Lucia Gratz , Mark Niedermann (Bilder)
Die Moderne brachte Anfang der 1930er Jahre grossstädtische Typologien nach Basel. Mit dem Rialto entstand ein multifunktionales Hallenbad. Bis heute lebt das Haus vom Zusammenspiel der unterschiedlichen Nutzungen.
Nach dem New Yorker Börsenkrach erfasste die Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre auch die Schweiz. Basels Kassen waren leer, doch hielt das die Stadt nicht vom Bauen ab. Krisen machen erfinderisch. Und so überliess die öffentliche Hand den Bau des seit langem geplanten Hallenbads privaten Investoren. Das nötige Kapital brachte eine 1932 eigens dafür gegründete Aktiengesellschaft auf. In der Form einer öffentlich-privaten Partnerschaft stellte die Stadt eine zentral gelegene Parzelle am Birsigviadukt zur Verfügung und bot Hand bei der Bewilligung des Vorhabens. Schon zwei Jahre später konnten Schwimmbegeisterte die ersten Bahnen ziehen.
Die renommierten Basler Architekten Emil Bercher und Eugen Tamm entwarfen das Rialto als Haus mit «mannigfaltiger Zweckbestimmung».1 Die hohen Erstellungskosten für das Bad, dessen Betrieb und Unterhalt sollten durch eine Reihe weiterer Nutzungen unter demselben Dach querfinanziert werden. Anstatt einer repräsentativen Thermenarchitektur, wählten die Architekten einen betont sachlichen Ausdruck und legten Wert auf Zweckmässigkeit im Gebrauch. Sie entwarfen aber auch einen lebendigen Ort, der urbane Dichte suggerierte und bis heute von der Grossstadteuphorie jener Zeit erzählt.
Der Geist der 1930er Jahre ist inzwischen an vielen Stellen im hybriden Haus verflogen. Es scheint, als sei im Verlauf der Zeit «zweckmässig» oft mit «pragmatisch» verwechselt worden. Trotz der zahlreichen Veränderungen im Inneren blieb das Konzept eines multifunktionalen Gebäudes aber erhalten. Dass sich das Rialto auch für heutige Bedürfnisse programmieren lässt, zeigt der jüngst abgeschlossene Umbau von Reuter Architekten.
Für viele Baslerinnen und Basler steht «Rialto» heute synonym für «Hallenbad». Wie Corso, Roxy oder Atlantis ist der Name eine typische Kreation der 1920er Jahre für moderne, urbane Erlebnisräume. Vor allem Kinos und Theater hiessen so und sollten Glamour und Weltläufigkeit ausstrahlen. Bäderbau lag im Trend. Auch das Gartenbad Eglisee wurde Anfang der 1930er Jahre im Stil des Neuen Bauens umgestaltet und erweitert. In der Krisenzeit investierte die Stadt antizyklisch und ging damit gegen die hohe Arbeitslosigkeit vor. Beim privat entwickelten Hallenbad-Komplex Rialto trat die wenige Jahre zuvor noch dominierende Idee der Volkshygiene zugunsten der Vermarktung eines modernen Lebensgefühls aus Vergnügen und sportlicher Betätigung in den Hintergrund. RIALTO – wie eine Reklame ist der vertikale Schriftzug gut sichtbar an der Fassade des neunstöckigen Hauses angebracht.
Sanft geschwungen, nimmt der längliche Baukörper die Richtung des Flusslaufs durch das Nachtigallenwäldeli auf. Während der Eingang zum Hallenbad mit seinem 25-Meter-Becken an der ruhigen Quartierstrasse im Taleinschnitt des Birsig liegt, schliesst das Haus auf dem dritten Geschoss geschickt mit der Kopfseite an die Brücke an. Dort, am Vorplatz, konnten früher Autos in einer Parkbucht halten. Eine Ladenzeile mit vier Geschäften und ein Café mit grosszügiger Terrasse im Geschoss darüber rahmten den Haupteingang. Mit dieser Doppeladressierung und der Verbindung der Stadtebenen im Inneren liess sich die Öffentlichkeit gezielt ins Haus locken.
Im Sinn einer funktionalen Ästhetik ist die Schichtung der Nutzungen am Haus ablesbar. Im gekrümmten Sockel, der vom Park aus wie ein Schiffsrumpf wirkt, befindet sich das Hallenbad mit all seinen Begleiteinrichtungen. Die beiden mittleren Etagen waren mit ihren gut drei Meter hohen Räumen für gesellschaftliche Nutzungen geeignet, während in den oberen drei Geschossen Büros, eine Arztpraxis und Wohnungen Platz fanden.
Alle Nutzungen funktionierten für sich, sollten aber auch Synergien schaffen. Nach einem Bürotag holten sich Angestellte im Zigarrenladen Nachschub oder setzten sich an die Bar. Wer hier wohnte, konnte wie im Hotel in Badeschlappen nach unten in die Schwimmhalle gehen. Mit seinem bunten Nutzungsmix muss das Haus wie die kapitalistische Version eines social Condensers (vgl. wbw 11 – 2021) gewesen sein.
Auch wenn das Hallenbad stets gut besucht war, hat das Rialto nie den erhofften Profit erwirtschaftet – ganz im Gegenteil. Mehrfach musste ihm die öffentliche Hand unter die Arme greifen, um den Badebetrieb zu sichern. 1970 kaufte der Stadtkanton die Liegenschaft, baute sie um und kombinierte die Nutzungen neu. Ein grosser Teil der ursprünglichen Substanz und der hochwertigen Ausstattung ging dabei verloren. Die obersten drei Geschosse wurden vollständig zu Wohnungen umfunktioniert. Wo früher ein Restaurant mit Jägerstübli war, zog das Sozialgericht ein. Mit dem jüngsten Umbau befinden sich an dessen Stelle nun acht Kleinwohnungen. Gleichzeitig sollte der Schwimmbetrieb als Kernnutzung gestärkt werden: Da Basel mit Hallenbadflächen notorisch unterversorgt ist, baute man ein zweites Lehrschwimmbecken ein. Auf der Höhe der Zeit sind nun auch der erneuerte Wellnessbereich und die genderneutralen Umkleiden. Um dafür Platz zu schaffen, wurde das Lager einer Fasnachtsclique ausquartiert.
