20.05.2016

Stadtfotografie als Wimmelbild

Die Bilder führen mitten hinein ins Geschehen, zeigen den Gebrauch der Stadt und bieten zugleich eine ungewohnte Übersicht: Im jüngsten Städtebauheft mit dem Titel «Zwischenkritik» porträtierte der Fotograf Wolfgang Thaler für uns die Entwicklung in den Wiener Neubauquartieren Sonnwendviertel und Aspern. Woher kommt plötzlich diese Übersicht? Thaler hat sein Hochstativ in den neuen Stadtteilen bis auf acht Meter ausgefahren und damit Bildzeugnisse festgehalten, die Anlass bieten, über Gemeinsamkeiten von Stadtplanerinnen und Fotografen nachzudenken.
Thalers Fotos bleiben buchstäblich in der Schwebe zwischen zwei gegensätzlichen Blickwinkeln, welche die Stadtplanung, wie auch die Fotografie kennzeichnen: Das Auge der Planenden überfliegt, einem Vogel gleich, die Stadt oder ein Modell davon, um die Weichen der Stadtentwicklung zu stellen, während sich die Stadtqualität doch immer auf Augenhöhe der Bewohner entscheidet und in einem gelungenen Alltag spiegelt. Die Vogelschau ist die Herrschaftsperspektive: der Blick des Planers als Stratege auf dem Feldherrenhügel, ihm entsprach früher das Foto aus dem Ballon, heute erledigt das die Drohne. Demgegenüber steht die Perspektive auf Augenhöhe der Bewohner einer Stadt. Inmitten des urbanen Getümmels, als Urbanist in der mit taktischem Geschick ausgestattet, hat er in prekärer Lage zu agieren, denn die Situationen in der «Stadt auf Augenhöhe» (wbw 6-2013) lassen sich nicht wie ein städtebaulichen Masterplan festschreiben, sie kann sich augenblicklich ändern, wie das die Strassenfotografie immer im Blick hat.
Die Stadtansichten vom Hochstativ, wie von Wolfgang Thaler aus Wien, öffnen uns die Augen auf die Strassen- und Freiräume und rücken damit die Realität und Lebensqualität der Bewohnerinnen ins Bild. Thalers Kamera schweift von erhöhtem Standpunkt über Bauzäune und Autos hinweg, ohne dabei den Kontakt zum Sockel der Stadt, dem eigentlichen Lebensraum zu verlieren. Die dabei entstandenen Bilder betören durch ihre Tiefe, in die sie den Betrachter entführen. Der Stadtboden wird zur Bühne. Die Menschen darauf erscheinen als modellhafte Akteure, sind aber noch lange nicht zu Ameisen verzwergt. Die Fotos vom Hochstativ lassen uns nicht den Boden unter den Füssen verlieren. Sie offenbaren, wie sehr der Städtebau eine Frage von Blick- und Standpunkt ist.

— Roland Züger
© Wolfgang Thaler
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