09.07.2021

Vor der Tür liegt Lateinamerika

Stadtraum und Öffentlichkeit von São Paulo für die Schweiz?

Auf dem Trottoir vor dem Schweizerischen Architekturmuseum schufen Shadi Rahbaran und Ursula Hürzeler kurzerhand eine neue Infrastruktur. Mit ihren Studierenden der Fachhochschule Nordwestschweiz bauten sie eine Rampe vor das Kunsthalle-Gebäude von Johann Jakob Stehlin (1872). Diese erschliesst die Räume des S AM jetzt von hinten her und bietet temporär einen ungewohnten Blick auf Barfüsserplatz, Lohnhof und Leonhard-Schulhaus. Eigentlich waren die beiden Basler Architektinnen beauftragt, die Szenografie für die in Teilen vom Architekturmuseum der TU München übernommene Ausstellung einzurichten. Diesen Auftrag haben sie weit interpretiert und so der Ausstellung zusammen mit Kurator Yuma Shinohara zu Basler Eigenständigkeit verholfen.

Soziale Kondensatoren

Für den neuen Eingang wurde eigens eine Balustrade am altehrwürdigen Stehlin-Bau demontiert und eingelagert. Der neue Access zum Schweizerischen Architekturmuseum erfolgt nun im Vergleich zu sonst (fast) schwellenlos, man betritt das Museum für einmal über den hintersten Saal. Dieser repräsentative Raum inszeniert wirkungsvoll das Thema der Ausstellung. Er ist weitgehend leer belassen, gegenüber dem temporären Eingang zeigt eine wandfüllende ­Fotografie die Skyline von São Paulo. Sie bildet den Hintergrund eines proppenvollen Schwimmbads. Eine Badeanstalt über den Dächern? Das 2017 fertiggestellte Projekt des SESC 24 de Maio von Paulo Mendes da Rocha und MMBB Arquitetos hat international für Furore gesorgt und ist das jüngste einer Reihe von Kultur- und Freizeitzentren in der brasilianischen Metropole.

SESC steht für Serviço Social do Comércio und ist eine private Institution, die Angestellten im Handelssektor seit 1946 in ganz Brasilien breit gefächerte soziale Dienstleistungen anbietet. 1967 schuf man mit dem (in der Ausstellung nicht gezeigten) SESC Consolaçāo von Ícaro de Castro Mello den architek­tonischen Prototyp, ein Gebäude, das Räume für Sport, Theater und Gesundheit enthält. 1982 konnte die mittlerweile zur Ikone gewordene SESC Pompeia von Lina Bo Bardi eingeweiht ­werden. Die Architektin prägte mass­geblich auch das Programm der Institution – und interpretierte das Gebäude in der Art eines sowjetisch-revolutionären Arbeiterclubs. In den Worten von Rem Koolhaas würde man heute sagen: als Social Condenser, der durch die Überlagerung verschiedenster Tätigkeiten die soziale «Reibungsenergie» zu neuen Gesellschaftsformen bringt.

Vergleichbar sind diese «Maschinen» durchaus mit den Volkshäusern oder Gemeinschaftszentren in Europa. Eine besondere brasilianische und massentaugliche Spielart aber entwickelte sich schon 1954 mit Oscar Niemeyers Marquise im Ibirapuera­-Park, einer riesigen schattenspendenden Dachfläche, die wichtige Kultureinrichtungen im Park verbindet und verschiedene Sport- und Freizeitanlagen beschirmt. Der Ort ist äusserst beliebt und nahezu zu jeder Tages- und Nachtzeit frequentiert (von fünf Uhr morgens bis Mitternacht).

Raum und Menschen gemischt

Doch der Reihe nach: Der Saal mit dem wandfüllenden Schwimmbadfoto ist der immersive Auftakt zu der in drei Themen gruppierten Ausstellung. Bevor der Saal mit Beispielen zu Open Spaces – zu denen die Marquise Niemeyers gehört – betreten wird, laden Stühle aus Mendes da Rochas Komplex als Large Multiprogrammatic Building zum Eintauchen und Sinnieren über mögliche Entsprechungen zu einer urbanen Kondensation ein: Zwischen den beiden Panoramen in Basel und São Paulo mischen sich die realen Geräusche von draussen mit dem imagi­nären Badi-Sound auf dem Bild. Sozialer und architektonischer Raum, energetisch aufgeladen, wie funktionierte so etwas hier bei uns?

