Artikel aus 11–2025

Vom ständigen Beobachter zum Swiss Wonder

Die Schweiz in den 1990er Jahren

Philip Ursprung

Politische Isolation und wirtschaftliche Rezession prägten die erste Hälfte des Jahrzehnts. In der zweiten nahm die Entwicklung hingegen Fahrt auf. In Kunst und Architektur machten plötzlich Schweizer Stars von sich reden.

Die Schweiz verschlief den Beginn der 1990er Jahre. Irgendwie hatte man die Verkündung der «neuen Weltordnung» durch Michail Gorbatschow und George H.W. Bush, den Fall der Berliner Mauer und das Ende des Kalten Kriegs übersehen. Im Sommer 1989 wurde der 50. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs begangen. 1990 griff das Bundesgericht ein, damit die Frauen in Appenzell Innerrhoden das Stimmrecht erhielten. 1992 lehnte die Stimmbevölkerung es ab, dem Europäischen Wirtschaftsraum beizutreten. Das Land verpasste den Zug der Globalisierung, dümpelte bis Mitte des Jahrzehnts in einer Rezession und bildete, bezogen auf das Wirtschaftswachstum, das Schlusslicht der OECD-Staaten. Arbeitslosigkeit konnte nicht mehr, wie früher, durch Arbeitsmigration exportiert werden. Die Schweiz schottete sich ab, rollte sich im Schutz des Bankgeheimnisses in den Mythos der Neutralität ein und zehrte vom wirtschaftlichen Polster der Nachkriegszeit. Der UNO trat sie erst 2002 bei, nach Jahrzehnten als «ständiger Beobachter». Die Rolle der Kultur war, vereinfacht gesagt, die Vermittlung zwischen der lokalen Stagnation und der internationalen Öffnung.

Stillstand im Bild

Die Fotoserie Siedlungen, Agglomerationen (1991) des Künstlerduos Peter Fischli und David Weiss schildert ein Land, das Peripherie geworden ist, in der die Zeit stillsteht. Zu sehen sind geordnete, saturierte Behausungen, weder Dorf noch Stadt, weder neu noch alt, weder schön noch hässlich. Auch Fischli Weiss waren, wenn man so will, «ständige Beobachter». Aber paradoxerweise schuf gerade die Analyse des Alltäglichen die Basis für den kulturellen Aufbruch.

Zwar öffneten weniger Industriebrachen wie in Berlin oder London Raum für Wachstum. Aber in Nischen und alternativen Räumen spross das Neue. Ein robustes Förderungsnetz unterstützte den künstlerischen Nachwuchs, und ein faires Wettbewerbssystem vermittelte jungen Architekturbüros den Zugang zu Aufträgen. Ab Mitte der 1990er Jahre mischten Künstlerinnen und Künstler aus der Schweiz in der boomenden Kunstwelt mit. Man sprach in New York überrascht vom «Swiss Wonder». Auch die Architektur kam in Fahrt. Ende der 1980er Jahre hatten die kleinen Büros von Jacques Herzog und Pierre de Meuron mit einem Lagerhaus für Kräuterzucker in einem alten Steinbruch oder Peter Zumthor mit einer winzigen Kapelle in einem entlegenen Alpental in Graubünden neue Kapitel der Architektur aufgeschlagen. Im Lauf der 1990er Jahre prägten sie das neue Phänomen der Star-Architektur.

Expo-Euphorie

Ein Emblem der optimistischen Stimmung war das 1995 lancierte Projekt einer neuen Landesausstellung. Pipilotti Rist als künstlerische Leiterin motivierte ihre Generation zum Mitmachen. Im Unterschied zu den Vorgängerinnen, die 1939 im Zeichen der Politik und 1964 im Zeichen des Militärs und der Infrastruktur standen, sollte die Expo.02 in erster Linie ein kulturelles Ereignis werden. Auch wenn die Ausstellung dezentral im Drei-Seen-Land organisiert war: Die Triebkräfte kamen aus Zürich. Die Zürcher Bewegung von 1980/81 hatte ihre Spuren hinterlassen. Der politische Impuls, ausgehend von der Benachteiligung der Jugendkultur, war quasi kulturell absorbiert worden. Er äusserte sich in einem urbanen Lifestyle, in Partys, illegalen Bars und kulturellen Offspaces. Rists Videoinstallation Ever is Over All (1997) symbolisiert die Spielfreude jener Zeit. Eine junge Frau geht beschwingt eine graue Strasse entlang und zertrümmert die Scheiben der parkierten Autos. Eine Polizistin nähert sich und salutiert lächelnd.

Im Mai 1997 wurde die Schweiz schliesslich unsanft geweckt. Der im Auftrag der US-Regierung von Stuart Eizenstat erstellte Bericht U.S. and Allied Efforts To Recover and Restore Gold and Other Assets Stolen or Hidden by Germany During World War II zertrümmerte den Mythos der Neutralität. Der Bericht hält der Schweiz als «Hauptbankier der Nazis» den Spiegel vor und beschuldigt sie indirekt, die Dauer des Kriegs verlängert zu haben. Mit der Bergier-Kommission setzte die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ein. Im Sog der Globalisierung begann der Export zu wachsen. 2002 kam es zur Personenfreizügigkeit mit der EU. Spätestens jetzt war das Land erwacht.

Philip Ursprung (1963) ist Professor für Kunst- und Architekturgeschichte am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) der ETH Zürich. Von ihm erschien jüngst das Buch Architektur der Gegenwart (München
2025).

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