15.06.2018

Mit Lehm gegen die Bildungskrise

Projekt zum Bau von 100 Schulen für syrische Flüchtlinge

Die aktuelle Ausgabe 6-2018 von werk, bauen + wohnen beleuchtet, wie sich Lehm in Europa zum Massenprodukt entwickelt. Im Nahen Osten sollen die Verfügbarkeit, einfache Einsetzbarkeit und Nachhaltigkeit des Baumaterials nun zur Linderung einer akuten Krise beitragen. Zu den verheerendsten Folgen des seit 2011 andauernden Krieges in Syrien gehört der Verlust von Schulbildung für eine ganze Generation: Die Mehrheit der über 5 Millionen Flüchtlinge in den Nachbarländern sind Kinder, rund zwei Drittel von ihnen gehen in keine Schule. Um dieser humanitären Katastrophe zu begegnen, hat die NGO Emergency Architecture & Human Rights (EAHR) das Projekt 100 Classrooms for Refugee Children in the Middle East ins Leben gerufen. Die Bauten sollen in und um die Flüchtlingscamps und so weit möglich unter Verwendung vor Ort verfügbarer Ressourcen entstehen, sprich: mithilfe der Flüchtlinge und in Lehmbauweise. Die Vermittlung von Know-how über die Wiederaufnahme und Weiterentwicklung der regionalen Bautradition ist dabei ein zentrales Anliegen.

Der erste Schulraum im Rahmen der Kampagne ist 2017 im jordanischen Za'atari entstanden. Dieses Dorf liegt unmittelbar neben dem mit rund 80'000 Einwohnern grössten Flüchtlingscamp der Region. Und auch die Mehrheit der 28'000 Dorfbewohner sind inzwischen Syrer. Der dringend benötigte Schulraum wird daher sowohl von Flüchtlingen als auch von der lokalen Bevölkerung genutzt. Erbaut wurde er in der sogenannten Superadobe-Technik: Mit Lehm gefüllte Textilsäcke werden dabei zu einem Ein-Raum-Haus in der Form eines Bienenkorbs aufeinander gestapelt. Die an vernakuläre Strukturen in Syrien angelehnte Bauweise lässt sich schnell realisieren und ist bezüglich Kosten und Raumklima günstiger als Zelte, Container oder Bauten aus Zementblöcken. Das Projekt wurde unlängst von Archdaily als Gebäude des Jahres 2018 in der Kategorie Small-Scale Architecture ausgezeichnet.

Das zweite Teilprojekt, das EAHR jetzt in Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnerorganisationen in Jordanien umsetzt, ist ein kleiner Schulcampus mit 5 Klassenräumen in Azraq, wo sich ein weiteres Flüchtlingscamp mit derzeit rund 35'000 Bewohnern befindet. Die Anlage, die aus Lehmziegeln erstellt wird, soll rund 110'000 Franken kosten und ab September Flüchtlingen und Einheimischen als Schule und Weiterbildungszentrum dienen. Die Plattform Architecture for Refugees Schweiz organisiert hierfür eine Crowdfunding-Kampagne, die 15'000 Franken für den Bau eines der Schulgebäude zu dem Projekt beitragen will. Ein lächerlich kleiner Betrag, wenn man ihn Schweizer Relationen setzt: An einer Informationsveranstaltung zum Projekt, das Architecture for Refugees im Architekturforum Zürich durchführte, rechnete Architekt Roger Boltshauser vor, dass bei seinem Lehmbau für das Schulhaus Allenmoos sechs Klassenzimmer rund 9 Millionen Franken kosteten. Die Sammlung für Azraq läuft noch bis zum 27. Juni.

— Benjamin Muschg
© Emergency Architecture & Human Rights
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