Artikel aus 1/2–2026

Notwendigkeit als Chance

Zum Umbau des Centre Pompidou in Paris

Susanne Stacher, Julien Lanoo (Bilder)

Die Nachricht von der langfristigen Schliessung hat viele überrascht und wirft Fragen auf. Was genau geschieht im Centre Pompidou und warum bleibt es für mindestens fünf Jahre geschlossen?

Rund 50 Jahre nach seiner Fertigstellung im Jahr 1977 wird das Centre Pompidou in Paris grundlegend renoviert – und dabei auch modernisiert. Im Laufe seiner Geschichte wurde das prototypische Gebäude, das 2026 zum Denkmal wird, bereits mehrfach umgebaut, aus ganz unterschiedlichen Gründen: teils aus technischen, wie die 2019 erfolgte Sanierung der aussenliegenden «Glasraupe», teils aus funktionalen, wie etwa die in den 1980er Jahren erfolgte Schliessung der überdachten Nord- und Südfassade, um zusätzlichen Raum zu schaffen und zugleich das Niederlassen von Obdachlosen zu unterbinden. Das hat die ursprüngliche Leitidee einer Agora mit allseitiger Öffnung zur Stadt zunehmend eingeschränkt. Im Zuge der aktuellen Umbauarbeiten soll diese ursprüngliche Ambition der Offenheit wieder in den Vordergrund rücken.

Lüftung mit Asbest

Die eigentlichen Auslöser für die anstehende Renovierung sind in erster Linie technischer Natur: Die opaken Fassadenelemente sowie die Lüftungsrohre, die innen und aussen omnipräsent sind, enthalten Asbest und müssen entsorgt werden. Darüber hinaus wird die Fassade renoviert, um den heutigen wärmetechnischen Anforderungen zu entsprechen. Windlasten und hindernisfreie Zugänglichkeit sind weitere Themen. Interessanterweise ist die Struktur in einwandfreiem Zustand; nur wenige Stahlträger sind stellenweise korrodiert und müssen neu gestrichen werden.

Im Jahr 2021 wurde das Büro AIA Life Designers über ein Auswahlverfahren mit der technischen Sanierung beauftragt. Adrien Paporello, Partner und Projektleiter, berichtet von den Herausforderungen, insbesondere von der Erneuerung der sieben Meter hohen, teils abgehängten Glaselemente: «Die materielle Identität und das Erscheinungsbild sollen beibehalten werden. Daher erhalten wir die äusseren Stahlrohre der Fassade und die doppelten U-Profile, während die noch ursprüngliche Verglasung mitsamt Profilen erneuert wird.» Auch die Lüftung muss optimiert werden, um den heutigen Normen zu entsprechen. Auch hier wird der optische Aspekt der bunten Rohre bewahrt beziehungsweise auf der strassenseitigen Ostfassade auf die ursprüngliche Planung von Renzo Piano, Richard Rogers und Peter Rice zurückgeführt. «Der Energieverbrauch sinkt um die Hälfte, wenn sowohl die Fassade als auch die Lüftung optimiert werden. Die Luft wird nicht wie bisher in Kalt- und Heissluftrohren geführt und in den Ausstellungssälen gemischt, sondern bereits vortemperiert zugeleitet. Das andere Rohr wird somit frei für die Entrauchung.» Paporello und sein Team überarbeiten auch das Brandschutzkonzept: «Nicht mehr Sprinkler und Anstrich schützen die aussenliegende Struktur, sondern bessere innere Brandschutzmassnahmen, sodass die Flammen die Struktur gar nicht erst gefährden können.» Bei der Konzeption hat die Denkmalpflege mitgeholfen, den ursprünglichen Zustand anhand von Plänen und Fotos zu eruieren. «Wenn sich die technischen Anforderungen verändern, müssen sich auch die Konzepte weiterentwickeln», so Paporello, der sich für eine dynamische Auslegung des Denkmalschutzes einsetzt – eine, die mit der Zeit geht und Veränderung als Teil des Erhalts versteht.

Flächen neu programmieren

Angesichts der mindestens fünf Jahre dauernden Renovation und der damit verbundenen Schliessung des Gebäudes erschien es sinnvoll, die Gelegenheit zu nutzen, um auch architektonische Veränderungen vorzunehmen. Künftig soll das Museum heutigen Nutzungsansprüchen gerecht werden und die aktuell bestehenden Möglichkeiten voll ausschöpfen, insbesondere die freiwerdende Tiefgarage.

