15.01.2020

Wakkerpreis 2020 für Baden

Mit weitsichtigen Planungen und klugen Investitionen in den öffentlichen Freiraum haben die Behörden Verkehrsräume einer «autogerechten Stadt» der Bevölkerung zurückgegeben, meint der Schweizer Heimatschutz und vergibt den Wakkerpreis 2020 an die Stadt Baden. Die Kleinstadt im Autokanton Aargau hat ein immenses Verkehrsaufkommen, pro Tag fahren 50’000 Fahrzeuge über den Schulhausplatz zwischen Alt- und Neustadt – fast ebenso viele wie auf der Zürcher Rosengartenstrasse. Doch bereits in den 1960er Jahren hat man den Verkehr schrittweise von der Altstadt ferngehalten, und mit Wettbewerben und einem Verkehrskonzept hat Baden konstant und beharrlich, so der Heimatschutz, in die Aufwertung von Plätzen und Strassenräumen investiert – und das in Zeiten von Verdichtung und hohem Druck auf den öffentlichen Raum.

Plädoyer für die Verdichtung

Verdichtung ist nur möglich und mehrheitsfähig, wenn gleichzeitig der Raum zwischen den Häusern ernst genommen, gepflegt und entworfen wird. Baden investiere in Entwicklungsareale, wo nicht in erster Linie zusätzliche gewinnbringende Nutzflächen zu erwarten sind, was vorbildlich für Siedlungsentwicklungen in der ganzen Schweiz sei. Ausserdem werden die historischen Garten- und Parkanlagen der ehemaligen Kurstadt sorgsam gepflegt, aufgewertet und für die Bevölkerung zugänglich gemacht.

In der Amtszeit von Jarl Olesen, Leiter Planung und Bau in Baden, also in den letzten 20 Jahren, wurden Wettbewerbe veranstaltet und in öffentlichen Foren die Partizipation der Bevölkerung gesucht. So fuhr der letzte Bus 2019 durch die Weite Gasse, die heute verkehrsberuhigt und mit einem fussgängerfreundlichen Belag aufgewertet ist. Das langfristige Engagement Badens und dieser letzte Bus verdeutlichen auch, wie die interdisziplinäre Wakkerpreis-Kommission die Preisträger auswählt: Sie beobachtet vorbildlich scheinende Gemeinden und Städte werden über mehrere Jahre und schlägt sie erst dann dem Heimatschutz als Preisträger vor, wenn die Zeit dafür gekommen ist. 

Engagement wird belohnt

In Baden ist das scheinbar 2020 der Fall, verdeutlicht wird das an folgenden Massnahmen: Am Ende der Weiten Gasse, die ihren Namen nun verdient, verbindet die Cordulapassage seit 2018 die Vorstadt wieder mit der Innenstadt, während darüber weiterhin täglich die Blechlawine über den Schulhausplatz donnert. Die Passage selbst ist sorgfältig materialisiert, mit Tageslicht beleuchtet, und kleine Läden sollen die soziale Kontrolle garantieren. Velofahrer und Fussgänger teilen sich den Freiraum. Die Wege sind grosszügig bemessen. Am anderen Ende der Weiten Gasse, in Richtung Bahnhof, wurde aus einer Betonwüste und einem Transitraum mit Unterführung, im Volksmund «Blinddarm» genannt, der lebendige Schlossbergplatz. Zur Limmat hin, beim rostroten Promenadenlift von Leuppi & Schafroth aus dem Jahre 2007, wichen die Autos in den Untergrund; auf dem Dach der Parkgarage erstreckt sich heute der Theaterplatz. Olesen gibt zu bedenken, dass auf Freiräumen ein hoher Nutzungsdruck lastet. Den bekommen vor allem die Bäume zu spüren, die jedes Jahr einen Weihnachtsmarkt mit Buden und Eisplatz überleben müssen. Deshalb sei es wichtig, im Vorfeld zu entscheiden, was ein Platz leisten soll und kann. Entscheide werden in Baden mit einer guten Diskussionskultur und hohem Engagement von Politik, Planenden und Bevölkerung gefällt, das ist an der Medienkonferenz zum Wakkerpreis mehrmals zu hören.

Und das Bäderquartier?

Nimmt man den Lift runter zur Limmat, kommt man alsbald zum künftigen Bäderquartier, das weder der Heimatschutz noch die Stadt Baden erwähnt haben. Auf die Frage, wie denn das Bäderquartier und Mario Bottas Therme in Bezug zur Auszeichnung zu stellen sei, meint Stefan Kunz, Geschäftsführer Schweizer Heimatschutz, dass man Baden nun auch daran messe, wie die Anbindung des neuen Quartiers an die Freiräume an der Limmat ausgestaltet werden. Der Wakkerpreis sei demnach auch ein Ansporn für zukünftige Planungen, und Olesen sieht darin an der Limmat eine Chance für den öffentlichen Raum.

— Jenny Keller

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