09.04.2019

Projekt als Projektil: Eine Zuschrift

Bezahlbarer Wohnraum? Bezahlbarer Wohnraum ist in Grossstädten wie beispielsweise München, Zürich oder London schon länger knapp, auch für Normalverdiener. Wohnraum wird darum immer mehr zum Luxusprodukt in einem unregulierten Markt und zum Kriterium für gesellschaftlichen Ausschluss. Erstmals seit den Verwerfungen der 1920er Jahre wird die Beschaffung von Wohnraum wieder zu einer der wichtigsten sozialen Herausforderungen, aktuelle Diskussionen in Deutschland um allfällige Enteignungen von Immobilienfirmen machen dies deutlich.

Und die Architektur? Zurzeit werden international viele Wettbewerbe mit dem Thema des günstigen Wohnens ausgeschrieben. Auch in London, ausgerechnet im aggressivsten Immobilienmarkt von Europa! Das Problem des fehlenden Wohnraums wird mit der Diskussion um einen Brexit verschärft und lähmt das ganze Land. England ist nicht zu beneiden. Unter politisch und sozial ohnehin aufgewirbelten Bedingungen wollten wir mit unserem Büro Opposite Office prüfen, inwiefern Architektur zu einer politischen Aussage kommen kann, und entschieden uns, am Wettbewerb teilzunehmen.

Kann Architektur ein Medium politischer Diskussion sein? Kann Architektur provozieren? Diese Frage stellten wir uns, als wir die Aufgabe Affordable Housing in London angingen. Unser Vorschlag: Wir wollten aus dem Buckingham Palace einen Affordable Palace machen. Die damit verbundene Frage: Muss man Sozialwohnungen überhaupt ansehen, dass es Wohnungen für «Arme» sind?

Mit 775 Zimmern und 79 Bädern ist das Raumangebot des Buckingham Palace nicht repräsentativ für die Mietwohnungen Londons. Die Zimmer sind mit funkelnden Kronleuchtern, kostbaren Teppichen, Marmorsäulen, Skulpturen und teuren Kunstwerken geschmückt. Warum nutzen wir also nicht diese bestehende Struktur zur Bekämpfung der Wohnungsnot?

Reaktionen, die unser Projekt provoziert hat, zeigen, dass im architektonischen Bild grosse Sprengkraft liegt. Die sozialen und politischen Implikationen eines Bauwerks werden beim Betrachten immer mitgedacht. Die britischen Boulevardzeitungen, gebürstet auf Sensation und Empörung, nahmen unser Angebot dankbar an – in einer Zeit notabene, in der die Definition der nationalen Identität in der Diskussion hervortritt wie seit Langem nicht mehr.

In den Kommentaren wurde vor allem die Tatsache herausgestellt, dass wir Deutschen uns respektlos-satirisch an einem britischen Nationalheiligtum vergriffen; von «Merkeltowers» war die Rede oder von «Albert Speer 2.0». Das Projekt weckte aber nicht nur nationalistische Ressentiments. Um das Fehlen von bezahlbarem Wohnraum zu erklären, wurde auch sofort die Flüchtlingsfrage ins Feld geführt: «If we didn’t have so many illegal immigrants here, there wouldn’t be a problem.» Oder: «No need to do this at all just stop uncontrolled immigration problem solved.» Ein anderer Leser kommentierte unsere Aufstockung des Buckingham Palace folgendermassen: «50,000 Londoners - will any of them be white?» Diese aufgeheizte fremdenfeindliche Diskussion zeigt, dass politische Provokation durch ein architektonisches Projekt funktioniert. Doch nicht nur in Bezug auf Herkunft oder Hautfarbe: Andere Leser sahen die EU als Ursache der Wohnungsnot und wirtschaftlicher Schwierigkeiten und forderten einen schnellen Brexit: «So why wasnt this awarded to a British firm ?????» «So much for loyalty.» «And people want to remain in the EU?»

Der anscheinend verstörende Effekt eines aufgestockten Buckingham Palace provozierte extreme Gedanken – von Royalisten und Konservativen, die darin «Majestätsbeleidigung» und einen Angriff auf das ganze Volk sahen, bis hin zu Kapitalismuskritikern und linken Anarchisten, die hinter unseren Bildern bereits den kommenden Umsturz der Verhältnisse witterten.

Natürlich gab es im Netz und in den Leserbriefen auch Stellungnahmen, in denen der polemische Bildcharakter erkannt wurde, und die hinter die Verwirklichung von Feuertreppen, Fluren und statischen Berechnungen Fragezeichen setzten oder unser Projekt in einer politischen Dimension verankerten: «This was clearly never meant to be a serious proposal, but a commentary on the ever widening gap between the ultra rich and the growing poor and homeless population. Also the suggestion to put the glass box on top of the structure, I believe, to be a satirical dig at the many, MANY, similar adaptations of historical buildings that have been absolutely ruined by such ‹forward thinking› across the world.» Das architektonische Bild macht ein gesellschaftliches Problem sichtbar, das Projekt wird dabei polemisch.

Und wer dachte schon, dass ausgerechnet die Briten, die von sich gerne behaupten, den schwarzen Humor erfunden zu haben, so schlecht mit Provokation und Humor umgehen können? Eine Leserin formulierte es treffend: «Who knew that the Brits were so lacking in humour and so (still) in love with their anachronistic monarchy (yes that is you all you butt-hurty commenters). Did you not laugh at eight dramatic staircases and lift cores would descend through the historic palace so the queen can mingle with her subjects-turned-housemates in the communal areas. Ever seen the queen ‹mingling› with commoners?» Oder liegen all die Missverständnisse vielleicht vor allem auch daran, dass sich Architektur und Ironie ohnehin schlecht vertragen?

— Benedikt Hartl

Benedikt Hartl studierte Architektur an der Technischen Universität in München, an der School Of Architecture and Design in Oslo und an der Ardhi University in Dar Es Salaam. 2017 gründete er das Architekturbüro Opposite Office in München und Traunstein.

© Opposite Office
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