Für diesen kulturellen Aspekt des Umbaus wurde 2023 ein internationaler Wettbewerb ausgeschrieben, an dem sich über 80 Büros beteiligt haben. Das französische Architekturbüro Moreau Kusunoki, im Team mit der mexikanischen Architektin Frida Escobedo, erhielt den Zuschlag. Renzo Piano, der Jurymitglied war und das Projekt weiterhin begleitet, begrüsst die Auswahl: «Ich denke, dass die Gewinner dieses Wettbewerbs den Geist des Centre Pompidou bestens verstanden haben. Ihr Projekt steht in vollem Einklang mit der Architektur des Gebäudes, lässt gleichzeitig Raum für zukünftige Erneuerungen und bewahrt dessen Integrität.»

Die Stärke des Projekts liegt im Verständnis der ursprünglichen Intentionen und in deren kreativer Aktualisierung. «Unser Konzept beruht darauf, die Transparenz und Porosität des Gebäudes wiederherzustellen und die Wegführung zu vereinfachen», erklären Moreau Kusunoki. Die Südfassade vor dem Brunnen von Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely wird geöffnet und Teil der Stadt. Hier werden das Café, die Buchhandlung und der Designshop angesiedelt, was eine direkte Verbindung zwischen innen und aussen ermöglicht. Grosse Verglasungen ersetzen im Inneren die opaken Brandschutzwände, um einen ungehinderten Durchblick in Längsrichtung zu ermöglichen.

Der ursprünglich doppelgeschossige Eingangsbereich, in dem ein direkter Anschluss zur Metro geplant war, aber nie ausgeführt wurde, soll von dem Mezzanin befreit werden, das Piano in den 1990er Jahren hinzugefügt hatte. Dadurch entsteht eine grosszügige Agora mit Sitzstufen, wo Veranstaltungen stattfinden können. Diese «Rückführung» ist heute möglich, da die Nutzungen im Untergeschoss – kleinere Ausstellungsräume und der Kinosaal – in die ehemalige Tiefgarage unter der Piazza verlegt werden, die aufgrund der Reduzierung des Stadtverkehrs heute nicht mehr genutzt wird. Diese Erweiterung bietet neue Möglichkeiten: Sie schafft in den unteren Geschossen Platz für zusätzliche Ausstellungsflächen und Nutzungen, etwa einen Bereich für Kinder aller Altersstufen.

Nach jahrelangen Überlegungen, die interne Bibliothek aus Platzgründen auszulagern, kann sie nun doch im Centre Pompidou bleiben. Moreau Kusunoki restrukturieren die dreigeschossige Bibliothek mit einer neuen internen Erschliessung. Dabei wird die Tragstruktur weniger belastet als durch den bisherigen, sehr grossen Deckenausschnitt. Frida Escobedo ist für das Design der Innenausstattung der Bibliothek sowie des Kinder- und Jugendbereichs verantwortlich.

Geist der Gegenwart

Offenheit erzeugen auch punktuelle Öffnungen in der bisher opaken Strassenfassade entlang der Rue de Renard. So entstehen in den Ausstellungsräumen neue Ausblicke nach Osten in Richtung des historischen Stadtteils Marais. Auf dem Dach ist die Einrichtung einer öffentlichen Terrasse für Veranstaltungen vorgesehen. Sie ersetzt Teile der bestehenden Lüftungstechnik und eröffnet einen weiten Panoramablick über den Pariser Westen.

Das Atelier Brancusi, das kleine Sandsteingebäude auf der Piazza, das Ende der 1990er Jahre von Renzo Piano errichtet wurde, zog trotz kostenlosem Zutritt wenige Besucher an. Es soll künftig ebenfalls eine neue Nutzung erhalten. Ideen dafür werden noch gesucht. Die Sammlung Brancusi, die einen wesentlichen Bestandteil der gesamten Sammlung ausmacht, wird ins Museum verlegt.

Dank der notwendigen Sanierung lässt das zukünftige Centre Pompidou den offenen Geist der 1970er Jahre wieder aufleben, ohne in ein rückwärtsgewandtes Revival zu verfallen. Durchdrungen vom Geist der Gegenwart, wird es Kunst und Kultur in einem neuen architektonischen Rahmen vermitteln, der Offenheit, Porosität, Transparenz und Dynamik erzeugt. Während der Renovierungsarbeiten müssen sich Pariserinnen und Touristen mit Teilausstellungen im Grand Palais begnügen. Die Bibliothek wurde vorübergehend in ein leerstehendes Bürogebäude in Bercy verlegt – weniger zentral und charismatisch, aber wenigstens weiterhin zugänglich –, bis sie 2030 in ihre neu designten Räumlichkeiten einzieht.

Susanne Stacher (1969) ist Architektin und Architekturkritikerin in Paris und Korrespondentin von werk, bauen + wohnen.

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