26.04.2022

Symbiose von Bau und Kontext

Zur Tessenow-Ausstellung in Mendrisio

Das Werk des mecklenburgischen Meisters gerät nie aus der Mode. Wenn Glyzinien das Rankgerüst und Efeu die Stützen der Loggia erklimmen oder eine Schulanlage so innig mit der natürlichen Umgebung verwoben ist, dann klingt das nach vorbildlicher Architektur und nach Antworten auf drängende Fragen unserer Zeit. Bauten von der Güte etwa der Landesschule in Dresden-Klotzsche hat Heinrich Tessenow (1876–1950) bereits vor hundert Jahren realisiert.

Viele Bauten Tessenows fanden über die Zeit eine fruchtbare Rezeption. Einige sind Ikonen geworden, wie die kleinen Häuser. Man denke auch an das nun sanierte Festspielhaus in Hellerau (1911–12), das Stadtbad Berlin-Mitte (1929–30) oder die Umgestaltung der Neuen Wache von Karl Friedrich Schinkel in Berlin (1931). Vielen Architekturschaffenden eine Inspiration sind auch die Zeichnungen aus Tessenows Hand, die mit feinem Strich immer die Essenz ins Bild rücken. Und es verblüfft, wie sehr seine atmosphärischen Momentaufnahmen heute als Kritik am Architekturzirkus von Starsystem und Bling-Bling verstanden werden können. Tessenows Werk zeigt, wie selbst die bescheidensten Aufgabe in ein würdevolles Projekt mündet. Und angesichts des Klimanotstands fragt man sich: Ist nicht gerade dieses Masshalten aktueller denn je?

Mehr, als die Ikonen zeigen

Wer sich auf das Werk dieses bedeutenden deutschen Architekten einlassen will, muss für einmal nicht nach Norden, sondern in den Süden reisen, konkret ins Architekturtheater von Mario Botta in Mendrisio. Zum Abschied seiner Lehrtätigkeit an der Accademia hat Martin Boesch die Tessenow-Ausstellung organisiert. Allein schon wegen der zahlreichen Modelle, selbst von unrealisierten Projekten, lohnt ein Besuch. Viele wurden anlässlich von Boeschs Lehraufträgen durch Studierende gefertigt – in Genf, Hamburg oder Mendrisio.

Mit den drei Etagen des Ausstellungsbaus teilt sich auch die Schau in drei Kapitel auf: «Bauen in der Landschaft» im Erdgeschoss, darüber «Projekte für die Grossstadt» und zuoberst «Stadterweiterungen und Wiederaufbau» sowie «Das grosse Haus und das kleine Haus». Die Rückwände auf allen Geschossen schmücken raumhohe Fahnen, die jeweils einem ausgewählten Projekt gewidmet sind. Neben einem kurzen Erläuterungstext sind dort manch berühmte Handzeichnung sowie Pläne zu sehen; einige davon sind mit wissenschaftlicher Akribie rekonstruiert, denn mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ging auch Tessenows Archiv in Flammen auf. Der kleine Rest und was später dazukam wird heute in der Berliner Kunstbibliothek aufbewahrt.

Ausstellungsbesuchende können sich insbesondere auf die zahlreichen städtebaulichen Projekte für grosse öffentliche Gebäude wie Schulen freuen, aber auch solche aus den 1940er Jahren für ganze Kleinstädte oder grosse Stadterweiterungen. Dazu sind während der Recherchen zur Ausstellung einige bislang unbe­kannte Pläne aufgetaucht, auf dem Dachboden der Tochter des ehema­ligen Mitarbeiters Karl Buttmann: Originalskizzen, Tuschzeichnungen, Perspektiven. Sie gaben Anstoss für ein eigenes Kapitel in der Schau.

Unbekannte Ausstellungs­gestaltungen

Gleichwohl gibt es auch im Frühwerk noch Entdeckungen zu machen. In Dresden hat Tessenow oft Ausstellungen gestaltet, beispiels­weise zur Gartenbauausstellung 1926, wo er ein Ausstellungskaffee in rokokoartiger Verspieltheit und sat­ter Blumenpracht realisierte – ein weiteres Beispiel, wie Tessenow sich zeitlebens das Gebaute eng verfloch­ten mit dem Grünraum dachte.

