Artikel aus 1/2–2026

Inszenierte Vertikale

Sanierung Schloss Rapperswil von Park Arch

Roland Züger, Valentin Jeck (Bilder)

Der Schlüssel zur Erneuerung des Schlosses liegt in der Neukonzeption seiner Erschliessung. Als neues Rückgrat des Hauses verbindet sie die historischen Zimmer und öffnet den erhabenen Blick in die Landschaft – ausser im Nebel.

Es ist eine Ikone. Das Schloss Rapperswil kennt jedes Kind, besonders jene, die es in jungen Jahren nachgebaut haben – den Bastelbogen gibt es bis heute. Nach dem jüngsten Umbau hätte dieser freilich ein paar Retuschen nötig. Die wichtigsten Veränderungen am Baudenkmal finden sich jedoch in seinem Inneren. Neu führen zwei Aufzüge und eine Treppe durch die Räume. Die Platzverhältnisse für deren Einbau waren eng, die Baustelleninstallation knifflig. Die neue Erschliessung ist der Schlüssel zur Entflechtung der Zugänge ins Schloss. Dadurch sollen die verschiedenen Nutzungen reibungslos nebeneinander funktionieren und das Schloss für unterschiedlichste Besuchergruppen öffnen. Den Wettbewerb mit zwölf Teilnehmenden für die Sanierung hat 2018 ein Zürcher Team gewonnen: Park Arch mit Philip Ursprung als Experte für Architekturgeschichte. Im November 2024 wurde das Schloss wieder eröffnet.

Hoch zum Schloss

Sinn und Sinnlichkeit des Umbaukonzepts zeigen sich schon beim Aufstieg. Das Schloss ist Ausflugsziel vieler Primarschulklassen, die wie einst mit dem Schiff oder mit der Bahn anreisen. Über den Fischmarkt und durch enge Gassen schlendernd, steht man im Nu auf dem Hauptplatz der kleinen Stadt. Seinen Abschluss markiert eine zweiläufige Treppenanlage. Oben wartet das Tor zum Schlossbezirk. Auf den letzten Metern hinauf entlang der Schlossmauer öffnet sich der Blick über die Dächer und die Rosengärten am Südhang. Angekommen auf dem Lindenhof, steht man dem Eingang in den Schlosshof gegenüber. Drei massive Blöcke Bollinger Sandstein begleiten den Weg zur neuen Holztür in den Palas. Linkerhand des Foyers mit Tresen steht man schon vor der neu eingebauten Erschliessung. Flankiert von Personen- und Warenlift, hat hier der halbrunde Antritt der Treppe seinen Auftritt. Dramatisch fällt zenitales Licht über eine Spalte hinunter auf die Trittstufen aus Beton. Dafür hat die aufgeschlossene Denkmalpflege ein neues Fenster im Schlossdach genehmigt. Während die Vertikale Orientierung bietet, spielt sich die elegant geschwungene Treppe daneben frei – selbst von der Aussenwand.

Neue und alte Nutzungen

Der Treppenaufgang führt an der ersten Etage mit Garderoben und Toiletten vorbei ins zweite Obergeschoss zur neuen Ausstellung (Direktauftrag Szenografie: Steiner Sarnen). Sie zeigt die vielfältige Geschichte, die mit dem Schloss verbunden ist.1 Die mit Blick auf die jungen Besucherscharen konzipierten interaktiven (aber eher inhaltsarmen) Stationen zu Bau, Belagerung, Zerstörung, Wiederaufbau und den zahlreichen Nutzungen des Schlosses bespielen neben den Räumen im Palas auch den Wehrgang. Weiter erstreckt sich der Parcours hoch bis in den westlichen Gügelerturm, wo einst der Turmwächter nach Feuer Ausschau hielt.

Ihren Kulminationspunkt findet die neue Schlosserschliessung jedoch im dritten Obergeschoss im grossen Rittersaal. Hier geniessen künftig bis zu 200 Personen das Kulturprogramm. Für die hervorragende Akustik war der Saal bereits vor dem Umbau in der Region bekannt. Die Architekten haben im Saal einzig die Böden abgeschliffen und selbst entwickelte Leuchter aufgehängt. Die Eingangswand und die im Saal sichtbaren liegenden Binder sind historisch und waren zu erhalten – und damit auch beide Eingangstüren. Sie gaben den Standort des Personenlifts vor, genauso wie im Erdgeschoss der Antritt fixiert war. Daraus ergab sich die Geometrie des schrägen Lifts, der auf Mass gefertigt wurde.

Ausblick als Exponat

Die Inszenierung der Vertikalen nimmt Anleihe an den drei Türmen des Schlosses, die seit 800 Jahren Präsenz markieren. Der Einbau der neuen Erschliessung setzt den Aufstieg zum Schloss im Gebäudeinneren fort und macht dadurch die atemberaubende Aussicht allen zugänglich: Der Ausblick ist das beste Exponat des Hauses. Er übertrifft selbst die neue Ausstellung bei weitem. Ins Auge fällt die spezielle Lage am Obersee, am Übergang des flachen Mittellands im Westen zu den Schwyzer Voralpen im Süden und den Hochalpen des Glarnerlands im Osten. Aber der erhabene Blick vermittelt auch die Besonderheit der geografischen und geologischen Lage auf der Felszunge. Nach dem Rückzug des Linthgletschers, der diese umgebende Landschaft geformt hat, blieb sie übrig.

