16.07.2018

Ins Gleichgewicht! Vor 60 Jahren öffnete die SAFFA ihre Tore

Eine kleine Ausstellung, die mehr als eine Notiz wert ist: Zur Erinnerung an die zweite SAFFA vor 60 Jahren – der Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit – zeigt das Museum für Gestaltung Zürich zusammen mit der Forscherinnengruppe dedra wenige, aber geschichtlich aufschlussreiche Exponate. Hinter dem etwas kryptischen Kürzel dedra verbergen sich bekannte Namen wie Inge Beckel, Helene Bihlmaier, Annemarie Bucher, Isabelle Fehlmann, Katia Frey und Eliana Perotti. Letztere beide haben mit werk, bauen + wohnen das Heft über Flora Ruchat-Roncati (wbw 12–2017) konzipiert und umgesetzt.

Die Auslage im oberen Foyer des frisch renovierten Baus von Adolf Steger und Karl Egender von 1933 empfängt die Besuchenden mit einem Appell: An die Aussenwand des von Max Bill gestalteten Vortragssaals sind Plakate geklebt, die eindeutig das Hauptanliegen jener Zeit: Das Frauenstimmrecht! einfordern und so indirekt wie nachdringlich auch heute Gleichberechtigung anmahnen – gerade bei Führungspositionen und Löhnen in gestalterischen Berufen.

Vertieft man(n) sich in die davor auf einem langen Tisch ausgebreitete Auslage, so beschleicht einen ein seltsames Gefühl: Das Weltbild der SAFFA-Macherinnen war durch und durch bürgerlich und vom Landi-Geist geprägt, nicht umsonst wird die Ausstellung unter dem Motto «Die Schweizerfrau. Ihr Leben, ihre Arbeit» als Die Landi der Frauen bezeichnet. Man darf gespannt sein auf ein angekündigtes Buch oder zumal auf einen folgenden Text, der mehr Aufschluss gibt über die Umstände der Zeit und die mit ihnen verbundene Denkweise zwischen geistiger Landesverteidigung und Aufbruch in die Moderne.

Eine Überraschung ist die auf dem Tisch mit minimalen Mitteln präsentierte «schwerpunktlose» Ausstellungsarchitektur von Chefarchitektin Annemarie Hubacher-Constam. «Schwerpunktlos» ist hier adelnd und nicht tadelnd notiert, denn die markantesten Bauten der SAFFA, der 40 Meter hohe Turm aus wiederverwendbaren Stahlprofilen und die drei Rundbauten aus Holz, erinnern an heutige Leichtkonstruktionen, etwa an Arbeiten am ETH-Lehrstuhl von Tom Emerson.

Der Clou an diesem Vergleich: Damals wie heute stand das Egalitäre im Vordergrund. Auf der Zürcher Landiwiese versammelten sich die Frauen, um der Schweiz ganz selbstbewusst und unmonumental zu zeigen, welche Kraft aus der gleichgewichtigen Beteiligung an der Gesellschaft erwachsen würde – und heute ist es eine kraftvoll unmonumentale Architektur, die offen ist für vielerlei Ansichten, Programme, Geschlechter. Schwere Setzungen braucht es für das Verhandeln der damit verbundenen Positionen nicht.

— Tibor Joanelly

Museum für Gestaltung Zürich
Ausstellungsstrasse 60
8004 Zürich
bis 9. September 2018
Di.–So. 10–17h
Mi. 10–20h

© Archiv Familie Hubacher
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