Artikel aus 12–2025

Im Provisorium lernen

Zwei temporäre Mittelschulen in Zürich

Daniel Kurz, Peter Tillessen, Studio Willen (Bilder)

Mit unterschiedlichen Strategien reagiert der Kanton Zürich auf den akuten Schulraummangel. Während ein Universitätscampus mit temporären Schulräumen besetzt wird, füllt ein demontierbarer Modulbau einen unwirtlichen Ort mit neuem Leben.

Die Raumnot kam unerwartet. Auf einmal erwiesen sich die Wachstumsprognosen für die Zürcher Gymnasien als unzureichend, es fehlte Schulraum für Tausende von Schülerinnen und Schülern. Der dringende Bedarf liess sich nur mittels Provisorien kurzfristig decken – teils als Erweiterung bestehender Schulen, teils auch als Vorboten neuer Standorte, die erst noch geplant und gebaut werden müssen.1 Dazu kommt ein dringender Bedarf an Sporthallen – auch auf bisherigen Schularealen. Und schliesslich stehen einige der grossen Mittelschulen vor umfassenden Renovationen und müssen provisorisch verlegt werden. Es geht um nicht weniger als acht temporäre Schulen in allen Teilen des Kantons.2

Vorbote der künftigen Nutzung

Zart wie ein junges Pflänzchen behauptet sich das Schulprovisorium nahe der Hardbrücke im unwirtlichen Umfeld des einstigen Güterbahnhofs in Zürich-Aussersihl. Mit seinen freundlichen Proportionen, flirrenden Farben und mit einem sorgfältig gestalteten Garten bildet es einen neuen Ort, ein urbanes Biotop inmitten von Gleisfeldern, Brachen, Viadukten und Hochhäusern. Als Vorbote einer späteren, definitiven Schulanlage bietet es in den nächsten Jahren Platz für 650 Schülerinnen und Schüler und soll danach, wenn möglich, an einem neuen Standort weiterbestehen. Seine Lebenserwartung von insgesamt rund 30 Jahren bedingt aber, dass sämtliche regulatorischen Anforderungen bis hin zu Minergie A eco (Turnhalle) und Minergie eco (Klassentrakte) zu erfüllen sind. Dadurch wirkt zwar alles schlicht, aber doch solide und komfortabel–und ist nahezu vollständig demontier- und wiederverwendbar.

Das Planungsteam der Schule bilden Pool Architekten (für die Turnhalle und die Fassadengestaltung) und Baubüro in situ (für die Modulbauten der Schule) mit der Holzbaufirma Blumer Lehmann als Generalunternehmerin. Es musste sehr schnell gehen, denn von Planungsbeginn bis Bezug standen nur zwei Jahre zur Verfügung. Möglich war das nur dank intensivster Teamarbeit, vor allem aber, weil wesentliche Grundlagen bereits bestanden: Aufgrund eines Lizenzvertrags mit dem Kanton und der Stadt hatten Pool Architekten bereits rund ein halbes Dutzend provisorischer Turnhallen geplant – inzwischen mehrfach preisgekrönt.3 Deren Elementbau- und Fassadensysteme kamen auch hier zum Einsatz. Baubüro in situ hatte zuvor in einem Rahmenvertrag mit B.E.R.G. Architekten eine provisorische Kantonsschule in Uetikon am See realisiert. Diese Erfahrung floss in Aussersihl ein–ebenso wie der Austausch mit Pool, die dort bereits die Turnhalle geplant hatten.4 Hier in Aussersihl bildeten beide Büros eine viel engere Partnerschaft–so übernahm Pool von in situ das Lüftungssystem des Klimaingenieurs Beat Kegel,5 im Gegenzug erhielten alle drei Baukörper eine Fassade, wie sie für die Pool-Sportbauten typisch ist.

