01.02.2017

Niedrigzinshäuser

Das Niedrige oder Wenige ist gross im Trend. Wer mit einer Niedrigtemperaturheizung sein Niedrigenergiehaus erwärmt, steht bestimmt auf der richtigen Seite der Geschichte. Aber was machen wir mit all den Niedrigzinshäusern, die im Schweizer Mittelland herumstehen? Still und heimlich hat sich der Zins aus unserem Alltag verabschiedet; es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis die Banken sogar von den Kleinsparern Negativzinsen verlangen werden. Händeringend sucht das Kapital – allen voran die Pensionskassen – Anlagemöglichkeiten und findet sie fast nur noch in Immobilien. Kürzlich berichtete der Tages-Anzeiger in einem Artikel im Wirtschaftsteil von diesen Gebäuden, die wir hier Niedrigzinshäuser nennen wollen. Sie sind ein gebauter Ausdruck eines Marktproblems – und, wie so oft in solchen Fällen, vergrössern sie das Problem nur noch.
Die Not ist offenbar dermassen gross, dass die Niedrigzinshäuser irgendwo hingestellt werden, wo es noch freie Bauzonen gibt. Es wirkt wie Torschlusspanik: Denn bekanntlich ist die Zeit der Landnahme vorbei. Wir können nicht mehr beliebig die Bauzonen ausdehnen. An diesen durchschnittlichen Lagen im mittleren Mittelland fehlt allerdings die Nachfrage nach diesen Neubauwohnungen. Mit anderen Worten: Die Niedrigzinshäuser interessieren niemanden; ein Jahr nach Bauvollendung bleiben bis zu 70 Prozent der Wohnungen leer. Ausserdem würden, so der Tages-Anzeiger weiter, nicht nur zu viele Wohnungen am falschen Ort gebaut, sondern auch viel zu teure. In Egerkingen sei die «Zahlungsbereitschaft» (was für ein Wort!) nicht so gross wie in den Grossstädten und den ersten zwei bis drei Agglomerationsringen.
Und die Architektur? Sie mogelt sich so durch, wenn sie nicht ohnehin ein Nischendasein fristen muss. Kaum jemand macht sich darüber Gedanken, welche spezifischen Faktoren einen Standort ausmachen – ökonomisch, sozial, architektonisch. Das ist die grosse Misere und (bisher) verpasste Chance: Baut endlich richtige Agglo! Importiert nicht die ohnehin schon langweilige Architektur aus den Vorstädten, sondern erfindet andere Wohnungen in neuen Typen! Ihr hättet viel mehr Freiheiten als in der gebauten und in vielfacher Hinsicht denkmalgeschützten Stadt. Nutzt sie!

— Caspar Schärer
© Caspar Schärer
Anzeige