25.01.2017

Tagung zum ISOS-Inventar: Kompromisskultur?

Der grosse Saal in Aarau war bis auf den letzten Platz besetzt, die Tagung mehrfach ausgebucht – dabei ist das Objekt des grossen Interesses ein trockener Gegenstand: ISOS, das Inventar der schützenwerten Ortsbilder, das in 1300 Einzelinventaren den Siedlungsraum der ganzen Schweiz abdeckt. Ein Bundesgerichtsentscheid («Fall Rüti», 2009) und die Publikation des Inventars für die Stadt Zürich (2016) hatten das vorher wenig bekannte Inventar seinem Dornröschenschlaf entrissen. Bauprojekte und öffentliche Planungen, so hatte das oberste Gericht festgehalten, müssen die Schutzempfehlungen des Inventars berücksichtigen. Das hat Politik und Fachwelt aufgeschreckt. Der Schweizer Heimatschutz, die Vereinigung für Landesplanung VLP-ASPAN und das Bundesamt für Kultur luden zur Tagung nach Aarau, um zu diskutieren, was dies für die Praxis bedeutet.
 
Eine direkte Schutzwirkung hat das Inventar nur im Zusammenhang mit Bundesaufgaben – zu denen freilich seit Neuem, in Anwendung des neuen Raumplanungsgesetzes, auch sämtliche Neueinzonungen von Bauland zählen. Auf Um- und Aufzonungen hat das Inventar keinen direkten Einfluss. Kantone und Gemeinden stehen lediglich in der Pflicht, das ISOS bei ihren Planungsentscheiden angemessen «zu berücksichtigen». Das heisst, dass Abweichungen von den ISOS-Empfehlungen qualifiziert zu begründen sind. Vor allem, so mahnte VLP-Direktor Lukas Bühlmann, sollten sich aktuelle Richtpläne, Siedlungsleitbilder und Räumliche Entwicklungskonzepte auf die ISOS-Analysen stützen. In vorbildlicher Weise tut dies seit 2002 der Kanton Fribourg, wie Giancarla Papi aufzeigte.
 
Die meisten Referentinnen und Referenten setzten auf Beschwichtigung und Kompromiss: Das ISOS müsse vor Ort interpretiert werden, es sei Grundlage, nicht Resultat der konkreten «Interessenabwägung» (das meistgehörte Wort an dieser Tagung). Das ISOS soll Bausünden verhindern, der baulichen Entwicklung jedoch nicht im Weg stehen, betonte Oliver Martin, der zuständige Sektionschef im BAK. Und der Zürcher Raumplaner Sacha Peter zeigte auf, dass sogar im Rahmen von Bundesaufgaben die Schutzwirkung sehr relativ bleibt: Trotz höchster ISOS-Einstufung können etwa auf dem Campus ETH Hönggerberg Originalbauten von A. H. Steiner mit der Einwilligung des BAK abgebrochen werden, weil die Qualität des Campus ja durch das Planungsverfahren gesichert sei und durch die Abbrüche nicht geschmälert werde.
 
Ein Augenschein vor Ort zum «Fall Rüti» mit Adrian Schmid, dem Geschäftsleiter des Schweizer Heimatschutzes, vermag Fragen nach der Wirksamkeit des Inventars nicht schlüssig zu beantworten. Zwar sind dort die nun realisierten Bauten kleiner ausgefallen als im durch das Bundesgericht gekippten Gestaltungsplan; die beiden Eckhäuser und vor allem die Mehrfamilienhäuser in der zweiten Reihe – letztere wurden ausserhalb des vom Inventar erfassten Perimeters gebaut – vermögen gestalterisch nur knapp zu befriedigen. Das Argument, dass die Berücksichtigung des Inventars zu einer «qualitätsvollen Verdichtung» führe, wird wenn nicht widerlegt, so doch auch nicht gestützt. Es scheint sogar eher so, dass die Konstruktion einer am bestehenden Ortsbild orientierten Identität mit neuen Bauten der Auseinandersetzung mit dem «echten Alten» ebenso im Weg steht, wie einer echten städtebaulichen Erneuerung. An der Tagung untermauerte diese Vermutung der Architekturhistoriker Melchior Fischli in einem brillanten Referat.
 
Was aber unbestritten blieb: Es ist höchste Zeit, dass das ISOS als methodisch konsistente und von Lokalinteressen unabhängige Erfassung schweizerischer Siedlungsstrukturen in den Gemeinden sehr viel stärkere Beachtung findet – zumal es eben nicht nur Bauten, sondern auch wichtige Freiräume und grössere Zusammenhänge erfasst. Eine inhaltliche und auch plangrafische Erneuerung der krakeligen Karten würde die Anwendung erleichtern.

— Daniel Kurz
© Sabina Bobst
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