11.09.2017

Verdienste um die Verdichtung

Der Saal johlte – Markus Mettler hatte die Lacher auf seiner Seite. Beim Titel seines Vortrags «Wir möchten verdichten, können aber nicht...» hatte der CEO der Halter AG kurzerhand «verdichten» mit «verdienen» verwechselt – ein Freud’scher Versprecher, ganz symptomatisch für den ganzen Tag. Doch der Reihe nach.
Die Vereinigung für Landesplanung der Schweiz, kurz VLP-Aspan hatte zur Tagung nach Solothurn geladen. Rund 300 Besucherinnen und Besucher folgten dem Ruf, vielfach Planungsbeamte, Leute aus dem Hochschulbetrieb, genauso wie Planerinnen und Immobilienentwickler. Die Podien zum Tagungsthema «Verdichtung zwischen Qualität und Rendite» versprachen einiges, zumindest keine Nabelschau der Planungszunft. Stattdessen drehte sich alles um die Ökonomie. So wurde der Entwicklerseite sehr viel Redezeit eingeräumt, nicht nur mit dem Impulsreferat von Mettler. Und man spürte am teils scharfen Ton: Die Entwickler sind nervös. Zu Recht, denn der Gegenwind aus der Gesellschaft bläst ihnen steif ins Gesicht.
Den Tagungsauftakt gestaltete jedoch Andreas Schneider, Raumentwicklungsprofessor der Hochschule Rapperswil, der seinen Kompass, wie er es nennt, mit acht Schlüsselfaktoren zur erfolgreichen Verdichtung vorstellte. Eher Checkliste als Fluganleitung, soll der Kompass Orientierung geben im komplexen Unterfangen. Doch fehlt es nicht viel mehr an guten Projekten, mag man einwerfen, als an einem weiteren Dichte-Ratgeber? Schneiders Beitrag in der NZZ vom 5. September 2017 hatte mit seinen aufwühlenden Fragen viel Praxisnähe versprochen.
Schneiders zentrale Aussage, dass erst mit einer massiven Erhöhung der Dichte auf mehr als 50 Prozent überhaupt ein relevanter Beitrag zur Verdichtung entstehen kann, stehen Fragen zur Akzeptanz in der Bevölkerung, zur sinnvollen Lage und zu Umsetzungsproblemen bei vielfach zersplitterten Eigentümerstrukturen entgegen. Diese lässt auch Schneiders Kompass nicht aus. Iedoch: im Vertiefungsgespräch spricht wieder ein Schönwetter-Entwickler von seinem Planungserfolg mit drei Eigentümern. Die Realität hält grössere Herausforderungen bereit.
Patrick Schnorf von Wüest Partner zeichnete daraufhin aus der Sicht des Marktes ein düsteres Bild. Kurz gefasst: Es entsteht zu viel an schlecht erschlossenen Lagen, und man favorisiert das kleine Mehrfamilienhaus statt dichtere Strukturen wie beispielsweise Hochhäuser.
Für Mettler sind die Schuldigen schnell auszumachen: Bestandswahrer in der Politik und der Verwaltung. Er nennt das Beispiel der Zürcher BZO und den Ortsbildschutz und lässt auch den Zweistundenschatten und die Parkplatzbegrenzungen nicht aus. So sei keine Verdichtung zu schaffen. Anreize fehlten, die Schweizer seien zu satt. Statt den Ursachen der Wachstumsmüdigkeit in der Gesellschaft nachzugehen, forderte Mettler starke Fahnenträger in der Politik.
Auf den weiteren Vorträgen und Podien wurden die Möglichkeiten der Qualitätssteigerung besprochen, am Vielversprechendsten von der Juristin Christa Perregaux DuPasquier: Sie referierte zur aktuellen Praxis des Mehrwertausgleichs in der Schweiz. Ihre Beispiele, wie der hier abgebildete Basler Erlenmattpark (vgl. unser Heft Basel, wbw 9–2016), zeigten auf, wie die Abgabe als «Schmiermittel der Verdichtung» – so der Alt-Bunderichter Heinz Aemisegger in unserem Städtebauheft Stadträume (vgl. 4–2017) – den Anwohnern die Verbesserung ihres Wohnumfelds vor Augen führt. Die Abgabe finanziert die benötigte Qualität und hilft Akzeptanz zu schaffen. Der Mehrwertausgleich in diesem Sinn wird von allen Investoren und Planern unisono erwünscht. Es ist nur zu hoffen, dass die Politik in den säumigen Kantonen hier ein Einsehen hat. Dieser Hebel ist beispielsweise in München eine bereits seit Jahren erprobte Erfolgsgeschichte. Wir berichten dazu in unserem Heft München, wbw 10–2017.
Für die Schweiz aber bleibt noch viel zu tun, gerade was die Akzeptanz der Bevölkerung für die Dichte betrifft. Zu diesen Fragen war von den Investoren und Entwicklern ausser Forderungen leider nichts Neues zu vernehmen: Viel Futter für nächste Tagungen.

— Roland Züger
© VLP-ASPAN
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