Rosamund Diamond , Iwan Baan (Bilder)
Mit dem Schaulager ist ein neuer Museumstyp entstanden. Im Londoner Storehouse werden die Restaurierungswerkstätten und das Publikum selbst zu Exponaten. Die Besucherschar streunt frei über die Etagen und lässt sich selbst gewählte Archivalien zeigen.
Abgesehen vom grossen Logo des Victoria & Albert Museum (V&A) oben an der Fassade gibt es kaum Anzeichen dafür, dass man sich am V&A East Storehouse befindet und dass Besuchende im Inneren ein aussergewöhnliches Erlebnis erwartet. Der Eingang besteht aus schlichten, bündig eingelassenen Stahltüren, wie man sie für ein Lagerhaus erwarten würde. Die Eingangshalle ist ebenso zweckmässig wie schmucklos, an einer Seite befinden sich eine Sitzecke und ein Café. Der Zugang zum Storehouse selbst erfolgt durch einen verglasten Windfang, von dem aus man über eine Treppe in den ersten Stock gelangt. Dort erreicht man über einen Hängebrückenweg die dramatische, drei Stockwerke hohe Weston Collections Hall im Herzen des Gebäudes. Dieser aussergewöhnliche, zwanzig Meter hohe, von oben beleuchtete Raum füllt samt seinen vielen Exponaten das Blickfeld. Es ist, als befände man sich in einem riesigen Filmstudio voller Requisiten und Kulissen oder als würde man in den grössten Süsswarenladen aller Zeiten entlassen.
Das Storehouse nimmt eine 80 × 80 Meter grosse Fläche innerhalb eines 275 Meter langen riesigen Schuppens ein, der als Medienzentrum für die Olympischen Spiele 2012 gebaut wurde. Im Gegensatz zum V&A Museum in South Kensington ist das Äussere des Gebäudes weder monumental noch auffällig. Es sind vielmehr der weitläufige Innenraum und die Präsentation der Exponate, die beeindrucken. Besucherinnen und Besucher können hier auf spektakuläre Weise zwischen den zahlreich ausgestellten Kunstwerken umherstreifen und dabei alle anderen Gäste als kollektives Erlebnis beobachten. In diesem riesigen Lagerhaus, das als Reserve des V&A dient, sind in alle Richtungen Gegenstände zu sehen: hier ein Gemälde, eine Kommode, eine Büste oder ein Keramikteller, dort ein Musikinstrument, ein Moulton-Fahrrad oder ein Waschbecken. Da sich hier alles im Lager befindet, wird auch alles in einer Backstage-Atmosphäre präsentiert. Am Rand des Gebäudes laden rahmenlose Glaswände ein, die Arbeit in den darunterliegenden Konservierungsateliers zu beobachten. Auf Stegen geniesst man Einblick in die Studienräume, in denen man im Rahmen des neuen Programms Order an Object bis zu fünf Exponate aus den Beständen anfordern, ihre Objekte untersuchen oder das Archiv der David-Bowie-Sammlung besuchen kann.
Das Projekt entstand aufgrund der Entscheidung der Regierung, das Blythe House zu verkaufen. Die ehemalige Postsparkasse im Westen Londons, in der das V&A seit 1979 einen Grossteil seiner Bestände gelagert hatte, war nur Mitarbeiterinnen und Forschern zugänglich. Dies führte zu einem Umdenken im Umgang mit der ständig wachsenden Sammlung von 250 000 Objekten, 350 000 Büchern und 1 000 Archiven. Das New Yorker Architekturbüro Diller Scofidio + Renfro gewann 2018 den Projektwettbewerb mit einem Entwurf, der die Idee eines öffentlich zugänglichen Museumslagers zugrunde lag. Das Storehouse verändert bewusst die Beziehung der Besuchenden zu den Exponaten, indem es die herkömmliche räumliche Ordnung des Museums aufbricht. Normalerweise sind Ausstellung und Konservierung getrennt, wobei Erstere zur Schau gestellt wird, während Letztere verborgen bleibt. Besucherinnen und Besucher können frei durch das Lagerhaus schlendern und die unzähligen hier gelagerten Gegenstände betrachten, die grösstenteils nicht hinter Glas ausgestellt sind. Erreicht wurde dies durch ein kuratorisches Konzept, bei dem 100 Ausstellungsstücke an den Enden und entlang der Seiten der Regale platziert und in die Regale «gehackt» wurden, wie das Architekturtrio und das V&A es beschreiben.
Es gibt einige wenige kuratierte Ausstellungsstücke in verglasten Vitrinen, die Geschichten aus dem Osten Londons oder aktuelle Themen wie Erwerb und Geschlecht präsentieren. Wenn man an den Regalen neben der Treppe vorbeigeht, die voller Möbel und einer Vielzahl kleinerer kurioser Artefakte sind, fühlt man sich an Alice im Wunderland erinnert, die Dinge aus den Regalen nimmt, während sie in den Kaninchenbau fällt.
Das Design ist das Ergebnis der Begeisterung der Architekturschaffenden für Galeriesammlungen. Es erinnert auch an Diller und Scofidios frühere Beobachtungen zur schwierigen Wechselbeziehung zwischen Museen und Besucherschaft. In ihrer Installation parasite von 1989 im MOMA New York hingen in einigen Galerien verwirrende Spiegel und zerlegte Stühle. Strategisch angebrachte Überwachungskameras waren auf die Besuchenden gerichtet, um fragmentierte Bilder von ihnen zu übertragen.
