Jenny Keller, Lucas Peters (Bilder)
Museen sind hermetisch und klimatisch abgeschlossene Safes, heute aber auch Eventlocations und Vermittlungsmaschinen. Wenn sie dabei so einladend gestaltet sind wie in Winterthur, werden sie zu Institutionen der Zukunft.
Nähert man sich dem Fotomuseum Winterthur von der Grüzenstrasse, erscheinen direkt Bilder in Farbe: ein frisch gestrichener, meisenblauer Kopfbau, davor der mandarinenorange Handlauf der Rampe und ein spiegelndes Vordach. Der Besuch vor Ort an einem klirrenden Wintertag mit ebenso kaltem Licht und der anschliessende Blick auf die Website des Architekturbüros RWPA machen einmal mehr deutlich, dass Farben nicht gleich Farben sind. Die entsättigten Bilder vieler Architekturfotografinnen und -fotografen haben mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun. Wenn nur Raum und Licht das zentrale Thema sind, mögen auch Schwarz-Weiss-Bilder die Architektur angemessen darstellen. Wenn die Architektur aber gerade durch die gekonnte Farbgebung nobilitiert und zusammengehalten wird, sind die Hände besser von den Farbreglern zu lassen.
Das Fotomuseum nimmt seit den frühen 1990er Jahren eine prägende Rolle in der Schweizer Museumslandschaft ein. Nach der Stilllegung der Weberei im Klinkergebäude von 1877 erhielten die Stichbogenfenster 1973 pragmatische Rechtecköffnungen und beherbergten zunächst eine Schreinerei. Nach dem Erwerb durch den Volkart-Erben und Kunstmäzen Andreas Reinhart zogen Kulturnutzungen ein. Das Fotomuseum etablierte sich. Dabei handelte es sich nie um ein abgeschlossenes Objekt; vielmehr war es ein Gefüge aus industrieller Vergangenheit, improvisierten Lösungen und kuratorischen Ansprüchen, das über Jahrzehnte miteinander verwobene Spuren hinterlassen hatte. Als «das Haus» (in Wahrheit sind es vier Häuser) nach rund dreissig Jahren intensiver Nutzung an seine räumlichen und betrieblichen Grenzen stiess, stand nicht nur eine bauliche Erneuerung an. Das Fotomuseum sollte ein neues Gesicht und eine neue Identität erhalten. Es müsse, so der Auftrag der Stiftung, die als Bauherrschaft fungierte, auch ein neues Bild abgeben. RWPA, ebenfalls aus Winterthur, die das Planerwahlverfahren für sich entscheiden konnten, schufen Bilder von leiser, aber eigenständiger Atmosphäre. Sie räumten auf und ergänzten Nutzungen, denn das Museum hat vielen Ansprüchen gerecht zu werden: Es ist Vermittlungsort, Eventlocation und Behältnis teurer Kunstwerke – sogar gewohnt wird hier. Es litt aber auch an Defiziten insbesondere in den Bereichen Klima, Sicherheit und Brandschutz.
Etwas Altes, etwas Neues, etwas Geborgtes und etwas Blaues sollen nach altem Brauch bei einer Hochzeit Glück bringen. Beim Fotomuseum könnten diese Dinge als gutes Omen für eine erfolgreiche Zukunft gelten: Geborgt ist das Sonnen- und Regendach vom Vieux Port in Marseille (Foster + Partner), das in Winterthur zum perfekten Selfiespot über dem Eingangsbereich wird: #Fotomuseum. Dazu braucht es nicht einmal eine findige Architekturjournalistin, Peter Wehrli von RWPA zieht die Analogie gleich selbst.
Neu ist der zweizeilige, feine Leuchtschriftzug darüber, entwickelt mit den Signaletikprofis von Bivgrafik, aus deren Atelier auch die Hausnummern stammen. Dank klarer Adressen und übersichtlicher Grundrisspläne, die an den Fassaden angebracht sind, findet man sich im Konglomerat des Fotomuseums zurecht; es kann nicht mehr mit der gegenüberliegenden Fotostiftung verwechselt werden. Die vier Häuser geben mit ihren unterschiedlichen Adressen immer noch ein heterogenes Bild ab, aber seit dem Umbau hält sie etwas zusammen – Farbe spielt dabei eine wichtige Rolle. Als hätte man Bildern aus unterschiedlichen Epochen mit verschiedensten Sujets durch eine einheitliche Hängung und ähnliche Rahmen zu einer stimmigen Einheit verholfen.
Alt ist die Fassade des Anbaus, der zusätzliche Ausstellungsfläche generiert. Sie wurde beim abgebrochenen Schulhaus Wallrüti (vgl. wbw 9 – 2023, S. 62 – 64) geerntet und einige Kilometer weiter weg neu zusammengefügt. Die Fassadenelemente mussten sich RWPA schnell sichern und zum Glück war die während der Umbauarbeiten leerstehende Ausstellungshalle des Fotomuseums als Lager geeignet – eine nicht zu unterschätzende Gelingensbedingung beim Wiederverwenden von Bauteilen. Die Re-Use-Elemente springen auf den ersten Blick gar nicht ins Auge. Peter Wehrli nennt es ganz unbescheiden: «Entwerfen mit Re-Use.» Und in der Tat mutet es nicht kompliziert an, wenn man die Ansichten studiert, in denen die vorhandenen Trapezblechelemente des Winterthurer Schulhauses aus den 1970er Jahren auf den einfachen Ausstellungskubus appliziert werden. Dach- und Sockelabschlüsse aus feuerverzinktem Stahl ergänzen die patinierte Fassade, die auf der Höhe eines Türsturzes, eines Treppenpodests oder einer Fensterbank auch wieder vorkommen und so den neuen Bau in Bezug zum Bestand setzen. So wird Re-Use nicht zur art pour l’art, sondern zu einem Mehrwert mit weniger CO₂-Verbrauch.
