15.08.2018

Medium REM

REM nennt sich nicht nur eine in den 1990er Jahren erfolgreiche Popgruppe aus den USA, sondern mit Rapid Eye Movement zuerst die heftige Augenbewegung zu Beginn der Traumphase beim Menschen – und mit Vornamen auch der niederländische Architekt Koolhaas. Und REM ist auch der Titel eines Filmporträts, den dessen Sohn Tomas nun online gestellt hat.

Der Film über den Stararchitekten wird seinem assoziationsreichen Titel mehr als gerecht: Nachdem in einem fulminanten Intro ein Parkour-Läufer die Casa da Musica in Porto (2005) auf ihre street-credibility hin «abgeturnt» hat, sieht man Vater Rem zuerst in New York – dem Ort der Theoriebildung rund um sein 1978 erschienenes Kultbuch Delirious New York – und dann eine endlose Zeit lang auf Baustellen, im Büro, an der Biennale und beim Schwimmen. Die eigentlich wenigen Einstellungen sind in kürzeste Sequenzen unter Slowmotion zerschnipselt und, dem REM-Phänomen ähnlich, zu einem rastlosen Ritt durch Zeit und Raum montiert. Unterlegt ist das Ganze mit einer nervtötenden Musikmischung aus Minimal und pathetischem Ambient.

Doch es lohnt sich, diese delirierende Sequenz an Augen und Ohren vorbeiziehen zu lassen. Denn etwa in der Mitte des Films ist es nicht mehr der Stararchitekt, der stets der Kamera zwei Schritte vorauseilt – wie wenn das Phänomen Koolhaas persönlich nicht zu fassen wäre – sondern sind es die Bauten seines Büros OMA, die über ihre Nutzer zu Sprechenden werden. Es ist überwältigend zu sehen und zu hören, wie etwa zwei obdachlose Amerikaner die Seattle Central Library (2004) als ihre Tagesheimat bezeichnen und über sich und den Bau erzählen. Und Laure Boudet bringt es dann in der Villa dall’Ava (1991) ganz auf den Punkt: «Das Haus gibt einem den Eindruck, dass es sein eigenes Leben hat.» Hallo Architektur! Hallo Rem.

Tomas Koolhaas zeigt seinen Vater als einen der ganz grossen Architekten unserer Zeit, als getriebene Person, die sich in einem Universum von Menschen, Dingen und Kontexten bewegt wie ein Fisch im Wasser – die Metapher des Schwimmens ist ein Leitmotiv – und hier liegt vielleicht auch die spannendste Aussage und Einsicht dieses nicht über alle Zweifel erhabenen Films. Rem Koolhaas, der seine berufliche Laufbahn als Journalist begonnen hat, folgt der Architektur mit einem journalistischen Interesse. Mit Manhattan, der Stadt des 20. Jahrhunderts schlechthin, fand er bereits in den 1970er Jahren Antworten auf Fragen, die das globalisierte 21. Jahrhundert erst stellen würde. (Oder deren Prophezeiungen sich nun selbst erfüllt haben.)

Neugierde ist das, was Koolhaas durch die Zeiten und Räume treibt. Dabei bleibt er, wenn er im Mittelpunkt des Interesses steht, distanziert und «transparent», als würde er nicht von sich sprechen. Im Medium Film und im Kreise seiner ungezählten Mitarbeiter und Zuträger wirkt Koolhaas selbst wie ein Medium. Er ist derjenige, der Ideen, Gedanken und den Geist unserer Zeit empfängt und scheinbar ohne eigenes Zutun in Architektur umwandelt. Bezeichnend für dieses Nicht-präsent-sein-wollen wird die Aussage über das Verhältnis zu fertiggestellten Gebäuden: Er versuche sich so schnell wie möglich von ihnen zu lösen, um die Freiheit zu haben, sie auf verschiedene Wege zu geniessen und eine objektive Sicht zu gewinnen. Hier spricht sicher auch die Bescheidenheit des Mächtigen.

Mit der ruhigen, abgeklärt und nachdenklich wirkenden Stimme von Vater Koolhaas aus dem Off wirkt der Film von Sohn Tomas wie eine Aneinanderreihung von Traumsequenzen. Fiktion? Realität? Es ist anzunehmen, dass uns Menschen ein Teil des Träumens dem Vergessen dient, ein anderer dem Neu-Arrangieren und Neubewerten von Erlebtem und Gelerntem. Und so schliesst auch der Film mit Koolhaas’ Feststellung, dass sein Hirn nicht mehr dasselbe sein könne wie vor zwanzig Jahren: Ist für ihn Architektur also eine Art Bewusstseinserweiterung? Ja, warum denn nicht. Oder vielleicht eher eine Reportage von der sich rasant verändernden Welt. Mit bald 74 Jahren spricht der Architekt Koolhaas nicht ohne Pathos: «Highly motivated to continue reporting

— Tibor Joanelly

REM, ein Film von Tomas Koolhaas
Video on demand auf vimeo.com
Oder im Kino gemäss https://www.facebook.com/remdocumentary/

© Tomas Koolhaas
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