14.05.2021

Die kollektive Wohnfabrik

Von der einen Seite ertönt Vogelgesang, von der anderen dröhnt der Verkehrslärm. Zusammen mit der mexikanischen Architektin Fernanda Canales stehen wir am Übergang der beiden Klangwelten. Obwohl man in der Millionenmetropole Mexiko-Stadt ein intensives Geräuschmeer gewohnt ist, ist dieser Kontrast ungewöhnlich: Ein paar Schritte in die eine Richtung lassen entweder die Vögel oder die Strasse akustisch verblassen. Dieser Effekt ist auf die Mauern des Wohnprojekts Monte Albán im Stadtteil Narvarte zurückzuführen, das im Sommer 2019 fertiggestellt wurde.

Die verbindende vecindad

Zwei sehr unterschiedliche Strassen – die ruhige Quartierstrasse Monte Albán und die Strasse Concepción Beistegui neben der lauten Kreuzung, die zum Stadtzentrum führt – werden durch das L-förmige Grundstück verbunden, das durch die Zusammenlegung zweier langer, schmaler Parzellen entstanden ist. Die Architektin Fernanda Canales zeigt auf die beiden leuchtend gelben Eingangstore, die jeweils zu einer der Strasse führen. «Die Bewohner können wählen, wo sie hinausgehen. Der zwischen den beiden langgestreckten Gebäuden angelegte Verbindungsweg ist bewusst grosszügig gestaltet und verweist auf die Erschliessungspatios der vecindad», erklärt sie. Damit gemeint ist die in der Arbeiterklasse sehr verbreitete mexikanische Wohntypologie, wörtlich übersetzt mit Nachbarschaft. In der Regel handelt es sich um eine Reihe von Einzimmerwohnungen, die um einen offenen Innenhof angeordnet sind, der als erweiterter Wohnraum oder für Haushaltstätigkeiten wie Kochen oder Waschen genutzt wird.

Fernanda Canales nahm sich diese gemeinschaftsbasierte urbane Typologie, die sich seit Jahrhunderten bewährt hat, zum Vorbild und schuf nicht nur zwei Wohngebäude mit insgesamt 21 Wohnungen, sondern auch gemeinschaftsfördernde Aussenräume. Anders als in der traditionellen vecindad sind die Wohnungen in Monte Albán mit 70 bis 110 Quadratmetern deutlich grösser, und die Bewohner gehören zur oberen Mittelschicht. Hier ist der Aussenraum vor allem ein attraktiver Ort, in dem man sich gerne mit seinen Nachbarn trifft und der gleichzeitig zwischen privat und öffentlich vermittelt.

Graue Plastizität und tropische Pflanzen

Die beiden viergeschossigen Gebäude sind überwiegend grau. Die Aussenwände bestehen aus Sichtbeton und massgefertigten Betonziegeln in zwei Tiefen. Abwechselnd werden sie im Halbverband übereinander gestapelt, wodurch ein horizontales, plastisches Streifenmuster über die gesamte Höhe des Gebäudes entsteht und Licht- und Schatteneffekte bewirkt. Im Innenhof und in den Obergeschossen beleben prächtige tropische Pflanzen die Zugänge. Grossformatige Pflanztröge, ebenfalls aus Betonziegeln und Sichtbeton, säumen sie. Das leuchtende Gelb der Eingangstore findet sich in den Geländern, Treppen und Eingangstüren wieder. Gelbe, industriell anmutende Stahlträger geben der Betontreppe einen einzigartigen Ausdruck; es fühlt sich fast so, als ob man in den Bauch einer Maschine steigen würde.

Im Inneren des schützenden Kokons

Eine junge Architektin, die eine der Wohnungen im obersten Stockwerk bewohnt, lässt uns durch ihre knallgelbe Eingangstür eintreten. Wir betreten den hohen Wohnraum mit offener Küche. Die Decke zeichnet ein Sheddach, durch dessen obere Fensterbänder angenehmes Licht fällt. Die Wahl der Sheddächer begründet Canales in ihrer gewohnt pragmatischen Art damit, dass Sheddächer, die vor allem bei funktionalen Produktionsstätten eingesetzt werden, bekanntlich die besten Lichtverhältnisse bieten. Warum nicht davon profitieren?

Diese Wohnung besteht aus drei Modulen, erläutert die Architektin Canales. Insgesamt habe sie für dieses Projekt sechs Wohnungstypologien entwickelt, die aus Modulen bestehen, die nebeneinander oder übereinander im Duplex angeordnet wurden und Diversität versprechen.

Zwischen Einheit und Bewegung

Die Krönung der Dachgeschosswohnung ist die grosse Dachterrasse. Von hier aus lässt sich das Projekt in seiner Gesamtheit erfassen. Eine Sicht, die man von der Strasse aus nicht hatte. Denn es sind nur die kurzen Zwillingsfassaden, die zur Strasse hin hervortreten. Die beiden kräftig wirkenden Gebäude, die zusammen eine Winkelform bilden, erwecken den Eindruck, als würden sie die vor ihnen liegenden Häuser in einer schützenden Geste umarmen. Das einheitliche graue Kleid der neuen Wohnfabrik schafft eine klare Identität im Viertel Narvarte, das ein Spiegelbild verschiedenster Bauepochen, Bauvorschriften und Farbpaletten zu sein scheint.

— Laure Nashed

Unsere Autorin und Korrespondentin lebt und arbeitet in Mexiko-Stadt und betreibt die Plattform «Learning from Mexico».

© Laure Nashed
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Monte Albán in Narvarte, Mexiko-Stadt, Fernanda Canales, 2019