09.10.2018

Selbst denken

So wie dieser Titel heisst ein Buch von Harald Welzer, Sozialpsychologe und Zukunftsforscher. Seine These: Wenn es jedem und jeder einzelnen gelingt, für den Lohn eines guten Lebens mehr und mehr auf Konsum zu verzichten, dann müsste es auch möglich sein, mit gemeinsamen Zielen die Angst vor einer aus den Fugen geratenen Welt im Klimawandel zu bannen und wieder eine Zukunft zu denken. «Selbst denken» meint dabei praktisch denken, Verantwortung übernehmen, achtsam sein.

Materielle Wege, die hier helfen könnten, zeigt eine Ausstellung im S AM Schweizerisches Architekturmuseum in Basel. Transform ist die überraschende Montage von drei Positionen, bei denen es im engen wie im nahen Sinn ums «Umbauen», um den Umbau im Grundsätzlichen geht. Die Ausstellung postuliert einen Paradigmenwechsel für die Architektur.

Die Eingangssequenz verortet Architektur da, wo man sie nicht erwartet: im Bauen quasi ohne Budget, im industriellen Teilchenstrom der Do-it-yourself- und Versandkataloge und im Objekt selbst, das letztlich transformiert wird. Marc Angélil und Sarah Graham haben mit minimalsten Mitten Elemente eines Pferdestalls soweit neu konfiguriert und durch Katalogware ergänzt, dass dieser auch als Wohnhaus dienen kann.

Der zweite Raum zeigt ein Projekt von Lacaton & Vassal, Frédéric Druot und Christophe Hutin: Im Grand Ensemble Cité du Parc in Bordeaux haben sie bestehende Wohnungen mit einem Wintergarten um Aussicht und Nutzungskomfort erweitert. Die Installation im Massstab 1:1 bietet sowohl eine Sicht aus den alten Räumen in den Wintergarten als auch aus diesem hinaus in die Landschaft. Echte und abgebildete Topfpflanzen und Möbel verwischen die Grenze zwischen Wirklichkeit und Virtualität; der Wahrnehmungssprung von der Ausstellung ins Bild vollzieht sich erstaunlich leicht, die Illusion, im Wintergarten zu stehen, ist verblüffend. So lässt sich Architektur glaubwürdig ins Museum bringen.

Das Unglaubliche am gezeigten Projekt ist nicht die formale Rigidität und Nonchalance, mit der die Architekten seine Machbarkeit unter Beweis stellten oder gar die bedeutende Verbesserung der Lebensqualität, die für die Bewohner erreicht wurde. Ausserordentlich ist der Umstand, dass das Ganze für 500 Wohnungen auch durch die in den nächsten 20 Jahren eingesparte Energie finanziert werden soll. Das ist Energiewende und Wende zum guten Leben zugleich.

Der dritte Teil ist dann ein Heimspiel im geografischen Sinn. Er ist ein eigentliches Manifest des «Baubüros» in situ, von jenem in Basel gegründeten Kollektiv, das gebrauchte Bauteile nicht nur aufbereitet und weiterverkauft, sondern damit auch baut. Selbst baut. Ein aktuelles und kompromissloses Beispiel von Einsparung grauer Energie zeigen die Architekturschaffenden mit einem Projekt in Winterthur für die Anlagestiftung Abendrot. Auf dem Lagerplatz-Areal soll eine mächtige Aufstockung fast ohne neue Bauteile auskommen. Das Projekt ist in einem Raum als suggestive wie schlüssige Materialcollage präsentiert; in einem zweiten ist die Arbeit des mittlerweile zur Aktiengesellschaft gewachsenen Kollektivs als Materiallager von fast sakraler Atmosphäre inszeniert.

Das Eintauchen in die neu formatierten Materialbestände führt dazu, dass sprichwörtlich nicht immer klar ist, wo Architektur aufhört und der Gebrauch beginnt. Die Ambivalenz der Präsentation zwischen Realität und virtuellem Raum öffnet deshalb auch den Blick auf ein grundlegendes Problem der «selbst gedachten» Architektur: Im Universum des Zusammenfügens und der Bricollage sind alle Teile gleich sprechend, gleich berechtigt Wirkende: Topfpflanze, Ikea-Sofa, wiederverwendetes Aluminiumprofil, Lehmputz, Besucher, Kurator, Kritiker. Distanz wird schwierig und somit auch die Unterscheidung von Vorder- und Hintergrund, die für Architektur so bedeutend ist.

Der im wörtlichen wie übertragenen Sinn etwas unübersichtlich gewordene und vielleicht auch unaufgeräumte Raum der versammelten Kollektive stellt drängend die Frage nach der eigentlichen Aufgabe von Architektur, die historisch ja als Symbol der Ordnung und der Unterscheidung gedient hat. Eine Antwort kann nicht darin liegen, dass Architektur auf Exklusivität oder auf Präsenz zeitloser Formen setzt.

Eine etwas glaubwürdigere Antwort wäre vielleicht, Architektur einfach wieder vom Bauen zu unterscheiden, ganz so wie das etwa Walter Gropius am Bauhaus gemacht hat. Dann gäbe es einerseits freie und unbändige Bricollage auf allen Ebenen. Auf der anderen Seite aber gäbe es künftig auch Ressourcen zu gewinnen: für aufwändige und verfeinerte Kunstwerke, die das gute Leben architektonisch und als Bild der Gemeinschaft zum Ausdruck bringen.

— Tibor Joanelly

Transform
bis 4. November 2018
S AM Schweizerisches Architekturmuseum
Steinenberg 7, 4051 Basel
http://sam-basel.org

Im Klimawandel
Bauen mit der Erderwärmung
wbw 7/8–2018

© Tom Bisig
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