Wird der Boden knapp, ist die Stapelung von Nutzungen eine naheliegende Lösung. Manchmal finden dadurch Nutzungen zueinander, die sich eher fremd sind. In guten Fällen entstehen durch Nutzungsmischung aber Synergien und eine Vielfalt, die Städte immer ausgezeichnet hat.
Sichtet man die Wettbewerbslandschaft, ist jüngst auch in der Schweiz mancherorts eine Lust am Hybrid auszumachen. Einige der Beispiele waren bereits in diesem Heft als Wettbewerbsbesprechung zu Gast. Wie ist heute der Stand der Dinge? Wir haben bei den Stadtbaumeisterinnen und Stadtbaumeistern nachgefragt, was diese Hybride für die Entwicklung ihrer Stadt bedeuten, und zeigen Beispiele aus Basel, Bern, Fribourg, Genf, Winterthur und Zürich.
Bei seiner Eröffnung 1999 war es der grösste Fachmarkt der Schweiz. Heute bildet das Einkaufszentrum der Migros mit seinem weitläufigen Parkplatz den Anker der Transformation im einstigen Industrie- und Gewerbeareal im Norden Basels. So wird künftig der OBI-Baumarkt in den Bau integriert, und die Parkplätze werden darüber angeordnet. Auf dem Dach entsteht ein «zweites Erdgeschoss» für eine Sekundarschule samt Dreifachturnhalle, die in der Nachbarschaft dringend gebraucht wird. Zudem beleben sieben Stadthäuser, die an der Arealgrenze den Massstab der Umgebung aufnehmen, und drei Türme mit 800 Wohnungen und Arbeitsplätzen in ihren Sockeln das Geviert. Auf dem heutigen Parkplatz entsteht ein Quartierpark (6100 m2), der auch das benachbarte Gundeldingerquartier aufwertet. Das Projekt steht kurz vor der Überweisung durch die Regierung an den Grossen Rat. Die Arealentwicklung Dreispitz Nord benötigt eine Umzonung und einen Bebauungsplan.
Der Dreispitz Nord ist ein Beispiel dafür, wie die Stapelung von Nutzungen neue Grün- und Freiräume überhaupt erst ermöglicht. Auf einem Areal ohne jegliche Aufenthaltsqualität entsteht zusätzlich zum Quartierpark ein 14000 m2 grosser Dachpark in luftiger Höhe. Ein Viertel der Fläche nutzt die Schule, drei Viertel stehen der Bevölkerung offen.
Die Herausforderungen der Realisierung liegen in der Tragwerksplanung und in der komplexen Etappierung. Denn das Einkaufszentrum und seine Parkplätze müssen auch während des Baus uneingeschränkt funktionieren. Es waren komplexe Verhandlungen und ein umfangreiches Vertragswerk notwendig, um die Zusammenarbeit zwischen der Grundeigentümerin Christoph Merian Stiftung, der Baurechtsnehmerin Genossenschaft Migros Basel und dem Kanton Basel-Stadt zu regeln. Schliesslich musste das Richtprojekt den beiden Megatrends Wohnschutz (ein Drittel gemeinnütziger Wohnraum) und Klimawandel (Schwammstadt) angepasst werden. Doch das städtebauliche Richtprojekt von Herzog & de Meuron hat sich als robust erwiesen. — Beat Aeberhard, Kantonsbaumeister von Basel-Stadt
Dreispitz Nord
MParc, Münchensteinerstrasse 200, 4053 Basel
Bauherrschaft: Div. Firmen / Kanton Basel-Stadt (Schule)
Architektur: Herzog & de Meuron, Basel
Geschossfläche: Ca. 200 000 m²
Nutzungen: Wohnen (47 %), Einkaufen (22 %), Dienstleistungen (16 %), Sekundarschule (9 %), weitere (Gastro, Quartiertreff etc.) (6 %)
Baurecht: Bebauungsplan
Chronologie: Städtebauliche Studie über Gesamtareal 2003, Studienauftrag Dreispitz Nord 2017, Richtprojekt 2020
Publikation: vgl. wbw 6 – 2018, S. 50 – 53
Im Nordosten Berns, zwischen Autobahn A1 und S-Bahnhof Wankdorf, entsteht mit Wankdorfcity 3 die dritte und letzte Etappe eines neues Quartiers. Das Besondere an ihr: Sie entwickelt sich vertikal, als gestapelte Stadt.