Von aussen wirkt das im Denkmalinventar verzeichnete Haus nahezu unverändert. Neben der differenzierten Volumetrie blieben auch Feinheiten wie Geländer, Brüstungen und die bauzeitliche Fassade aus hellbeigen Keramikplatten erhalten. Im Dickbett verlegt, verkleiden sie die ausgefachte Stahlstruktur. Reuter Architekten leisteten eine präzise Reparaturarbeit, indem sie einzelne schadhafte Platten denkmalgerecht durch eigens angefertigte Replikate ersetzten. Auch die erneuerten Fenster erhielten den original dunklen Braunton zurück, leider jedoch nicht die Filigranität der ursprünglichen Stahlfenster.
Was Zürich das Zett-Haus und Lausanne die Cité Bel-Air Métropole, ist Basel das Rialto. Alle drei entstanden in der Grossstadtbegeisterung um 1930 unter dem Eindruck metropolitaner Kultur, die aus Übersee in die Alte Welt schwappte. In der Krisenzeit wurde privates Kapital zum Geburtshelfer öffentlicher Einrichtungen und setzte städtebauliche Impulse. Es waren hybride und trotzdem oder gerade deshalb in der Art der Programmierung und der Bautechnik für die damalige Zeit progressive Investitionsobjekte.
Während das avantgardistische Zett-Haus mit Gadgets wie einer Autodrehscheibe in der Tiefgarage oder einem aufschiebbaren Kinodach seine Fortschrittlichkeit zur Schau stellte, wirkte das Bel-Air Métropole in einem monumentalen Neoklassizismus verhaftet. Hinter den steinernen Fassaden verbarg sich aber, ähnlich den New Yorker Wolkenkratzern jener Zeit, fortschrittliche Gebäudetechnik. Erst Aufzüge, Zentralheizung, Lüftung und elektrische Beleuchtung ermöglichten betrieblich die grossen Raumtiefen in den riesigen Rümpfen dieser Bauten.
Stahlskelettkonstruktionen wuchsen in den Himmel, die massiven Fassaden waren vorgeblendet. Ähnlich beim Rialto: Mit einem Sockel aus Stahlbeton überspannt eine betonummantelte Rahmenkonstruktion aus Stahl die Schwimmhalle. Darüber sattelt ein fünfgeschossiges Stahlskelett auf. Dem Leichtbau sind die kurze Bauzeit von nur zwei Jahren und die Flexibilität der Raumaufteilung zu verdanken. Tragende Innenwände gibt es nicht, der Grundriss ist in Stützen aufgelöst. Entlang der ursprünglichen Schlichtheit und Raumlogik gliederten Reuter Architekten Teilbereiche neu. Die Gastroküche wanderte in den brückenseitigen Vorbau. Restaurant und Seminarräume öffnen sich nun mit Blick auf das Nachtigallenwäldeli zur Terrasse. Diese war zur Erbauungszeit einem Saal für gesellschaftliche Anlässe zugeordnet. Ein Grund für den tiefen Eingriff war auch die Brandschutzertüchtigung der Tragstruktur. Heute sind die kräftigen Unterzüge in der Schwimmhalle wieder raumwirksam erlebbar. Die oberen drei Geschosse blieben Wohnungen; dort erneuerte man lediglich Küchen und Bäder.
Härtere Zeiten begannen in der Nutzungsgeschichte des Rialto wohl in den 1970er Jahren, als die Stadt dort unterbrachte, was ihr praktikabel erschien. Dass ein hybrid genutztes Haus auch kuratiert werden muss, um als Gesamtheit attraktiv zu sein, ist heute wieder stärker im Bewusstsein der Eigentümerschaft. Ihre Gewichtung auf Wohnen und Schwimmen ist naheliegend – dort ist der Bedarf am grössten. Sandwichnutzungen gibt es weiterhin, auch wenn die Seminarräume, das Restaurant und Gewerbe auf eines der mittleren Geschosse zusammengeschmolzen sind. Die neue Ausstattung und Materialisierung sind sorgfältig ausgeführt, doch kaum spezifisch für das Haus. Erst indem der Umbau die ursprünglichen Raumeigenschaften hervorkehrt, entsteht Wiedererkennbarkeit, die den Bestand und neu Hinzugefügtes, Aussen und Innen zusammenhält.
Während die acht zusätzlichen Wohnungen schnell vermietet waren, warten die beiden Gewerbeflächen zum verkehrsreichen Viadukt noch auf eine passende Nutzerschaft. Wo früher Blumen und Zigarren Laufkundschaft lockten, blicken nun zwei leere Fenster wie blinde Augen in die Stadt. Eine Idee, was heute ihr Beitrag zu einem Haus von «mannigfaltiger Zweckbestimmung» sein könnte, blitzt in ihnen noch nicht auf. So liegt das Rialto wie ein in Schuss gebrachter, doch etwas vergessener Atlantikliner am Viadukt. Grossstadtträume wachsen heute in Basel auf der anderen Seite des Rheins in den Himmel.
1 Das Hallenschwimmbad am Viadukt in Basel: Architekten Bercher & Tamm, Basel; Ingenieure Terner & Chopard, Zürich, in: Schweizerische Bauzeitung, Heft 4, 1935, S. 37 – 47.
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