05.06.2019

Für erschöpfende «Solarkultur»

Nun auch das noch: Nachdem man sich angesichts des inflationären Gebrauchs des Wortes «Baukultur» an dessen etwas seltsame Verallgemeinerung von Architektur gewöhnt hat, erfindet das Bundesamt für Kultur mit der Herausgabe einer Broschüre einen weiteren Gemeinplatz: Die Solarkultur

Die Beantwortung der Frage, wie Solarenergie gekonnt mit Baukultur verbunden werden kann, entstammt wohl der Schwierigkeit, die Anliegen der Architektur und des sorgsamen Umgangs mit Bestehendem irgendwie für ein breiteres Publikum in prägnante Worte zu fassen.

Dabei ist es ja höchste Zeit, dass die Planung unter anderem von Photovoltaik-Anlagen gestalterischen Mindest-Standards folgt. Denn da, wo diese auf Dächern Sinn machen, sind sie auch besonders sichtbar. Dies wird insbesondere zum Problem bei sensiblen und geschützten Ortsbildern, für die eine technologische Aufrüstung schnell zum visuellen Problem wird, weil sie die Zeugenschaft wertvoller Ensembles der Lesbarkeit beraubt. 

Die Broschüre zeigt anhand von einer eingängigen Methode und mit Best-Practice-Beispielen, wie Photovoltaik- und Solaranagen auf Gemeindeebene richtig und verantwortungsvoll geplant werden können. Der Leitfaden plädiert dafür, Prioritäten zu setzen und Anlagen nur dort vorzusehen, wo es hinsichtlich von Sonneneinstrahlung und Ortsbild auch wirklich Sinn macht: nämlich etwa bei Neubauten in Gebieten, die ohnehin starken Transformationsprozessen unterworfen sind. 

Das Interessante an diesem Ansatz ist nicht das Bewahren des Wertvollen vor Verschandelung, sondern  das Schaffen von Gebieten, in denen das Ernten von Sonnenenergie zu einem integralen und sichtbaren Mittel des zeitgeistigen Ausdrucks wird – und somit zu einem positiven Merkmal schlechthin für das aktuelle Bauen, das nicht unbedingt im Ruf guter «Baukultur» steht.

Gegenüber dem stets etwas bemühend wirkenden Gebrauch des B-Wortes stehen Photovoltaik-Anlagen im gewichtigem Vorteil der materiellen Notwendigkeit. Wenn deren Umsetzung auch bewusst entworfen wird – sei es auf der Ebene des einzelnen Objekts oder auch auf derjenigen der Stadtlandschaft –, dann ist ein erschöpfender Gebrauch des Begriffs «Solarkultur» dem schwammigen und nach Begehrlichkeiten riechenden «Baukultur» vorzuziehen. Der Vorzug gilt übrigens auch für alle anderen spezifischen Wörter, die mit dem Anhängsel «-kultur» gebildet werden können: Zwischenraumkultur, Schwellenkultur, Gebrauchskultur, Umgangskultur…

Die Broschüre kann beim Bundesamt für Kultur bestellt oder heruntergeladen werden: bak.admin.ch

— Tibor Joanelly
© Geoffrey Cottenceau & Romain Rousset
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