Artikel aus 11–2025

Facettenreiche Romandie

Tendenzen in der Westschweizer Architektur der 1990er Jahre

Bruno Marchand

Die Architekturlandschaft der Romandie zeigte sich am Ende des 20. Jahrhunderts offen und heterogen. Eine junge Generation entdeckt den Minimalismus für sich. Lust an der Abstraktion und Sensibilität für das Material zeichnen ihre Projekte aus.

Mit dem etwas rätselhaften Titel La Romandie existe (Die Romandie existiert) organisierten die Zeitschrift Hochparterre und das Architekturforum Zürich 1998 eine Wanderausstellung. Begleitet wurde diese von einem gleichnamigen Taschenbuchführer zur zeitgenössischen Architektur unter der Leitung von Roderick Hönig und Benedikt Loderer sowie dem Videofilm Raum – Stadt – Bauten, der einige Jahre zuvor von der Regisseurin Edith Jud gedreht worden war.1

Für Martin Steinmann und Maria Zurbuchen-Henz, die den einleitenden Essay im Führer schrieben, bestand eine der wichtigsten Herausforderungen dieser Initiative darin, auf den eklatanten Mangel an historischer Anerkennung zu reagieren, unter dem die Architektur der Romandie auf nationaler Ebene seit jeher litt. Gleichzeitig ging es darum, aktuelle Projekte vorzustellen, die eine neue Sensibilität, Einflüsse und Referenzen sichtbar machten, und natürlich die Besonderheit einer Architekturlandschaft zu betonen, die viel zu lange im Schatten stand.

Tatsächlich endete das Jahrzehnt der 1980er Jahre «mit einem Rückgang des Interesses an den Architekten aus dem Tessin und einem Nachlassen ihrer Kreativität»2. Die Postmoderne hatte sich mehr und mehr zu einem erkennbaren Stil verfestigt, den einige Architekturschaffende ohne zu zögern und nicht ohne Schärfe als «vulgäres Formenspiel» bezeichneten. Vor dem Hintergrund dieses Niedergangs der vorherrschenden Modelle trat in der Romandie eine neue, noch weitgehend unbekannte Generation von Architektinnen und Architekten auf die Bühne.

Annäherung trotz Gegensätzen

Dieser Wendepunkt war die Fortsetzung einer immer wiederkehrenden Frage: Hat die Architektur in der Westschweiz eine eigene Identität? Sie wurde bereits 1986 in dieser Zeitschrift formuliert, indem der Kunsthistoriker Jacques Gubler die «Frühlingsszenen in der französischsprachigen Schweiz»3 skizzierte. Kurz darauf wurde dies von der Zeitschrift Archithese in einer Ausgabe mit dem bezeichnenden Titel Vers une architecture de la Romandie (Auf dem Weg zu einer Architektur der Romandie) aufgegriffen.4

Auch hier war wieder Gubler am Werk, während der Historiker Jean-François Bergier einen scharfsinnigen Essay verfasste.5 Er betont darin die Fragmentierung der Kulturen in der Westschweiz und vertritt die Idee, dass eine westschweizerische Identität vielleicht deshalb existiere, weil sie sich in Opposition zur Deutschschweiz entwickelt habe – «eine Identität durch ihr Gegenteil, oder letztlich eine negative Identität»6.

Hätte man angesichts dieser Sackgasse nicht vielmehr versuchen sollen, die Gräben zwischen diesen beiden architektonischen Kulturen zu überwinden, die scheinbar nichts miteinander verband? Martin Steinmann, der 1988 zum ordentlichen Professor am Departement für Architektur der EPFL ernannt wurde, sollte eine entscheidende Rolle bei dieser Annäherung spielen.7 Dank seiner persönlichen und beruflichen Netzwerke lud er mehrere der besten Deutschschweizer Architektinnen und Architekten nach Lausanne ein, während zahlreiche Westschweizer Studierende Praktika in ihren Büros und Ateliers absolvierten.8

Zwischen Theorie und Praxis

Vor diesem Hintergrund der Öffnung und Vertiefung von Verbindungen veröffentlichte Steinmann 1991 seinen berühmten Artikel «La forme forte» (Die starke Form) in der Zeitschrift Faces und leitete damit einen entscheidenden Wandel in seinem Denken ein, das sich von der Semiologie zur Phänomenologie hinbewegte. Dieser Perspektivwechsel ging einher mit einer Annäherung an die konkrete Kunst und die Minimal Art, deren Bedeutung und Affinitäten zur Architektur er im Artikel hervorhebt.9