Das Storehouse in London ist eine hybride Typologie, wie Elizabeth Diller sagt, «weder ein Geschäft noch ein Museum», mit einem unverwechselbaren Interieur, nicht an der Strasse. Es ist ein Depot mit einer spektakulären Wunderkammer im Inneren. Die wichtigste Massnahme bestand darin, die bestehenden Lagerböden zu durchbrechen, um die Halle als eigenständigen Raum zu schaffen. In der theatralischen Agora mit künstlichem Himmel aus gleichmässigem Licht, der unter der freiliegenden Struktur und den Versorgungsleitungen hängt, können die Besuchenden mit den Exponaten interagieren. Die anspruchsvolle Architektur steht im Kontrast zum Betrieb des Lagerhauses. Die unaufdringlichen Details der Halle ermöglichen einen freien Blick über das endlose, IKEA-ähnliche Lager und auf die offen ausgestellten Exponate. Das vermittelt ein Gefühl des ungehinderten Zugangs. Die eleganten Stahlträger und die rahmenlosen Glasgeländer entlang des Atriums reduzieren optische Störungen durch die Gebäudestruktur. In anderen Elementen kommt die Lagerfunktion des Gebäudes in geradlinigen Details zum Ausdruck. Die Stahlwendeltreppe zu den oberen Stockwerken, die zwischen den Regalen steht, ist robust konstruiert. Die Stützen der Handläufe scheinen aus den bündigen Stahlgeländern herausgepresst zu sein. An kritischen Stellen, an denen Besuchende versehentlich dagegen stossen könnten, sind die diagonalen Stahlkonstruktionen fast spielerisch mit rot-weissem Klebeband umwickelt.
Ganze Fragmente anderer Bauten sind um die Halle installiert. Edgar Kaufmanns mit Holz verkleidetes Büro von Frank Lloyd Wright und Margarete Schütte-Lihotzkys Frankfurter Küche sind kunstvoll in die Holzkisten ihrer Verpackung eingerahmt. Sie erinnern uns daran, dass sie sich hier im Lager befinden und jederzeit für den Transport bereit sind. Neben zwei anderen Bauteilen ist im ersten Stock die aufwendig verzierte Torrijos-Decke aus Spanien aus dem 15. Jahrhundert in einem weissen Raum ausgestellt. Ein Teil des Bodens der Sammlungshalle ist verglast und gibt den Blick auf das unterste Stockwerk des Lagerhauses und einen Teil der Marmor-Agra-Kolonnade aus dem 17. Jahrhundert frei, das schwerste Objekt der Sammlung, das zwischen den Regalen steht, in denen Mitarbeitende gerade Objekte bewegen. Am ironischsten von allen Exponaten ist wohl der Fassadenabschnitt, der vor dem Abriss der Robin-Hood-Gardens-Wohnsiedlung von Alison und Peter Smithson gerettet wurde. Vom Gebäude gelöst, hängt er nun über einem Teil der beiden Galerien rund um die Halle und ersetzt die Glasbalustrade.
Das Storehouse selbst hat keine äussere Form und keine Fassaden. Als Teil seiner hybriden Typologie und Nutzung eines bestehenden Gebäudes ist seine verborgene Architektur und das Fehlen einer Formgebung ein aussergewöhnliches Merkmal. Im Gegensatz zu anderen kulturellen Umnutzungen im Vereinigten Königreich ist das Gebäude, in dem es untergebracht ist, nicht besonders einprägsam.
Europäische Galerien und Museen haben in letzter Zeit überdacht, wie ihre gelagerten Sammlungen untergebracht werden. Einige haben ikonische Neubauten als Schaulager entwickeln lassen, die das Potenzial haben, Besuchermassen anzulocken. Als eines der ersten Projekte baute die Laurenz-Stiftung in Basel ihr Schaulager von Herzog & de Meuron (2003, vgl. wbw 7/8 – 2003, S. 4 – 11), ein undurchschaubares, monolithisch wirkendes Lager, das mit lehmfarbenen Fassaden verziert ist. Es ist als Depot mit öffentlicher Ausstellung konzipiert.
Das auffälligste Beispiel für diese neue Art von Kunstlager ist das freistehende Depot von MVRDV (2021), in dem sich das Depot des Museums Boijmans Van Beuningen in Rotterdam befindet. Seine verspiegelte Ei-Form beherbergt einen zentralen öffentlichen Verkehrsraum mit sich kreuzenden Treppen, in dem Ausstellungsstücke in verglasten Vitrinen zu sehen sind, umgeben von geschlossenen Lagern und Konservierungsräumen mit Schaufenstern. In beiden Fällen wird die neue Architektur als Spektakel präsentiert. Der öffentliche Zugang zu den Lagern ist auf wenige Einblicke beschränkt, ohne die Möglichkeiten wie im V&A Storehouse, im Lagerhaus zu stöbern. Nach der Interpretation von Diller Scofidio + Renfro sorgen im V&A Storehouse die aussergewöhnlichen Exponate aus den Reservebeständen und ihre Präsentation für das Spektakel, ohne dass eine neue Gebäudeikone erforderlich wäre.
Rosamund Diamond führt seit 1991 das Büro Diamond Architects in London. Sie ist Korrespondentin von werk, bauen + wohnen in der britischen Hauptstadt.
Aus dem Englischen, bearbeitet von Roland Züger. Originaltext