Urs Primas, Heinrich Helfenstein (Bilder)
Der Schweizer Architekturfotograf Heinrich Helfenstein verstand Fotografie nicht nur als Dokumentation, sondern als forschendes Werkzeug, als Mittel des Entwurfs. Zwischen Stadtforschung, Lehre und fotografischen Auftragsarbeiten prägte er den Diskurs über die Entwicklung von Stadt und Agglomeration in den 1990er Jahren mit.
«Ich beeile mich aber sogleich einzugestehen, dass der Entwerfer einer Semiotik der Stadt gleichzeitig Semiologe, Spezialist der Zeichen, Geograph, Historiker, Städtebauer, Architekt und wahrscheinlich auch Psychoanalytiker sein muss.»1 Aus heutiger Sicht stünde zudem der Fotografie ein Platz in der Liste zu, mit der Philosoph Roland Barthes seinen Text im Werk einleitete. Dieser erschien 1971, ins Deutsche übertragen wurde er von Heinrich Helfenstein. In diesen Jahren wurde die «Bedeutung» als Schlüssel zu einem neuen Verständnis der Beziehungen zwischen Mensch und gestalteter Umwelt thematisiert. Sie galt als Erweiterung oder sogar Alternative zum bislang dominanten Konzept der «Funktion». So hatten die Architekten Bruno Reichlin und Fabio Reinhart unter dem Titel «Die Aussage der Architektur» eine Auswahl an Schlüsseltexten der Semiotik – der Wissenschaft der Zeichen – auf Deutsch zugänglich gemacht. Der studierte Literatur- und Kunstwissenschaftler Helfenstein erarbeitete dazu ein Glossar und bewies seine Fähigkeit, komplexe abstrakte Konzepte einleuchtend zu vermitteln.
Als es Reichlin und Reinhart wenig später gelungen war, den Architekten Aldo Rossi als Gastprofessor an die ETH Zürich zu lotsen, lag es nahe, dass Helfenstein dessen Vorlesungen aus dem Italienischen ins Deutsche übertrug. Max Bosshard, der im ersten Jahr bei Rossi studierte und später auch in seinem Büro arbeitete, betont, dass sich mit Rossi und Helfenstein zwei ungewöhnlich breit interessierte Menschen begegnet seien.2
Seiner Gymnasialzeit an der Stiftsschule Einsiedeln verdankte Helfenstein nicht nur eine ungewöhnlich tiefreichende Allgemeinbildung, sondern auch eine lebenslange Passion für Film und Fotografie. Rossi stellte ihn an und unternahm mit seinen Mitarbeitenden um 1974 eine Exkursion durch die Po-Ebene. Das Interesse galt der Architettura minore, den landwirtschaftlichen Gehöften und zeichenhaften Gestalten der Lagerhäuser und Silos. Zunächst fotografierte Teamkollege und Architekt Max Bosshard. Später wurde Helfenstein ein zweites Mal auf die Reise geschickt. Es wurde der erste einer langen Reihe fotografischer Roadtrips, die Helfenstein durch die Stadtlandschaften des Schweizer Mittellands, ins Südtirol oder in die französische Saintonge (vgl. wbw 10 – 2012, S. 16–23) führen würden. Es folgten fotografische Aufträge während seiner Assistenzzeit beim Stadthistoriker Paul Hofer an der ETH oder aus der Denkmalpflege, aber auch von befreundeten Künstlern und Architektinnen.
1980 eröffnete Helfenstein in Zürich ein Atelier für Architekturfotografie. Zugleich übernahm er einen Lehrauftrag für Denkmalpflege an der Architekturabteilung des Technikums Winterthur, der heutigen ZHAW. Darin vermittelte er Zusammenhänge nicht nur über die Theorie, sondern vor Ort. Helfenstein thematisierte die Beziehung der Stadt zu ihrer landwirtschaftlichen und industriellen Peripherie, die er mit den Studierenden auf Velotouren erkundete.
Allerdings beruht der in Abgrenzung zur «Stadt» aufgefasste Begriff «Peripherie» auf einer ökonomischen Hierarchie, die um 1980 bereits gründlich durcheinandergeraten war. Die Kernstädte verloren ihre Bevölkerung an rasch wachsende Agglomerationen. Das im Aufbau begriffene Autobahnnetz schuf neue Zentralitäten im Nirgendwo. Bauern bereicherten sich an der Parzellierung ihrer Ländereien für Einfamilienhäuser.
