09.05.2017

Japans neue Blüten

Keine Klischees, versprochen! Aber Japan ist definitiv das Land der eingehaltenen Fahrpläne, der Freundlichkeit und der gelebten Tradition. Letztere äussert sich in einer alltäglich praktizierten Religiosität zwischen Shintō und Buddhismus genauso wie in der Wertschätzung von Ritualen, gesellschaftlichen Regeln und sogar bürokratischen Prozeduren. Demgegenüber gelten Japan – wo ich im April zu Gast war – und seine Hauptstadt Tokio als Hotspot internationaler Trends und neuester Gadgets, auch für die Architektur.

Es ist noch nicht lange her, dass der Hype des Wohnens im Kleinen geradezu elektrisierte; zahlreiche Tokioter Kleinst-Häuser von fashionablen Architektur-Stars wie Sanaa, Sou Fujimoto oder Go Hasegawa füllten die Seiten der Magazine und Blogs, als gäbe es für uns im Westen keine Alternative mehr zum hochverdichteten «Wohn-Modell Tokio».
Nun, nach dem Hype, erscheinen diese Häuser wie welke Kirschblüten. Bei der Visite vor Ort wird klar, dass es sich hier um Einzelstücke einer nicht verallgemeinerbaren, äusserst verfeinerten Avantgarde- und Couture-Kultur handelt. Darüber zu berichten überlassen wir anderen.

Der neuste glaubwürdige Trend heisst Quartierinitiative. Atelier Bow-Wow machten um 2008 einen Anfang, als sie in Kanazawa eine Machiya , ein altes, traditionelles Stadthaus renovierten und es in der Folge als Guest-House und Quartiercafé betrieben. Die Zeitschrift The Japan Architect widmete dem Thema der Stadtentwicklung von unten jüngst eine ganze Ausgabe (まちのはじまり, machinohajimari, Beginning of the town, JA 103/2016).

Die japanischen Städte waren seit jeher durch enge Nachbarschaften geprägt, die sozialen Austausch genauso mit sich brachten wie Kontrolle. Diese Form des Zusammenlebens ging mit der Modernisierung des Landes seit dem Zweiten Weltkrieg aber mehr und mehr verloren. Interessant am Phänomen der Rückbesinnung auf ein Zusammenleben im Quartier ist ein neu erwachtes Interesse an der Ästhetik des japanischen Stadthauses. Nostalgie und Sehnsucht nach sozialer Wärme mögen im digitalen Zeitalter die Gründe sein dafür. Die Aktualisierung von Nachbarschaft und Tradition ist in Japan aber auch in der stagnierenden Wirtschaftsleistung begründet, in Überalterung und Vereinzelung, in schwindenden staatlichen Dienstleistungen und mancherorts überhandnehmendem Tourismus. Beispiele für gelungene Initiativen, die Neo-Traditionalismus und Community vereinen, sind etwa der Umbau zweier Gebäude im Tokioter Stadtteil Yanaka zu einem Guest-House und einem Café mit Galerie durch das junge Büro Hagi Studio oder das neue Gemeindezentrum in Honmura auf der Insel Naoshima von Hiroshi Sambuichi.

Dass es sich bei den Neufassungen traditioneller Stadthäuser nicht um ein isoliertes Phänomen handeln kann, wurde mir klar, als ich in Kyoto mit meiner Familie in einem architektonisch anspruchslosen, aber ansonsten gepflegt im Retro-Stil neu renovierten Haus wohnte. Das Wort «Retro» habe ich im Zusammenhang mit Architektur in Japan nie gehört; da die japanische Kultur fremde Trends und Stile aber buchstäblich in Eigenes verwandeln kann, erlaube ich mir hier, die jüngsten Architekturblüten in Japan auch auf die japanische Art zu benennen: retoroākitekucha, レトロアーキテクチャ。

— Tibor Joanelly
© Tibor Joanelly
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