine nach den Regeln der Kunst erfolgte Bearbeitung der Aufgabe wird zur reinen Glückssache.

Die neue Praxis steht im Gegensatz zu den bislang geübten Verfahren. Noch vor nicht langer Zeit wurden die Planerleistungen in direkten Gesprächen jeweils direkt zwischen den Bürgermeistern und eingeladenen Architekturbüros evaluiert und vergeben – ein System, wie man es auch in den USA kennt. Für die «kleine» Architektur auf dem Land konnte so mit kleinem Aufwand ein gewisses Qualitätsniveau gesichert werden. Dem für das Bauen in der französischen Provinz wichtigen persönlichen Vertrauen zwischen Architekt und Gemeinde half dieses Verfahren auf die Sprünge: Im Idealfall führt es zu herausragender, regional geprägter Architektur. In Heft 11-2015 berichten wir über solche Kongenialität und porträtieren den Architekten Bernard Quirot, von dem die oben erwähnte Aussage stammt.

Links: Revision des BeschaffungsrechtsReformstau im Beschaffungsrecht sowie Charta Faire Honorare

— Tibor Joanelly
© Stephan Girard
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