Grundlage der Planung könne nicht mehr die «Stadt» sein, hielt André Corboz, Professor für Städtebaugeschichte, 1983 in einem programmatischen Text fest, sondern «jener territoriale Fonds, dem sie untergeordnet werden muss.»3 In Weiterführung von Umberto Ecos Konzeption eines «offenen Kunstwerkes», das der Wahrnehmung eine aktive Rolle zuweist und mannigfaltige Interpretationen zulässt, beschrieb Corboz das Verhältnis zwischen Menschen und Territorium als unvollständige und unterbrochene Beziehung. Die Stadt unterscheide sich ständig von dem, was man über sie wisse, folgerte Corboz 1987 in einem vielbeachteten Beitrag, der die Schweiz als zusammenhängend urbanisiertes Territorium präsentierte.4
Fast zeitgleich erschien in der katalanischen Architekturzeitschrift Quaderns ein «Brief aus Zürich» des Architekten Marcel Meili, illustriert mit Fotografien von Heinrich Helfenstein.5 Auf ihnen sind von eigenartigen Nutzungs- und Bedeutungsüberlagerungen gezeichnete Situationen zu sehen; unterirdische Grossbaustellen, Brandmauern, Parkplätze, Provisorien. Derweil spürt der Text den Bruchlinien zwischen der Innenstadt und der sich ausbreitenden Stadtlandschaft nach, die sich offenbar dem «ordnenden Zugriff planerischer oder stilistischer Kriterien» entzieht.
Den Redaktor von Quaderns, Josep Lluís Mateo, hatten Marcel Meili und Markus Peter ein Jahr zuvor an einer vom Architekten Hans Kollhoff und dem Architekturtheoretiker Fritz Neumeyer organisierten Berliner Sommerakademie zum Thema der «City-Achse Bundesallee» kennengelernt. Markus Peter und Marcel Meili begegneten den Versuchen mit Skepsis, einen von Brüchen und Mehrdeutigkeiten geprägten Kontext mit ordnenden Gesten zu zähmen.6 Diese Haltung sollte zum Leitmotiv einer langjährigen forschenden Suche nach den räumlichen Eigenschaften des Schweizer Mittellands werden. Die Herleitung des Entwurfs aus einer stadt- und landschaftsgeschichtlichen Analyse, wie es etwa die «Tessiner Schule» propagiert hatte, wurde zu Gunsten eines methodischen Pluralismus in Frage gestellt.
Das neugegründete Büro Meili Peter erprobte neue Verfahren der Analyse, des Entwurfs und der Darstellung. So wurde in Zusammenarbeit mit Helfenstein die im Film gebräuchliche Technik der Rückprojektion auf die Modellfotografie übertragen. Im Projekt für die Werkhöfe des landesweit tätigen Strassenbauers Stuag wurde 1989 ein zunächst «ortlos» konzipiertes Holzmodell vor einer Schwarzweiss-Serie aus Stadtlandschaften des Mittellands fotografiert. Dabei blieb das Modell als solches erkennbar: Es war weder eine täuschend perfekte projektierte Wirklichkeit noch eine standardisierte Abstraktion im Gipsmodell. Es ging um die Vermittlung des Spannungsfelds zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte.
Um zu erläutern, wie sich Bedeutungsschichten verschränken und unerwartete Lesemöglichkeiten auftauchen, verwies Helfenstein im Unterricht gern auf die aperspektivischen Überlagerungen von Fläche und Raum in den Arrangements des Westschweizer Fotografen, Bildhauers und Installationskünstlers Bernard Voïta. Auch erörterte Helfenstein, wie das freie Spiel der Bildelemente in den Stadtaufnahmen des amerikanischen Fotografen Lee Friedlander den Blick der Betrachtenden aktiviert. Seine eigene Arbeit verglich Helfenstein mit der eines geduldigen Fallenstellers, der, im Gegensatz zum Jäger, zu unterschiedlichen Zeiten an den Ort des Geschehens zurückkehrt und die Beute schliesslich im richtigen Moment einfängt. So verstanden, werden die Prozesse des Erkundens, der Standortwahl, das Erproben von Ausschnitten und Lichtsituationen, die Wahl von Witterung und Tageszeit, Belichtungszeit, Entwicklung, Bildauswahl, Präsentation und schliesslich Bildbetrachtung zu einer systematischen Befragung der Wirklichkeit. Jenseits von Dokumentation rückt der Prozess der Raumwahrnehmung ins Zentrum.
Helfensteins Arbeitsweise zeigt sich exemplarisch in der Mittelland-Serie, die in dieser Zeitschrift 1990 zu sehen war. Diese Bilder wollen gelesen werden «wie Texte», so der einleitende Kommentar der Redaktoren Ernst Hubeli und Christoph Luchsinger. Ein erster Eindruck verschiebt sich, neue Zusammenhänge, Assoziationen und Fragen tauchen auf.