Eine indirekte Antwort geben die Modelle in den nächsten zwei ­Sälen. Sie wurden von den Studierenden von Rahbaran Hürzeler angefertigt, ergänzen die Pläne, Texte und Diagramme aus München und erzählen unzählige Geschichten über São Paulo, den Stadtraum und die Menschen, die sich darin bewegen. Alle sind im Massstab 1 : 100 gefertigt; sie lassen sich untereinander und mit der Wirklichkeit jenseits der Rampe vergleichen. Und es werden einige Unterschiede zu unserem Stadtleben deutlich.

Inseln der Sicherheit

São Paulos Soziale Infrastrukturen – so der Untertitel der Ausstellung – sind eigentliche Inseln in einer Stadt, in der Öffentlichkeit kaum vorhanden und durch Kriminalität und Privatisierung herausgefordert ist. Deutlich wird dies etwa, wenn man erkennt, dass manche der Figürchen Wachleute darstellen, die für Sicherheit sorgen – oder wenn (anlässlich der Presseführung) zu erfahren ist, dass der offene Raum des Kulturzentrums Centro Cultural São Paulo ein beliebter, weil geschützter, Ort für die LGBTQ-Community darstellt. Dass Öffentlichkeit an Orte gebunden ist, zeigt auch die dritte Sektion der Ausstellung mit einem Porträt der Institutionen entlang der Avenida Paulista.

Teile einiger der porträtierten Bauten sind einen Raum weiter als Guckkastenmodelle erlebbar. Ein Besuch der Ausstellung lohnt sich alleine schon aufgrund dieser ebenfalls von Studierenden angefertigten Exponate. Mit einem Blick durch Fünfliber-grosse Löcher werden Besuchende unvermittelt nach São Paulo katapultiert; Menschen und Räume erscheinen hör- und riechbar, und die kurze Instant-Reise entschädigt mit minimalem CO2-Impact für die nun schon mehr als ein Jahr andauernde soziale Deprivation im Homeoffice.

Potenziale liegen dazwischen

Klar wird auch: Innenräume, die Öffentlichkeit produzieren, sind das Gegenmodell zu unserem Stadtverständnis, das stets vom Primat der Strasse ausgeht: von einer scharfen Trennung von Öffentlichem und Privatem. Dabei wird auch klar, dass das sogenannt Öffentliche der Strasse bei uns den Zufall urbaner Begegnungen nicht selten eher aus- als einschliesst und zu oft einfach nur die Konsumation auf einer Café-Terrasse meint – oder, immer sauber getrennt und geregelt, Spielplatz, Skater-Anlage, Badeanstalt oder Hundeversäuberungsplatz heisst.

Dass es vielleicht auch anders gehen könnte und dass zwischen Architektur und Strasse ein Dazwischen möglich ist, machen weitere Arbeiten Studierender sichtbar, im letzten Saal der Ausstellung (normalerweise dem ersten). Es sind Interventionen entlang des Rheins, mit denen soziale Kondensatoren für Basel gedanklich erprobt worden sind. Die Arbeiten zeigen zweierlei: Dass es für unser Verständnis nicht einfach ist, Räume jenseits von festgelegten Nutzungen zu denken. Und dass diejenigen Projekte am meisten Potenzial aufweisen, die sich vermittelnd zwischen verschiedene Stadtteile, soziale Schichten und Raumsituationen einschreiben. Mit dieser Idee im Kopf findet der eine oder die andere vielleicht den Weg aus der Ausstellung wieder hinaus auf die Strasse, sozusagen rückwärts durch den eigentlichen Eingang des Museums. Vor der Tür liegt Südamerika.

— Tibor Joanelly

Access for All
São Paulos soziale Infrastrukturen
bis 15. August 2021

S AM Schweizerisches Architekturmuseum
Steinenberg 7, 4051 Basel
www.sam-basel.org
Di / Mi / Fr 11 – 18 Uhr, Do 11 – 20.30 Uhr, Sa / So 11 – 17 Uhr

Katalog
Access for All. São Paulo’s Architectural Infrastructures
Andres Lepik, Daniel Talesnik (Hg.)
224 Seiten, 192 Abb.
21×28 cm, gebunden
CHF 39.— / EUR 38.—
ISBN 978-3-03860-163-0

© Ciro Miguel 2018
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