20.11.2019

Wohnen in den späten Lebensjahren

Im Frühherbst dieses Jahres haben wir uns im Heft «Autonom im Alter» mit den Wohnbedürfnissen älterer Menschen und neuen Formen des selbstständigen Wohnens befasst. Das Heft ist zu einer Art Handbuch zu diesem Thema geworden.

Nun ist zum gleichen Thema soeben der Age Report IV erschienen, das wissenschaftliche Standardwerk zu einem Thema – erstmals übrigens als Koproduktion der Deutschschweizer Age Stiftung mit der Fondation Leenaards in Lausanne. Die Age Stiftung befragt regelmässig ältere Menschen zu ihrer Wohnsituation und publiziert diese Erkenntnisse, ergänzt um aktuelle Expertenberichte, im Age Report, der soeben in vierter Folge erschienen ist. Die gute Nachricht vorab: 88 Prozent der älteren Schweizerinnen und Schweizer sind mit ihrer persönlichen Wohnsituation sehr zufrieden – ein ebenso hoher Prozentsatz wohnt freilich in den eigenen vier Wänden. Die positive Einschätzung ist jedoch in hohem Mass von den finanziellen Möglichkeiten der Befragten abhängig, und sie ändert sich oft drastisch im höheren Alter, wenn gesundheitliche Einschränkungen überhand nehmen und die gewohnte Autonomie in Frage stellen.

Der Age Report sieht daher durchaus Handlungsbedarf. Erstens ist eine erhebliche Zahl älterer Menschen immer noch mit Armut konfrontiert, da die AHV allein den Lebensunterhalt nicht sicherstellt. Zweitens fehlt in der wachsenden Zahl von Service-Angeboten zur Unterstützung selbstständigen Wohnens immer mehr die Übersicht; eine bessere Koordination und Zugänglichkeit der Angebote könnte den Verbleib in den eigenen vier Wänden erleichtern. Und drittens kommt im sehr hohen Alter oftmals doch der Zwang, die Sicherheit eines Alters- und Pflegeheims zu wählen – auch wenn das durchschnittliche Eintrittsalter laufend steigt und die Heime immer mehr zu reinen Pflege-Institutionen werden. Umso wichtiger sind für den oft jahrelangen Aufenthalt ihrer Bewohner eine wohnliche Stimmung, ein personalisierter Privatbereich und überhaupt ein Maximum an Würde, Autonomie und auch an sozialem Kontakt. Bruno Marchand zeigt dies sehr schön in seinem Beitrag über die neuere Entwicklung in der Heimarchitektur auf. Und ein eigener Beitrag erläutert, dass auch das Sterben eigener Formen und einer Regie bedarf, gerade in Institutionen, wo dieses zum Alltag gehört.

Der Age-Report IV bietet vertiefte Einblicke in die Thematik des Alterswohnen. Wer sich aber spezifisch für autonome Wohnformen abseits von Heim oder Eigenheim interessiert, dem empfehlen wir ausserdem einen Blick in das Themenheft «Autonom im Alter».

— Daniel Kurz

Mehr über den neuen Age Report IV gibt es hier.

© Seismo Verlag
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