Wo früher der Schlachthof in Betrieb war, entstand im Verlauf der letzten 15 Jahre vor allem eine Bürostadt der staatsnahen Betriebe SBB und Post, aber auch von Banken, Versicherungen oder Baukonzernen. Bereits die zweite Etappe bewegte sich mit einem Anteil an Wohnungen und einem Hotel weg von dieser monofunktionalen Nutzung. In der Wankdorfcity 3 soll nun ein lebendiges, nutzungsdurchmischtes und urbanes Wohn- und Arbeitsquartier entstehen.
Der neue Quartierteil entsteht rund um Bestandsbauten wie eine Shedhalle und ein Magazingebäude. Um Monotonie zu vermeiden und Platz zu schaffen, wird die angestrebte hohe Dichte – vergleichbar mit der Berner Altstadt – mit vielfältiger Architektur, Typologie und Höhenentwicklung realisiert. 30 Meter über Grund entsteht eine zweite Stadtebene. Sie dient den oberen Wohnungen als Erschliessung und Aussenraum. Den Nutzenden stehen damit unterschiedliche Stadträume mit Freiräumen und Plätzen, Gartenbrücken, Hofterrassen und Dachgärten zur Verfügung. Dies fördert den sozialen Austausch und trägt zu einem besseren Stadtklima bei.
Wankdorfcity 3 wurde partnerschaftlich zwischen der Entwicklerin Immofonds, der Stadt und den beteiligten Planungsteams in einer lernenden Planung und Organisation entwickelt: Basierend auf einer Testplanung wurde ein Masterplan erarbeitet. Die Eckwerte daraus dienten für ein Richtprojekt, in das sich die nachfolgenden Projektwettbewerbe einordnen mussten. Vier Beiträge wurden ausgewählt und im Rahmen des Werkstattverfahrens zur Baureife weiterentwickelt. — Jeanette Beck, Leiterin des Stadtplanungsamts Bern
Wankdorfcity 3
Adamstrasse / Neuenschwanderstrasse / Stauffacherstrasse, 3014 Bern
Bauherrschaft: Immosol AG, Zürich
Architektur: Bauart Architekten und Planer, Bern, Bob Gysin Partner Architekten, Zürich, E2A Architekten, Zürich, Meili, Peter & Partner, Zürich, Rolf Mühlethaler Architekten, Bern, Spreng + Partner, Bern (Einstellhalle)
Landschaft: Maurus Schifferli, Bern
Bausumme / Geschossfläche: Ca. CHF 500 Mio. / ca. 126 000 m²
Nutzungen: Dienstleistung, Gewerbe, Gastronomie, Büro, Gemeinschaftsflächen, Wohnen
Chronologie: Testplanung 2020, Wettbewerb 2022, Bauprojekt 2023, Baubewilligung 2024, Bezug 2025–29
Publikation: Wettbewerb in: wbw 6–2022, S. 42–43
Nördlich des Stadtzentrums von Fribourg liegt das Quartier Torry, geprägt von Baubestand aus den 1960er und 1980er Jahren, weitem Grün und hohen Bäumen. Seit 40 Jahren sitzt mittendrin auch die Feuerwehr, die für Stadt und Region zuständig ist. Mit deren Ausbauwunsch entstand die Idee einer möglichen Aufstockung. 2017 eröffnete die zusätzliche Einstellhalle der Feuerwehr, entworfen von Aeby Aumann Emery. 2025 haben 2b architectes der Erweiterung in Beton einen Turm aus Holz – aus dem Wald der lokalen Burgergemeinde – aufgesattelt.
Mit seinen 30 Metern Höhe orientiert sich der Bau an den Wohntürmen der Umgebung. Ohne Gestaltungsplan, in Regelbauweise realisiert, steht er in der Zone für öffentliche Bauten. Deshalb zog die Stadtverwaltung ein: Polizei, Gesundheitsdienste, Verkehrsplanung, Informatikabteilung. Innere Wendeltreppen schaffen Kommunikationsmöglichkeiten zwischen den Etagen. Die Cafeteria im Bestand sowie im 4. Obergeschoss des Neubaus steht allen offen, genauso die Dachterrassen mit Ausblick über die Stadt.
Jede zweite Etage ist als Vierendeelträger konstruiert, was die anderen Geschosse von Stützen befreit und flexibel für Nachnutzungen macht. Erschlossen werden die Büros nicht vom Feuerwehrhof, sondern von der Strasse im Norden. Durch die Stapelung der Nutzungen entstand ein Vorzeigeprojekt für die Verdichtung nach innen mit minimalem Fussabdruck, das Land und Ressourcen schont. So konnten auch die Platanen nördlich vor dem Haus erhalten bleiben, die sich nun in der Metallfassade spiegeln. — Enrico Slongo, Stadtarchitekt von Fribourg
BATPOL
Route de l’Aurore 4a, 1700 Fribourg
Bauherrschaft: Ville de Fribourg, Fribourg
Architektur: 2b architectes, Lausanne
Fachplanung: Holzbauingenieur: Pirmin Jung, Thun, Bauleitung: Normal Office, Fribourg
Bausumme total (inkl. MwSt.): CHF 20.4 Mio.
