24.09.2021

Totgesagte…

Nichts liegt näher, als mit dem Zeitgeist zu segeln und die Bauaufgabe des Einfamilienhauses für tot zu erklären. Aus den bekannten Gründen. Dabei war und ist heute noch das EFH Spielplatz und Labor für architektonische Ideen, Konzepte und Lebensentwürfe. Und nicht zuletzt, wenn’s mit der Bauherrschaft gut klappt, ist das mehr oder weniger kleine, freistehende Haus auch ein Vehikel für Entdeckungsreisen junger Büros in das Land des architektonischen Raums.

Einfamilienhäuser waren Anlass für die Vergabe eines Architekturpreises, für den diese Zeitschrift Medienpartnerin ist. Man könnte hier sogleich die Preisträger und die Anerkennungen nennen – mehrere sind es aus der Schweiz – und damit wäre die Schuldigkeit der Information getan.

Doch der hier Schreibende muss sich am Thema abarbeiten, das dürfte das längere Intro wohl bereits impliziert haben. Woran und warum? Sicher zuerst daran, dass EFH wie erwähnt eben viel bieten für die Architektur. Aber eben: Der Widerspruch der Aufgabe zu den Zeichen der Zeit macht es ihm schwer.

An der Prämierung im Deutschen Architekturmuseum trat dieser Widerspruch besonders offen zutage. Erst einmal wurden ausgewählte Bauprodukte werbemässig als «Lösungen» verkauft, was zeigt: Das Entwerfen (wie auch das Prämieren) von EFH und die Bauindustrie bedingen einander und sind aufs Engste verschränkt. Nach qualvoll langer Zeit wurde endlich ein Architekturfotograf des Jahres erkoren – Albrecht Imanuel Schnabels Bilder von Vorarlberger Architektur haben wirklich das gewisse Etwas! Erst dann ging’s zur-Shortlist. Wie bei der Lipizzaner-Parade wurde Haus um Haus vorgeführt und umfassend gewürdigt. Immerhin war man da schon in guter Stimmung, denn zuvor hatte Udo Wachtveitl (man kennt ihn als Kommissar vom Münchner Tatort) auf launige Art dem Publikum erklärt, was kognitive Dissonanz ist: Eben die Spanne zwischen «Wir sollten uns bescheiden, und das EFH ist, man weiss es, nicht nachhaltig etc.»  – und einem simplen «Wow!». Das aktuelle Narrativ, dass Corona die Nachfrage nach naturnahem Wohnen ausserhalb der Stadt befördert habe, hilft bei diesem Clinch nicht wirklich weiter.

Immerhin finden sich unter den Anerkennungen vor allem Arbeiten, wie man sie nicht ohne weiteres erwartet, die das EFH als Aufgabe entweder soweit neu und untypisch auffassen, dass das Reden darüber nicht «EFH-Scham» zur Folge hat – auch hier fand Wachtveitl das passende Wort. Oder es waren Arbeiten für den ländlichen Raum, wo das einzelne Haus oft nicht nur eine ortsbauliche Notwendigkeit ist, sondern schlichtweg die existenzielle Bedingung, um die Menschen im Dorf oder im Tal zu halten. (Eine Alternative zu diesem Konzept haben wir in wbw 3–2021 mit der Siedlung Im Burggarta in Valendas von Gion A. Caminada vorgestellt.)

Gerade in der Moderne war das EFH ja das Paradepferd, das die neuen Tugenden von Sparsamkeit, Sachlichkeit und Lebensbejahung zur Schau trug. Die Folgen sind bekannt. Nicht zuletzt war die Siedlung ausserhalb der Stadt Inbegriff eines (verdeckten und scheinbar unerschöpflichen) Energievorrats, basierend auf der Verbrennung von Kohlenstoff.

Sollte das EFH auch künftig eine Bedeutung im Diskurs haben, so muss es sich anstrengen. Respektive seine Entwerfer. Energieautark wird nicht genügen. Denn es bleibt auch so Ausdruck einer Kultur, die auf der Ausbeutung der Natur beruht (Graue Energie, Boden etc.).

Sollte das EFH eine Zukunft haben, so liegt diese (allenfalls) im Gedanken des Ökosystems: – einem Haus als Ergänzung oder Umbau des Bestandes. Nicht nur: auch seiner Verbesserung, der Intensivierung von materiellen wie ästhetischen Beziehungen. Und nicht zuletzt in der Idee des Hauses als Ökosystem selbst: als Ort der Arbeit, vielleicht sogar der Produktion (nicht nur der Reproduktion) und als ein Ökosystem von (wiederverwendetem oder wiederverwendbarem) Baumaterial.

Solche vielfältigen Verflechtungen zeigten nicht zuletzt die Arbeiten der Schweizer. Wenn das erstprämierte Haus von Fuhrimann Hächler den Schreibenden durch seine Lage mitten in der Stadt überzeugte (ja natürlich, Materialisierung und Räume sind wunderschön!), so zeigen die Eingaben von Graber Steiger und Armando Ruinelli, dass ein EFH eigentlich auch etwas ganz anderes sein kann: Weil es die Luzerner als «Betriebsleiterwohnung» tarnten, konnten sie das Heim für einen Marktfahrer mitten ins Industriegebiet stellen; dem Bergeller gelang es in Soglio, eine temporäre Unterkunft für Forscher als neues und vor allem kleines Haus im Dorf zu verankern.

Beide Projekte zeigen auch, wo die Hürden sind. Damit EFH überhaupt an ungewohnten Orten gebaut werden können, braucht es nicht nur gute Bauherren, sondern auch gute, wirklich der Verdichtung verpflichtete Gesetze (auch in Bezug auf Lärm, Abstände etc.). Und damit so etwas wie in Soglio entstehen kann, sind die Architekten über das räumliche Experiment hinaus gefragt.

— Tibor Joanelly

Der mit 10.000 Euro dotierte erste Preis geht in die Schweiz: Ihn gewannen Andreas Fuhrimann Gabrielle Hächler Architekten aus Zürich für das Projekt «Der Stadtbaustein».

Die Anerkennungen gingen an:

Bathke Geisel Architekten, München, für «Die Baukunst der Reduktion»
Wespi de Meuron Romeo Architekten BSA, Caviano, für das Projekt «Freundliche Festung»
Hohengasser Wirnsberger Architekten, Spittal an der Drau (A), für «Einraum für Zwei»
ARSP ZT GmbH, Dornbirn (A), für das Projekt «Vorne hui. Und hinten? Besonders hui!»
Thomas Kröger Architekten, Berlin, für «Das Haus am See»
Ruinelli Associati Architetti SIA, Soglio, für das Projekt «Das Bau-Kultur-Studio»
Niklaus Graber & Christoph Steiger Architekten ETH/BSA/SIA, Luzern, für «Die Charta von Luzern-Nord»

Den Fotografiepreis erhielt:

Albrecht Imanuel Schnabel für das Projekt «Der Einhof» von LP Architektur

Publikation

Udo Wachtveitl / Katharina Matzig
Häuser des Jahres
Die besten Einfamilienhäuser 2021
2021. 320 Seiten, 450 farbige Abbildungen und Pläne
23 x 30 cm, gebunden
€ [D] 59,95; € [A] 61,70; sFr. 80,00
ISBN 978-3-7667-2530-1
Homepage zum Wettbewerb: https://haeuser-des-jahres.com

Fuhrimann Hächler
© Fuhrimann Hächler
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Die besten Einfamilienhäuser 2021