23.10.2018

Landschaft gegen Spitex

Seien Sie eine Drohne. Setzen Sie ihre Propellerchen in Gang und heben Sie ab vom Parkplatz vor der Betriebszentrale Süd der SBB in Pollegio; steigen Sie in einer ausladenden Kurve Richtung Westen und Süden in die Höhe: Ihre Flugbahn folgt der steilen Talflanke, dann kreuzen Sie in einem Bogen die schnurgerade Trassee der SBB. Endlich, hoch über dem Tal, finden Sie das Ziel Ihrer Trajektorie. Ihre Kamera fokussiert auf das Ensemble von Südportal und Betriebsgebäude: Grossartig, nicht wahr?

Doch etwas ist seltsam. Neben dem erratisch in der Landschaft stehenden Betriebsgebäude von Bruno Fioretti Marquez Architekten, neben Freischalt- und Geleisanlagen, steht ein weiteres Objekt: das Besucherzentrum für den Bau des Gotthard-Basistunnels, errichtet 2003 als Provisorium von Bauzeit Architekten aus Biel. Seltsam der Zeit entrückt wirkt es nach nur 15 Jahren und auch etwas deplatziert in der Landschaft. Mehr der Kantonsstrasse nahe als den Geleisen. Es soll nach Erfüllung seiner Aufgabe ja auch abgerissen werden, so war es immer gedacht. Dagegen regt sich nun Widerstand.

Im Tessin, wo es in Tälern und Dörfern oft an gemeinschaftlichem Land und Geld mangelt, kam man darauf, dass das Gebäude sehr gut für einen allgemeinen Nutzen gebraucht werden könnte, für ein Seniorenzentrum etwa, als Stützpunkt für das Polizeikorps oder zuletzt für die Spitex. Ein Kauf durch den Kanton wurde diskutiert und dann aber verworfen, weil eine Umnutzung zu kompliziert und mit planungsrechtlichem Aufwand verbunden wäre: Eine Zonenplanänderung wäre nötig und vor allem die Übertragung der Nutzfläche von einem anderen Ort.

Der Abriss ist für den 31. Dezember geplant. Und mit dem Blick der noch immer über allem schwebenden Drohne muss man sagen: zum Glück und hoffentlich. Denn für einmal darf hier die vom Menschen gestaltete Landschaft, das Tessiner Territorio in reinster und vor allem zeitgemässer Form erstehen, ohne Nostalgie à la Rustico und Kastanienhain. Dass der Blick der Drohne hier gleich eine ganze Menge guter Grundsätze infragestellt – nachhaltige Verwendung, Beteiligung der Bevölkerung, lokale Netzwerke, Baukultur und so weiter – müsste eigentlich der Landschaft wegen für einmal hintangestellt werden.

Letztlich geht es hier um die Frage nach dem Erhalt des Besucherzentrums aus einem sehr schweizerischen Grund. Wäre es wirklich auch als ein Provisorium gebaut worden – es kostete über zehn Millionen Franken – so würde man sich über einen Abriss keine weiteren Gedanken machen. Nachhaltige Planung sieht anders aus, denken Sie sich vielleicht jetzt als intelligente Drohne – und setzen zur Landung an, noch bevor der Akku ganz leer ist.

— Tibor Joanelly
© Alptransit Gotthard AG
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