Geschossfläche SIA 416: 3 398 m²
Nutzungen: Büros, Sitzungszimmer, Dachterrasse, Gemeinschaftsräume, Schalterbereiche
Baurecht / Zone: Regelbauweise, Zone für öffentl. Bauten
Chronologie: Wettbewerb 2017, Planung / Bau 2017 – 25, Bezug 2025
An zentralster Lage in der Genfer Innenstadt liegt das Plaza und markiert die Mitte der Achse vom Bahnhof zum See. Noch heute üben Vorhangfassade, Massstabssprung und die moderne Anmut des Baus eine starke stadträumliche Wirkung aus. Der Architekt Marc-Joseph Saugey hat den Komplex 1952 nach seiner Rückkehr von einer Amerikareise entworfen. Davon hatte er neben dem Namen (er nächtigte in einem Hotel Plaza) auch den Eindruck der amerikanischen Baukultur im Gepäck. So ist der Einsatz von damals bunter Leuchtreklame am Haus zu erklären, die noch heute auf das Kinoprogramm aufmerksam macht.
Die Anlage besteht aus einem abgestuften, bis zu acht Etagen hohen Gebäudewinkel, der auf einem zweigeschossigen Sockel ruht. Im Südosten ist der grosse Kinosaal mit ursprünglich 1250 Sitzplätzen angebaut. Von Ladengeschäften gesäumt, kann der Sockel mittig durchquert werden. Das verwebt die unterschiedlichen Nutzungen mit dem Stadtraum.
Ein besonderes Augenmerk der umsichtigen Renovation liegt auf der Struktur, den Farben den und Materialien, die für das architektonische Vokabular von Saugey unverzichtbar sind. Neu wird mit der Integration eines Hotels die einst geplante, damals nicht realisierte Idee der Nutzungsmischung noch intensiviert. Zudem werden unter dem alten Kinoraum ein Panoramasaal und im Haus zusätzliche Präsentationsräume eingebaut.
Seit der Komplex in den Händen einer Stiftung liegt, wurde das Haus saniert und neu konzipiert. Die kommerziellen Nutzungen (Läden, Gastro und Büros) finanzieren künftig den Kulturbetrieb mit Kino und Filmevents sowie eigener Produktionsfirma und der Komplex beherbergt das Genfer Filmfestival – ein ganzes Ökosystem rund um die Filmkunst. — François de Marignac, Partner im Büro FdMP architectes in Genf
Plaza Centre Culturel cinéma et architecture
Rue de Chantepoulet 1–3, 1201 Genf
Bauherrschaft: Fondation Plaza, Genf
Architektur: FdMP architectes, Genf
Geschossfläche: 4922 m²
Nutzungen: Kinosaal, Panoramasaal, Vorführraum für neue Präsentationsformate, Kunstgalerie, Empfang, Künstlereingang, Brasserie, Bar, Läden, Verwaltung, Hotel, Büros
Baurecht: Historisches Baudenkmal im Inventar
Chronologie: Wettbewerb 2021, Planungsbeginn 2022, Bezug 2023 (Büro), 2026 (Kinosaal)
Im Norden Winterthurs planen die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG) und Terresta ein Kunstdepot inklusive Büros, Werkstätten, Lagerflächen, Wohnungen und Café. Die gemeinsame, grosszügige Foyerhalle soll Synergien fördern.
Gewonnen hat den Wettbewerb 2023 (wbw 9 – 2023, S. 36 – 38) die junge ARGE aus Studio Burkhardt und Lucas Michael Architektur mit einem radikal einfachen Vorschlag: eine nutzungsoffene Holzstruktur. Die Herausforderungen der hybriden Planung sind vor allem struktureller und haustechnischer Natur. Das grosse Gewicht der Sammlungsobjekte und die Kleinteiligkeit der Wohnungen machen eine Kombination von zwei Systemen sinnvoller: oben Holz, unten Beton.
Campo sowie diverse grosse Wohnbauten, Schulen und Gemeinschaftseinrichtungen orientieren sich zum identitätsbildenden Eulachpark und prägen das neue urbane Gesicht des ehemaligen Industrieareals.