Diese neue Orientierung dominierte seine Lehre an der EPFL, die parallel zu jener von Luigi Snozzi stattfand. Dieser wurde 1985 nach Forderungen der Studierenden und mit Unterstützung einer grossen Mehrheit der Lehrkräfte ernannt. Sein Einfluss kam insbesondere durch sein politisches Engagement, seine prägnanten Aphorismen und seine Konzeption des Projekts auf territorialer Ebene zum Tragen.

Auf der Grundlage dieser theoretischen und kritischen Beiträge wuchs an der EPFL eine junge Generation von Architekturschaffenden heran. In einer Zeit der ökonomischen Krise bevorzugten diese Ausdrucksformen, die sich durch eine gewisse Neutralität und Zurückhaltung auszeichneten. Sie zogen den «gesunden Menschenverstand» der Theorie vor und bekräftigen die Bedeutung des Machens, des Materials und der Umsetzung auf der Baustelle. Ihr Tätigkeitsfeld blieb lokal, wurde jedoch durch Ausbildungen im Ausland oder in anderen Regionen der Schweiz bereichert.

Unter dem Einfluss der Minimal Art

Diese Architektinnen und Architekten betonten nicht mehr in erster Linie die Vorzüge öffentlicher Architektur, sondern konzentrierten sich auf einen massvollen und kontrollierten häuslichen Massstab. Gleichzeitig lassen sich eine neue Materialität und die Verwendung einfacher Formen beobachten. Diese waren vom Einfluss der Steinmann so wichtigen Minimal Art geprägt. Die Villa Sauvin in Vésenaz-La Capite, die bis 1996 von Andrea Bassi und Pascal Tanari entworfen und gebaut wurde, steht mit ihren anthrazitfarbenen Betonwänden, Glasflächen mit extrem dünnen Aluminiumrahmen und Holzschiebeläden beispielhaft dafür.

Es entstand auch eine kontextuelle Sensibilität, die durch die Verwendung traditioneller Bauweisen in Dialog mit den bestehenden Gebäuden tritt. Das Haus Suter (1990 – 92) in Montblesson, entworfen von Ueli Brauen und Doris Wälchli, greift dank einer abstrakten und einheitlichen Holzverkleidung die Formensprache des benachbarten Chalets auf. Ebenso verwendet das Haus Matter (1989 – 1992) in Lausanne von Olivier Galetti und Claude Matter Sichtbeton – ein Einfluss von Snozzi – als exklusives Material, um mit einem Herrenhaus in Dialog zu treten, dessen gerahmten Öffnungen sich zurückhaltend zur Seenlandschaft hin öffnen, in einer Geste, die zugleich kontrolliert und still ist.

Architektur mit vielfältigen Facetten

Einige Bauten in einem grösseren Massstab zeichnen sich dennoch durch einen ähnlichen Ansatz der minimalistischen Mittelersparnis aus. So präsentiert sich das Heizhaus von Bière (1997 – 98) von Pierre Bonnet und Christian Bridel als abstrakter Kubus mit klaren Kanten: «kein Sockel, keine Standfestigkeit, sondern ein durchschimmerndes Band und darüber die Holzwand aus stehenden Latten. Keine Details, keine sich selbst erklärende Konstruktion, ein Monolith aus Holz.»10

Andere Architekturschaffende erkunden wiederum eine zeitgenössische Farbanwendung und kontrastieren leuchtend rotes Holz mit schwarz gefärbten Betonwänden in einer einheitlichen, abstrakten Umsetzung. In dieser Logik reduziert sich das Gebäude für den Betrieb und die militärische Ausbildung in Saint-Maurice (1997 – 98) von Bonnard & Woeffray «auf einen scharfgeschnittenen, feingeschliffenen Holzklotz inmitten der dramatischen Landschaft.»11

Die Gestaltung dieser Projekte spiegelt eine bewusste Besinnung auf eine Architektur wider, die fernab jeglicher Prahlerei auf künstlerische Impulse ausgerichtet ist und sich durch ausgewogene Proportionen, hochwertige Texturen und schlichte Volumen auszeichnet. Sie bildet einen relativ homogenen, aber nicht exklusiven Korpus: Parallel dazu entfalteten sich andere Tendenzen, die meist aus einer früheren Generation stammten, in anderen Bereichen und Ausdrucksformen: die «sanfte Rhetorik» von Lamunière & Devanthéry, die dekonstruktivistischen Formen von Rodolphe Luscher oder die neu interpretierte Modernität des Atelier Cube.