Die farbig schimmernde Hülle mit Latten in jeweils zwei Farben hinter transparenten Wellplatten bestimmt zusammen mit dem Rhythmus der hohen, schmalen Lisenen (Farbgestaltung: Paola de Michiel) den Ausdruck der Anlage mit drei Baukörpern. Im Osten bilden die Turnhalle und das Schulhaus A eine eng zusammengerückte Gruppe, den Westrand besetzt das grössere Haus B. Dazwischen liegt der von Landschaftsarchitektin Balliana Schubert gestaltete Freiraum mit Basketballfeld, begrünten kleinen Hügeln aus dem Aushub, vielen Bäumen und offenen Pavillons, die teils als Velounterstände, teils als Pausenhallen dienen.

Der Holz-Elementbau der Sporthalle ist vertikal strukturiert; sichtbares Holz prägt das Innere. Ein hohes Fensterband bringt viel Licht in die beiden Hallen, ein seitliches Rundfenster dient der Nachtauskühlung. Erschliessung und Garderoben sind als niedriger Modultrakt an die Halle angedockt. Auch hier herrscht die freundliche Anmutung der Holzstruktur; der Status als Provisorium erlaubte Vereinfachungen im Standard: je sechs statt zwölf Duschen, kleinere Geräteräume. Alles ist demontier- und wiederverwendbar zusammengesetzt, sogar die Streifenfundamente und die Medienkanäle. «Nur der Turnhallenboden müsste bei zerschnitten werden», sagt Pool-Partner Thomas Friberg.

Schule mit Werkstattcharakter

Aus horizontalen Raummodulen sind die beiden Klassentrakte zusammengesetzt. Je drei Module (Breite: 3.20 Meter) bilden ein Klassenzimmer und den entsprechenden Korridoranteil; so ergeben sich grosszügige, lichterfüllte Raumstrukturen. Separate Ruhe- und Aktionsräume ergänzen die Klassenzimmer. Die beiden Häuser sind im Grundriss unterschiedlich strukturiert und demonstrieren die Anpassungsfähigkeit des Modulbaus.

Die Materialisierung der Räume wirkt nüchtern. Aus Brandschutzgründen ist die Holzkonstruktion überall verkleidet: mit grauen Faserzementplatten und zementgebundenen Holzwolleplatten (Decke), beides ohne Farbanstrich. «Uns ist das Unfertige des Ausbaus wichtig», erklärt Pascal Angehrn von in situ, «wir übergeben den Pinsel den Nutzerinnen, damit sie selbst nach ihren Bedürfnissen fertig bauen können.» Eine Schule mit Werkstattcharakter also, wie sie so oft von Pädagoginnen und Pädagogen gefordert wird. Die new roughness, wie die Schule das nennt, war nur möglich, weil die Schulleitung den Ansatz in der Planung unterstützte. «Dieser Ausbau entspricht genau unseren Grundwerten: Kreativität und Gemeinschaft», erklärt die Schulleiterin Nicole Brockhaus.

Architekten und Schulleitung sind sich einig: Das Schulhaus als Provisorium birgt neben Zwängen auch diese ungewohnten Freiräume. Das macht es zum Lernort für einfaches Bauen. Sollte beim Planen nicht immer so gedacht werden wie hier im Provisorium?

Rationelle Lernmaschine

Eine ganz andere Welt eröffnet sich im Campus Irchel der Universität Zürich. Alles hier ist riesengross und superdicht. Die an einer strengen Mittelachse ausgerichtete, 1978 fertiggestellte Anlage gründet auf einem Konzept des Architekten Max Ziegler, einst eingebettet in einen Park von Atelier Stern und Eduard Neuenschwander. Seither ist die Anlage über fünf Bauetappen gewachsen. Nun sind in zwei ehemaligen Laborbauten der Uni nicht weniger als 2200 Mittelschüler und -schülerinnen im Alter von 12 bis 19 Jahren untergebracht, zusammen mit Hunderten von Lehrpersonen und administrativen Mitarbeitenden–eine kleine Stadt, könnte man sagen, die grösste Mittelschule der Schweiz. Stücheli Architekten gewannen die Planerwahl und haben zwei vorübergehend leerstehende Flügel der denkmalgeschützten, ältesten Bauetappe von Max Ziegler zu einer Mittelschule für die nächsten 10 Jahre umgebaut. Nach der Kantonsschule Oerlikon werden hintereinander die Schulen Rämibühl und Freudenberg-Enge während der Renovation ihrer Schulhäuser das Irchel-Provisorium nutzen. Auf fünf bis sieben Geschossen mussten dafür Labore und andere Einbauten herausgebrochen, die tief abgehängten Decken entfernt werden. Das brachte etwas Luft in die engen Korridore, die sich an zahlreichen Einbauten im Kern der Gebäude vorbeischlängeln.