In der Ausstellung sind auch Entwürfe zu sehen, die Tessenow für die Nazis gezeichnet hat. Er stand zwar nicht in erster Reihe in deren Dienst wie einige seiner zahlreichen Schüler – etwa Albert Speer oder Friedrich Tamms. Gleichwohl hat er sich dem Regime angedient, dabei aber keine Karriere gemacht, sondern sich schliesslich zurückgezogen. Stu­diert man Entwürfe aus jener Zeit wie das Seebad Prora, so wird schnell klar, warum. Tessenows Vorschlag einer zur Landschaft hin offenen Säulenhalle, er hat sie Festsaal genannt, statt der geforderten Halle mit zwanzig­tausend Plätzen, war ein Regelver­stoss im Wettbewerb. Stattdessen geht bei Tessenow der Landschafts­raum, besetzt mit schlanken Kiefern, fliessend in die Architektur über. Ob­ wohl Tessenows Entwurf ebenso wie das realisierte Gebäude von einer gi­gantischen Länge geprägt sind, erhebt er sich nicht über die Landschaft. Das Haus duckt sich in die Baumkronen, sucht die Nähe zur Natur: ein Haus für Menschen und Möwen.

Im Werk Tessenows wird so der raffinierte Bezug zum Kontext wohl das Lehrreichste, und das gilt für die grossen Stadtanlagen ebenso wie für die kleinen Bauten. Das zeigen die vielen Grundriss-­Reliefs, welche die Studierenden angefertigt haben. Das zeigen auch die Perspektiven, in de­nen sich das Gebäude nicht als Ob­jekt im Vorder­-, sondern meist im Hintergrund präsentiert. Und das zeigen selbstredend Tessenows Sied­lungsideen samt Selbstversorgung, die in der Reformzeit geboren wur­den. Da gehören die Katze auf der Sitzbank, der schlafende Hund unter dem Tisch oder die Hühner im Haus­garten einfach zur Architektur dazu.

Fundstücke archäologischer Recherchen

Vom Leben in der Architektur erzählen auch die Fundstücke in zahlreichen Vitrinen, die der Ausstel­lung einen besonderen Charme ver­leihen: das Fragment einer Tür aus Kassel, ein Mantelknopf mit Sowjet­stern aus der Dresdner Heide oder eine zerquetschte Heineken­-Dose aus den Engadiner Bergen, an die vom holländischen Brauer zerstörte Villa Böhler in St. Moritz gemahnend. An­ ekdotisch erzählen die Trouvaillen von der Präsenz Tessenows Bauten und ihrem Verschwinden, von dem Leben, das in ihnen zur Aufführung kam – aber ebenso von Boeschs ar­chäologischer Neugierde.

Die ebenfalls ausgestellten Fotos früherer Schülerinnen und Schüler der Landessschule Dresden­Klotz­ sche sind eine Frucht der Bekannt­schaften, die Boesch im Verlauf der Recherchen gemacht hat. Sie zeigen den Alltag im Gebäude oder im Gar­tenhof aus der Sicht der Nutzenden, die Architektur im Gebrauch. Solche Erinnerungsstücke oder Forschungs­ergebnisse bereichern die Schau un­gemein.

— Roland Züger

Heinrich Tessenow
bis 17. Juli 2022
Teatro dell’architettura
Via Turconi 25, 6850 Mendrisio www.tam.usi.ch
Di–Fr 14–18 Uhr, Sa–So 10–18 Uhr

Katalog
Heinrich Tessenow.
Annäherungen und ikonische Projekte / Avvicinamenti e progetti iconici
Martin Boesch (Hg.)
Hochparterre Verlag, Zürich / Mendrisio Academy Press, Mendrisio 2022 ca. 500 Seiten, ca. 900 Abb.
28.5 × 30 cm, gebunden
ca. CHF 90.— / ca. EUR 80.—
ISBN 978-3-909928-82-8
ISBN 978-8-836652-10-5

© Architekturmuseum TU Berlin
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