Eine der Konstanten der Architektur in der Romandie, die bis heute Bestand hat, liegt in dieser Offenheit und der Akzeptanz eines heterogenen Bildes. In diesem Sinne und um es mit den Worten des Reiseführers La Romandie existe zu sagen, wäre es vielleicht richtig, von einer «Architektur mit Facetten» zu sprechen: einer Architektur, die sich im Rhythmus der Epochen, die sie durchläuft, aber auch entsprechend der intellektuellen, kulturellen und sinnlichen Affinität derer, die sie entwerfen, wandelt.

Abgesehen von der quälenden Frage nach der regionalen Identität der Romandie, die heute nicht mehr mit derselben Intensität gestellt wird, erscheinen die 1990er Jahre weitgehend als eine Zeit des Umbruchs und der Erneuerung. Eine junge Generation von Architekturschaffenden beschritt neue Wege und entwickelte eine Architektur, die sich aus vielfältigen Referenzen speiste. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch die Fähigkeit aus, Ordnung und Eleganz, Rationalität und Sinnlichkeit in einer Ausgewogenheit zu verbinden, die die Architekturlandschaft der Romandie erneuerte. 

Bruno Marchand (1955) ist Honorarprofessor an der EPF Lausanne für Architekturtheorie und -geschichte. Er forscht zu Themen der architektonischen Moderne, Wohnungsbau und zeitgenössischer Architektur. Im Rahmen seiner selbstständigen beruflichen Tätigkeit beschäftigt er sich auch mit städtebaulichen Fragestellungen.

Aus dem Französischen, bearbeitet von Lucia Gratz, Originaltext

1 Roderick Hönig und Benedikt Loderer (Hg.), La Romandie existe, Zürich 1996. Der Film von Edith Jud ist eine Koproduktion des Verlags Hochparterre und des Fernsehsenders 3sat. Die vom Architekturforum Zürich realisierte Ausstellung wurde vom 25. November 1998 bis zum 13. Januar 1999 in der Architekturabteilung der EPFL gezeigt.
2 Paolo Fumagalli, «À la croisée de deux décennies», werk, bauen + wohnen, Nr. 12, 1989, S. 21.
3 Jacques Gubler, «Plaidoyer pour le renouveau… et un entretien sur la situation des architectes», werk, bauen + wohnen, Nr. 5, 1986, S. 24.
4 «Vers une architecture de la Romandie», archithese, Nr. 4, 1993.
5 «Résistances des langages», archithese, Nr. 4, 1993, S. 4–9. Podiumsdiskussion unter der Leitung von Jacques Gubler mit Inès Lamunière, Laurent Chenu, Marc Collomb, Jean-Luc Grobéty und Jacques Richter.
6 Jean François Bergier, «L’esprit romand a-t-il une histoire?», archithese, Nr. 4, 1993, S. 63.
7 Es wäre interessant, mehr über die Rolle zu erfahren, die Bruno Reichlin im Rahmen seiner Lehrtätigkeit an der École Universitaire d’Architecture de Genève (EAUG) bei einer solchen Annäherung gespielt haben könnte.
8 Pierre von Meiss, Professor am Departement für Architektur der EPFL, führte 1973 das System der Gastprofessuren ein und lud international renommierte Persönlichkeiten ein. Bis in die 1990er Jahre kamen diese hauptsächlich aus Spanien, Portugal, Italien, Grossbritannien und Frankreich.
9 Martin Steinmann, «La forme forte», Faces, Nr. 19, 1991, S. 12.
10 Roderick Hönig, Benedikt Loderer, La Romandie existe. Ein Führer zur Gegenwartsarchitektur, Zürich 1998, S. 55.
11 Wie Anm. 10, S. 73.

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