Bei dieser Dichte ist die hohe gestalterische Qualität der Einbauten umso wichtiger: Stücheli Architekten betonen mit den OSB-beplankten Leichtbauwänden das Provisorische und bringen damit gleichzeitig Wärme in die Räume, verstärkt durch die je nach Haus wechselnden Farben der Türen und Korridorwände. Die expressiven Raumstempel der Signaletik schaffen Orientierung in der labyrinthischen Enge. Besondere Aufmerksamkeit gilt den wenigen Ecken, die den Schülerinnen und Schülern zur Verfügung stehen: Waschbecken, bunte WCs sowie pro Geschoss eine kleine Sitzecke am Gebäudeende.

Eng bemessen sind mit rund 56 Quadratmetern auch die Klassenzimmer: Ihre Fläche ergibt sich aus dem Stützenraster von 7,50 × 7,50 Metern. Abgehängte, helle Deckensegel kontrollieren die Akustik, die Möblierung ist weiss gehalten. Alle Einbauten folgen auch hier dem Prinzip des design for disassembly–alles ist geschraubt und leicht demontierbar. Eine Besonderheit ist–wie in der Pavillonschule–die innovative Raumlüftung nach System Kegel.

Mensa und Bibliothek kommen ausserhalb der Schultrakte im Untergeschoss der Uni-Zentralachse unter. Sie erhalten ihr Licht seitlich über freundliche, bepflanzte Höfe. Dem Sport dient ein weiteres Turnhallen-Provisorium von Pool Architekten im Anschluss an bestehende Sportbauten der Uni. Und zum Aufenthalt der Schülerinnen und Schüler im Freien sowie zur Unterbringung der zahlreich erwarteten Velos wurde die Umgebung grundlegend umgestaltet. Zwischen neu gepflanzten Bäumen und extensiver Ruderalvegetation warten grosse, an Flosse erinnernde Holzplattformen auf Erholung suchende Jugendliche.

Umbau oder Neubau auf Zeit?

Dass an der Uni zwei ganze Gebäudeflügel für so lange Zeit zur Verfügung standen, ist ein seltener Glücksfall und bietet viele Vorteile: Erschliessung, Rohbau und Gebäudehülle konnten preiswert und CO₂-neutral übernommen werden – sie werden, da denkmalgeschützt, auch in Zukunft ihre Dienste leisten. Die Kosten des Umbaus sind, auf die einzelne Schülerin gerechnet, deutlich geringer als im Pavillon-Neubau.6 Im Vergleich mit anderen Umnutzungen von Geschäftshäusern für Schulzwecke7 war jedoch die erforderliche Eingriffstiefe sehr erheblich – sämtliche Installationen, alle Wände, Decken und Bodenbeläge sowie der Brandschutz sind neu. Dass die Schulräume kleiner sind als üblich und dass auf manchen gewohnten Komfort verzichtet werden muss, scheint vertretbar. Schwer verständlich ist dagegen die enorme Dichte der Nutzung: Der Vorschlag von Stücheli, auf jedem Geschoss einen offenen Lern- und Begegnungsbereich zu schaffen, fiel dem Bedarf an Funktionsräumen zum Opfer. Vom Wettbewerb bis zum Bezug ist die Zahl der Unterrichtszimmer von 132 auf 142 gestiegen.