Die Frage, welchen Beitrag die Fotografie zur Erkundung der instabilen Strukturierungen der Stadtlandschaft leisten könnte, rückte Helfenstein in der Folge auch ins Zentrum seiner Unterrichtstätigkeit. Gemeinsam mit Max Bosshard, Christoph Luchsinger, Hermann Huber und Tom Pulver konzipierte er in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre an der ZHAW ein neues Unterrichtsgefäss. Um den Studierenden angemessene Werkzeuge für ein vielschichtiges Verständnis der Eingriffsorte des Entwurfs zu vermitteln, wurden historische und zeichnerische Stadt- und Landschaftsanalysen systematisch mit fotografischen Erkundungen kombiniert. Dabei kristallisierte sich ein Interesse an der mehrfachen Lesbarkeit von Räumen heraus, die sich im Tagesablauf, im jahreszeitlichen Wechsel der Vegetation, im Wechsel von Licht und Witterung immer wieder neu präsentierten.7
Die werk, bauen + wohnen-Ausgabe «Mitten im Land» reihte sich in einen um 1990 europaweit aufkeimenden Diskurs. In ihrem Beitrag beschrieben Bosshard und Luchsinger ein zelluläres Nebeneinander von präzis umrissenen Siedlungselementen, in dem jegliche Zentrumsbildung unterdrückt schien.8 Um die Jahrtausendwende wurde das Thema dann in ambitionierten, von internationalen Architektenpersönlichkeiten mitgetragenen Forschungsprojekten vertieft – in globalem Weitwinkel etwa mit «Mutations»,9 mit Fokus auf die Schweiz unter anderem vom ETH-Studio Basel.10
Bosshard und Luchsinger hatten bereits darauf hingewiesen, dass sich die Ordnung des Siedlungsgefüges bis in die Morphologie und die Haustypologie der Einfamilienhaussiedlungen fortsetzt. Diese im raumplanerischen Diskurs bis dahin lediglich als Problem ohne Lösung thematisierte, aber gleichwohl real existierende Bebauungs- und Lebensform wurde später im Rahmen eines Forschungsprogramms näher unter die Lupe genommen.11 Auf einer seiner letzten grossen Erkundungsfahrten fotografierte Heinrich Helfenstein 2013 zahlreiche Einfamilienhaussiedlungen im Zürcher Oberland.12
Von den weiten Totalen über durchgrünte Siedlungshänge, Strassenräume bis zu den Terrainmodulationen, Gartentoren und Zugangswegen manifestiert sich in diesen Bildern ein weiteres Mal ein aufmerksamer Blick. Fern von wertender Stellungnahme erforscht er, was an diesen Orten der Fall ist, wie sie sich präsentieren und der Wahrnehmung erschliessen.
Urs Primas (1965) ist Architekt und Partner im Zürcher Büro Schneider Studer Primas. Seit 2003 arbeitet er in Lehre und Forschung am Institut Urban Landscape der ZHAW, wo er ab 2005 gemeinsam mit Heinrich Helfenstein das Modul «Urban Research» im Masterstudiengang konzipiert und geleitet hatte.
1 Roland Barthes, «Semiotik und Urbanismus», in: Das Werk 4/1971, S. 255.
2 Gespräch des Autors mit Max Bosshard, 21.8.2025.
3 André Corboz, «Das Territorium als Palimpsest» (1983), in: Die Kunst, Stadt und Land zum Sprechen zu bringen, Basel 2001, S. 143-165.
4 André Corboz, Stadt der Planer, Stadt der Architekten, Zürich 1988.
5 Marcel Meili, «Periferia. Una carta desde Zürich» / «Periphery. A letter from Zurich», in: Quaderns 177, 1988, S. 18–33.
6 Gespräch des Autors mit Markus Peter, 21.8.2025.
7 Max Bosshard, «Nachwort», in: Andri Gerber, Regula Iseli, Stefan Kurath, Urs Primas (Hg.), Die Morphologie von Stadtlandschaften, Berlin 2020, S. 261 – 268.
8 Max Bosshard, Christoph Luchsinger, «Nicht Land, nicht Stadt: ein Ausschnitt aus der Topographie des Schweizer Mittellandes», in: werk, bauen + wohnen 5/1990, S. 26 – 34.
9 Rem Koolhaas, Stefano Boeri, Hans Ulrich Obrist, Stanford Kwinter, Nadia Tazi, Mutations, Barcelona 2000.
10 Jacques Herzog, Pierre de Meuron, Marcel Meili, Roger Diener, Christian Schmid, Die Schweiz. Ein städtebauliches Porträt, Basel 2005.
11 NFP 54, «Nachhaltige Siedlungs- und Infrastrukturentwicklung».
12 Max Bosshard, Stefan Kurath, Christoph Luchsinger, Urs Primas, Tom Weiss, Zukunft Einfamilienhaus?, Sulgen 2014.
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