Strukturell handelt es sich bei der Erweiterung um einen Holzsystembau aus regionalem Fichtenholz mit vier Binderachsen auf einem Sockel aus Recyclingbeton. Drei kubische Oblichtaufbauten, verkleidet mit dunkelgrünem Bitumen, lassen ausstellungsfreundliches Nordlicht in die neue Ausstellungshalle. Zur Wohnstrasse hin öffnet sich ein grosses Fenster. Unter dem zusätzlichen Ausstellungsraum befinden sich die Anlieferung und ein Vorbereitungsbereich für die Ausstellungen. Daneben führt ein Fussgängerweg durch den Garten am blauen Haus vorbei zur Eingangsseite an der Grüzenstrasse.
Dort schafft neu eine Rampe mit buntem Handlauf einen schwellenlosen Zugang vor der Fassade des Klinkerbaus, dessen gelbe Steine vom lokalen Lehm geprägt sind, wie alle industriellen Bauten in Winterthur aus dieser Zeit. Der leuchtende Handlauf macht deutlich, dass der Zugang für alle ist. Er symbolisiert damit die öffentliche Institution, genauso wie das einladende Vordach.
Farblich kontrastiert das Orange des Handlaufs an der Rampe mit dem Blau des Kopfbaus, einem ehemaligen Wohnhaus, in dem das Fotomuseum heute einen Salon mit kleiner Küche vermieten kann. Wenn der Museumsbetrieb geschlossen hat, kann dieser Teil dennoch bespielt und an Externe vermietet werden. Es mag ein Detail sein, aber es macht die gute Architektur und wohnliche Raumatmosphäre aus: Der Boden des Salons besteht aus einem profanen Stabparkett, den die Architekten so verlegen liessen, dass die Felder zu einem teppichähnlichen Muster zusammenfinden.
Darüber befinden sich Büros und im Dachstock eine der drei ebenfalls umgebauten Wohnungen, deren Mieteinnahmen der Institution zugutekommen. Sie sind durch eine aussenliegende Gitterrosttreppe erschlossen, die Alt und Neu verbindet. Man stelle sich vor: Die Bewohner und Bewohnerinnen gingen vor dem Umbau durch die Museumsräume in ihr Daheim – sicherheitstechnisch nicht ideal.
Neben den Wohnungen und den Veranstaltungsräumen generiert auch die Vermittlung Geld, um den Museumsbetrieb zu subventionieren. Das manifestiert sich nach dem Umbau auch räumlich: Aus einem Workshopraum wurden drei. Im einen ist sogar eine Camera obscura eingebaut, der Raum wird zum Fotoapparat. Sein rundes Fenster, zurzeit ubiquitär verwendet, findet hier seine Berechtigung!
Die gewählten Farben wiederholen sich im Foyer, dessen Luftraum neu über zwei Geschosse reicht. Die Entfernung des Zwischenbodens verbindet optisch den Ankunftsort der Besucherinnen unten mit dem Reich der Museumsleute in ihren Büros oben. Im Erdgeschoss führt eine orchestrierte Abfolge von Schwellenräumen heute zu einer besseren Lesbarkeit des Hauses. Transparenzen zwischen Foyer, Workshopräumen und Ausstellungsräumen schaffen Beziehungen, die vorher nicht existierten.
Die bewusst eingesetzten Farben sind Teil der Architektur, die nicht Halt macht vor innenarchitektonischen Eingriffen. Ausdrucksstarkes Mobiliar in Rostbraun und dem gedeckten Blau schafft eine Verbindung zu den Farben der Fassaden. Fette Stühle (das Modell Roly Poly der Designerin Faye Toogood) stehen neben spielerischen blauen Textilsitzgelegenheiten, vor edlen Korpussen und dem Shopmobiliar der Innenarchitektin Jasmin Grego. Neben dem Kassenmöbel führt die Kellertreppe (mit orangem Handlauf) zu den Garderoben und Sanitärbereichen aus rostbraun lasierten Holzschnitzelplatten.
Die weiss gestrichene Holzdecke im Untergeschoss erzählt von der Erbauungszeit. Auf dem Altbestand liegt ein neuer Betonboden mit einer Stärke von 26 Zentimetern, der beinahe alle Anforderungen erfüllt: Er steift aus, sorgt für den Brandschutz, beinhaltet die Heizelemente und wird als geschliffene Oberfläche zum modernen Terrazzo. Auch die Bestandsbauten mussten an die aktuellen Brandschutznormen, an die Sicherheitsbedürfnisse und an zeitgemässe Haustechnik- sowie Energiestandards angepasst werden. Wie der neue Boden, der alles kann, bildet auch das neue Museum eine Einheit in der Vielfalt. Dadurch ist die Institution weit mehr als nur ein Container für kulturell bedeutsame Werke.
Jenny Keller (1980) ist Architektin und Journalistin. Sie war von 2019 bis 2024 Redaktorin bei dieser Zeitschrift und arbeitet seitdem als Projektleiterin für Baukultur beim Schweizer Heimatschutz.
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