Der Standort in der Uni und die Nähe der Wissenschaft können vielleicht befruchtend wirken–andererseits ist die Möglichkeit der Schule, ihre Identität auch baulich auszudrücken, sehr begrenzt. Im Gegensatz dazu betont die Leitung der Pavillonschule in Aussersihl gerade den Aufbau einer neuen Identität als zentrale Chance und Herausforderung. Neuland besiedeln–das wird nicht nur örtlich verstanden. Der neue Standort an der Hardbrücke ist etwas rau, aber er bietet Möglichkeiten, ihn nach den eigenen Bedürfnissen zu gestalten. Die provisorischen Schulbauten dort sind anpassungs- und wachstumsfähig. Sie bieten neben Schul- auch viel Begegnungsraum.

Demontier- und wiederverwendbar sind beide Anlagen, aber natürlich kann nur die Pavillonschule tatsächlich integral wiederverwendet werden. Gemäss ursprünglicher Planung soll sie in etwa sieben Jahren einer definitiven Anlage am gleichen Standort Platz machen – sie steht deshalb ganz am Rand des Areals. Ob es so weit kommt, ist jedoch offen: Der Kanton baut gegenwärtig eine ganze Handvoll ähnlicher Schulprovisorien. Er braucht sie sofort, nicht erst in sieben Jahren. Aber wird es danach noch Bedarf geben für gebrauchte Provisorien? Oder ergeht es dem Aussersihler Modulbau am Ende wie so vielen anderen Provisorien: Er bleibt länger stehen, als erwartet? Dann hätte sich die solide Bauweise gelohnt, denn auch in dreissig Jahren wird diese temporäre Pavillonschule noch längst nicht baufällig sein. 

Daniel Kurz (1957) war 2012 – 21 Chefredaktor dieser Zeitschrift. Er leitete 2022 – 23 die Redaktion des Swiss Architecture Yearbook SAY 2023 – 24.

1 Vgl. NZZ, 22. 12. 2021: «Künftig gehen Tausende von Gymnasiasten in Provisorien zur Schule – und das hat auch sein Gutes». Zum gesamtschweizerischen Kontext vgl. auch SRF News, 20.8.2024, «Nomadenklassen und Filialen: die neue Normalität an den Gymnasien».

2 In Uetikon am See, Wädenswil, Affoltern am Albis, Urdorf, Uster, Dübendorf, Zürich-Aussersihl sowie als Zwischennutzung an der Universität Irchel.

3 Ausgezeichnet unter anderem mit dem Prix Lignum Gold national 2024, der Auszeichnung für Gutes Bauen des Kantons Zürich 2025 sowie der analogen Auszeichnung der Stadt Zürich. In etwas reduzierter Ausführung hat auch die Stadt Zürich solche Sportprovisorien bestellt.

4 Diese Rahmenverträge sind zeitlich begrenzt. In Winterthur und Uster werden neue Provisorien von Bauart Architekten gebaut.

5 Das innovative Lüftungssystem von Beat Kegel (vgl. wbw 1/2 – 2020, S. 68–69) nutzt die Räume selbst für die Führung der Luftströme. Kaltluft wird durch das Element eines Verbundlüfters in der Wand in die Zimmer eingeblasen und weiter oben als Warmluft wieder abgesogen. Die Zimmer bleiben dadurch frei von Lüftungseinbauten, der Material- und Energiebedarf ist minimal und die Wirkung überzeugend.

6 Kosten Irchel: CHF 65 Mio., 2200 Schülerinnen, CHF 30 000 pro Schülerin (ohne separate Sporthalle; CHF 38 000 inkl. Sporthalle); Zeithorizont 15 Jahre. Kosten Aussersihl: CHF 45 Mio., 650 Schülerinnen, CHF 70 000 pro Schülerin (inklusive Sporthalle); Zeithorizont 30 Jahre.

7 Vgl. den Kurzbericht des Kantons Basel-Stadt über die aktuelle Umnutzung von Büroräumen für die Volksschule, die mit minimalen Eingriffen stattfinden konnte: www.bs.ch/news/2025-offenheit-als-potenzial (abgerufen am 1. 10. 2025).

Weiterlesen ohne Abo:

Mit tiun erhälst du unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte des werk, bauen + wohnen. Dabei zahlst du nur so lange du liest – ganz ohne Abo.

Anzeige

Mehr Artikel