Der Gletscher diente auch beim Entwurf als konkrete Referenz, wie Markus Lüscher vom Architekturbüro erklärt. Der alle Geschosse durchmessende Lichtschacht ist inspiriert vom Bild der Gletscherspalte; die Gletschermühlen verleihen den Treppenrundungen ihre Form.

Die Geometrie der neuen Treppe wechselt geschossweise ihre Richtung. Lufträume halten die Raumecken immer frei, so dass die Erschliessung über die Etagen hinweg als Raumkontinuum erfahrbar wird. Durch das Abkratzen des Putzes tritt das grobe Naturstein-Mauerwerk des Schlosses zu Tage, samt all seinen Ausbesserungen: Die alten, behauenen Bollinger Sandsteine sind Abbilder der Geschichte. Durch die gestockte Oberfläche treten auch auf den Sichtbetonoberflächen der Treppenanlage die Zuschlagsstoffe zu Tage. Eigentlich hätten die Architekten Sandsteinkorn als Zuschlag verwenden wollen. Die Betonmuster waren gut, aber die Kosten zu hoch, wie Lüscher erzählt. Nun ist der Beton ohne Zuschlag ausgeführt. Anders als die gestockten Kurven der Treppenbrüstungen, die dem Bild des Bestands nahekommen, blieben die Wände des Lichtschachts hingegen glatt geschalt. Schalungsöl verleiht dem Beton eine speckige Anmut, ideal als Träger des Lichts. Aber nicht nur ästhetische, sondern auch konstruktive Eigenschaften und neue Anforderungen an den Brandschutz machten Sichtbeton zum logischen Material der neuen Erschliessung.

Schon für den Projektwettbewerb 2018 hatte die Denkmalpflege den Standort der Erschliessung und der Fluchtwege festgelegt und dadurch die Eingriffstiefe in dieses Baudenkmal von nationaler Bedeutung bestimmt. So konnten die Spuren jüngerer Umbauten aus den 1980er Jahren wie die hölzerne Schlosstreppe entfernt werden. Die damals rustikal gekürzten historischen Dachbalken im ersten Obergeschoss sind an ihrer originalen Stelle belassen und nun wie Spolien zur Schau gestellt.

Im Gegensatz zu den schweren Mauern traten im Schloss schon immer leichte Einbauten zu Tage. So ist auch die neben dem Palas neu eingefügte Fluchttreppe in schwarzem Metall gehalten. Sie führt in einen schwarzen Holzschuppen, der auch als Lager dient – etwa für das temporäre Regendach des Innenhofs. Zwei weitere Pavillons fungieren als Buvette im Hof sowie als Kiosk vor dem Schlosstor.

Für die Einwohnerschaft von Rapperswil und viele Gäste bleibt das Schloss auf Hochzeitsfotos in Erinnerung. Unverändert erschliesst die alte Holztreppe den kleinen Rittersaal im ersten Obergeschoss vom Eingang aus direkt. In dessen Interieur aus den 1950er Jahren sollen bis zu 300 Hochzeiten im Jahr stattfinden können, so die Vorgabe in der Wettbewerbsausschreibung. Ebenso wie die Gaststube im Erdgeschoss wurde der kleine Saal bei der Sanierung nicht angetastet. Zusammen mit der Hofgastronomie spülen sie Geld in die Schlosskasse.

Wie viel Polengeschichte darf sein?

Als Eigentümerin liess die mächtige Ortsgemeinde (nicht die politische Kommune) diese Nutzungen unverändert. Gerne hätte sie auch wieder einen langfristigen Nutzungsvertrag für ein Polenmuseum im Schloss unterschrieben. Dass es nicht dazu kam, ist dem Widerstand aus der Stadt zuzuschreiben, insbesondere des einflussreichen Publizisten Bruno Hug. Er hatte immer wieder in der Lokalzeitung kritisch über die Pläne der Ortsgemeinde berichtet und sich für eine Öffnung des Schlosses eingesetzt.

Gleichwohl bleibt die polnische Geschichte in der neuen Dauerausstellung präsent, ist sie doch das ungewöhnlichste Kapitel des Schlosses. In Rapperswil im Exil, richtete der geflohene Graf Władysław Plater hier ab 1870 das Polnische Nationalmuseum ein. Dafür baute er das Schloss stark um. Der bemalte Dachstuhl im grossen Rittersaal zeugt noch heute davon.2 Nach der Unabhängigkeit Polens hat man Sammlung und Bibliothek in die Nationalbibliothek Warschau überführt, wo sie im Zweiten Weltkrieg den Flammen zum Opfer fielen.

In Rapperswil erinnert noch heute die sogenannte Polensäule im Lindenhof vor dem Schlosstor an diese Episode. Auch das Grab des Grafen Plater ist im westlichen Schlossgarten erhalten. Mit dem jüngsten Umbau wurde im runden Pulverturm ein Fenster geöffnet, das seit 1952 verschlossen gewesen war. Ans Tageslicht kam ein bunt ausgemaltes Mausoleum für einen polnischen Freiheitskämpfer von 1897. Es ist nur eine der vielen Facetten des Schlosses, die heute wieder entdeckt werden können. 

1 Die Ausstellung zur Stadtgeschichte befindet sich östlich des Schlosses im Stadtmuseum, das ebenfalls der Ortsgemeinde (nicht der Stadt) gehört. 2012 nach einem Umbau durch MLZD eröffnet, verbindet der Neubau mit perforierter Fassade aus Baubronze das historische Breny-Haus (1492) mit einem Mittelalterturm.
2 Vgl. Baugeschichtliche Dokumentation von Peter und Helen Albertin-Eicher von 2015.

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