Umkehrung der Machtverhältnisse

Es ist ein gewaltiges Durcheinander: Plakate in allen Formaten und Graffitis in violetter Schrift dominieren den Haupteingang der Fakultät für Architektur (FA) an der mexikanischen Universität UNAM. Die Wut ist deutlich herauszulesen: «Wenn sie eine anfassen, reagieren wir alle», «Die FA sorgt sich nicht um mich, meine Freundinnen kümmern sich um mich» oder «gemeinsam, frei und ohne Angst» sind einige der Kampfansagen.

Banale aber einleuchtende Forderungen

Die Stimmung an der Fakultät ist nach einem fünfmonatigen Streik von März bis September 2021 weiterhin aufgeladen. Initiiert wurde der Streik von den «Mujeres Organizadas de la Facultad de Arquitectura» (M.O.F.A.), einer studentischen Aktivistinnengruppe. Seit ihrer Gründung im Jahr 2018 haben sie es geschafft, die Machtverhältnisse an der Architekturfakultät in Mexiko-Stadt auf den Kopf zu stellen. Die Forderungen der M.O.F.A. klingen dabei leider so banal wie einleuchtend: sichere und gleichberechtigte Lernstätten, keine Gewalt an Frauen. Die Meinungen darüber, wie diese Lernorte aussehen sollten und wo die Gewalt beginnt, gehen auseinander, was schliesslich zum Streik im Jahr 2021 führte. Dabei sind die sozialen Medien die mächtige Waffe der Studentinnen.

M.O.F.A. wurde nach der schwersten Gewalttat, einem doppelten Femizid gegründet: Im März 2018 wurden eine Studentin und eine Lehrperson, Mutter und Tochter, der Fakultät für Architektur Opfer von in ihrem Wohnhaus ermordet. Mexiko ist weltweit das viertgefährlichste Land für Frauen, mit durchschnittlich zehn Frauenmorden pro Tag. Damals waren die Studentinnen der FA zutiefst enttäuscht über das Schreiben der Hochschulleitung, in dem standardmässig der Tod der Frauen bedauert wurde. Die Studentinnen forderten eine Neufassung des Communiqués, in dem klar zum Ausdruck kommen sollte, dass es sich um Feminizide handelte und dass die Fakultät Gewalt gegen Frauen aufs Schärfste verurteilte und eine umfassende Aufklärung verlangte.

Frauen sollen nichts von Bauen verstehen

Die Studierenden der M.O.F.A. betonen: Gewalt gegen Frauen beginnt nicht erst mit körperlicher Gewalt, sondern schon deutlich vorher und auch bei der Wortwahl. Auf Instagram veröffentlichen sie Anschuldigungen von Studierenden und nennen die angeblichen Täter: Ein Professor soll eine Studentin mehrmals zu sich nach Hause eingeladen haben; ein anderer Professor empfahl einer Studentin bei ihrer Abschlussprüfung, als Tänzerin und nicht als Architektin zu arbeiten, um Männer erfolgreich zu unterhalten; mehrere Professoren für Bauwesen werden beschuldigt, verkündet zu haben, dass Frauen nichts vom Bauen verstehen und der Kurs daher auf Männer ausgerichtet ist.

Die Veröffentlichungen auf Instagram ohne Transparenz und Überprüfbarkeit mag problematisch erscheinen. Doch leider wurde die M.O.F.A. und die offiziellen, zum Teil schwerwiegenden Anschuldigungen von den Studentinnen erst nach diesen Veröffentlichungen ernst genommen. Normalisierung, Loyalität unter den Professoren, Hochschulpolitik und der Schutz des Rufes hatten jahrzehntelang Vorrang vor dem Schutz der Frauen. Schweizer Architektinnen und Architekten dürften sich an den Fall erinnern, als ein ETH-Architekturprofessor über Jahre hinweg von mehreren Frauen der sexuellen Belästigung beschuldigt wurde. Im Januar 2019 gab die ETH bekannt, dass der Professor von den Vorwürfen entlastet wurde. Auch hier fühlten sich viele – insbesondere die Betroffenen – von der Hochschule in Zürich im Stich gelassen.

Es ist unangenehm

In Mexiko beschlossen die stets vermummten und anonymen Mitglieder der M.O.F.A., bestärkt durch die #MeToo-Kampagne, dass sie die Sicherheit der Frauen an der UNAM und ihr Recht auf Gleichstellung selbst in die Hand nehmen müssen. Nach einem dreitägigen Streik im Jahr 2020 und dem fünfmonatigen Streik i2021 haben sie Folgendes erreicht: ein Angebot für psychologische Unterstützung für Studierende, die Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt geworden sind; die Einführung des Pflichtfachs «Genderperspektive in der Berufsausbildung», in dem auch die verschiedenen Abstufungen von Gewalt erläutert werden; vereinzelte freiwillige öffentliche Entschuldigungen von Professoren; ein transparenteres Anzeigeverfahren für Betroffene; und die Umbenennung von 75 % der Räume innerhalb der Architekturfakultät nach mexikanischen Frauen, die in den Bereichen Architektur, Stadtplanung oder Landschaftsgestaltung tätig sind oder waren. Die UNAM stellte auch Räumlichkeiten für eine von M.O.F.A. organisierte Ausstellung zur Verfügung, die am 25. Februar 2022 eröffnet wurde. Sie zeigt feministische Demonstrationen und die damit einhergehende weibliche Aneignung des öffentlichen Raums in Mexiko.

Der laute Aufschrei der M.O.F.A. ist unangenehm, auch für viele Frauen. Aber offensichtlich ist er notwendig, um eine Machokultur zu verändern und geschlechtsspezifische Ungerechtigkeit zu bekämpfen. Die M.O.F.A. nutzen die sozialen Medien, um Frauen ihre Hilflosigkeit zu nehmen, aufzuklären und sich Respekt zu verschaffen. Mit der M.O.F.A. will sich niemand anlegen.

— Laure Nashed

Unsere Autorin und Korrespondentin lebt und arbeitet in Mexiko-Stadt und betreibt die Plattform «Learning from Mexico».

Weiterführende Links

Mujeres organizadas auf Instagram

© Violette Kampfansage an der Fakultät für Architektur der UNAM. Bild: Laure Nashed
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