Hybrid nutzbare Strukturen bedingen eine flexible Zonierung, weshalb solche Planungen eher in Zentrumszonen oder im Rahmen von Sondernutzungsplanungen erfolgen. In Winterthur wurden in den letzten Jahren insbesondere grosse Dienstleistungsbauten an zentralen Lagen «hybrid» umgenutzt. Klassisch ist ein Mix aus Gewerbe im Erdgeschoss, darüber Dienstleistung und Wohnen. Flexibilität und Anpassungsfähigkeit dieser oft einfach konstruierten Zweckgebäude der 1970er bis 1990er Jahre scheinen gegeben.
Diverse grössere hybride Projektentwicklungen sind in Planung. Geltende Normen und die etwas unflexible Bau- und Zonenordnung sind dabei eine grosse Herausforderung. Mit der kommenden Revision soll diesbezüglich mehr Spielraum gegeben werden. — Jens Andersen, Stadtbaumeister von Winterthur.
Campo
Zum Park, 8404 Oberwinterthur
Bauherrschaft: SKKG, Winterthur mit Terresta, Winterthur
Architektur: ARGE Studio Burkhardt mit Lucas Michael Architektur, Zürich
Gesamtinvestitionen / Geschossfläche: Ca. CHF 130 Mio. / 22 000 m²
Nutzungen: Sammlungshaus mit Kunstdepot (ca. 45 %), Büro, Werkstatt, Lager Terresta (ca. 12 %), Drittnutzungen: Wohnen, Gewerbe und Werkstätten, Gastronomie (ca. 25 – 40 %)
Baurechtliche Vorgaben: Regelbauweise mit Arealbonus, Zentrumszone
Chronologie: Wettbewerb 2023, Vorprojekt 2024 – 25, Bauprojekt 2025 – 26, Bewilligung 2026 – 27, Realisierung 2027 – 30
Publikation: Wettbewerb in: wbw 9 – 2023, S. 36 – 38
Das Areal «Werkstadt» liegt im wachsenden Zürich-Altstetten – einem Quartier, dessen Entwicklung vom Dorf zum Stadtquartier seit Ende des 19. Jahrhunderts stark mit der Entwicklung der Eisenbahn verwoben ist. Durch die Bahn entstanden hier damals nicht nur das Gleisfeld oder die SBB-Werkstätten, sondern auch ein bedeutendes Industriequartier. Zu Industrie und Gewerbe gesellten sich in den letzten Jahrzehnten vermehrt urbanes Wohnen und Dienstleistungsbetriebe.
Die «Werkstadt» bildet inmitten des Letzigebiets ein Labor für urbane Produktion, Gewerbe, Dienstleistungen und Freizeit. Eine schrittweise Transformation des SBB-Areals öffnet dieses zum Quartier hin, neue öffentliche Räume entstehen. Die bedeutenden Industriezeugen der «Hauptwerkstätten» – überkommunale Schutzobjekte – bleiben dabei erhalten und prägend.
Neue Nutzungsmöglichkeiten werden durch Auf- und Einbauten in den Hallen, aber auch in neuen Bauten entstehen. Als gutes Beispiel darf bereits der Umbau der «Halle Q» durch das Baubüro In Situ gelten: Das Herzstück des Areals wurde mit einfachen, rückbaubaren Einbauten versehen und behutsam saniert. Parallel wurden in temporär verfügbaren Räumen Pioniernutzungen angeregt, die sich langfristig auf dem Areal etablieren und mitwachsen sollen. Im Erdgeschoss bringen öffentlich zugängliche Angebote weiteres Stadtleben.
Die Hybridität des Areals wird sich in der späteren Umsetzung des gemeinsamen Masterplans von SBB, Stadt Zürich und kantonaler Denkmalpflege zeigen. Dann, wenn die Gebäude E und S gebaut und bespielt werden: Die urbane Produktion, das Gewerbe und die Dienstleistungen sollen später auch in der Vertikalen gestapelt funktionieren. Ich bleibe gespannt, was dieses einzigartige Areal der Stadt noch bringen wird. — Katrin Gügler, Stadtbaumeisterin von Zürich
Werkstadt Zürich
Hohlstrasse 402 – 430, 8048 Zürich
Bauherrschaft: SBB Immobilien, Zürich
Städtebau / Nutzungskonzeption / Landschaftsarchitektur: KCAP Architects&Planners, Zürich / Denkstatt sàrl, Basel / Studio Vulkan Landschaftsarchitektur GmbH, Zürich
Geschossfläche: 18 450 m² (kurz- und mittelfristig), 105 000 m² (langfristig)
Nutzungen: Urbane Produktion, Gewerbe, Büro
Baurechtliche Vorgaben: Industrie- und Gewerbezone I, Hochhausgebiet
Chronologie: Masterplan 2021, schrittweise Transformation bis 2030
Publikation: Halle Q in: wbw 3 – 2024, S. 20 – 27
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