Artikel aus 12–2025

«Nichts ist dauerhafter als das Temporäre»

Der Reiz des Ephemeren

Leonid Slonimskiy (Kosmos Architects, Zürich), Philippe Buchs und Dafni Retzepi (Sujets Objets, Genf) im Gespräch mit Jasmin Kunst und Christoph Ramisch

Die Arbeit der Büros Kosmos und Sujets Objets bewegt sich zwischen Performances, urbanen Interventionen und klassischer Architekturpraxis. Sie zeigt: Der Effekt des Temporären ist oft grösser als der des Dauerhaften. Um Räume zu transformieren, muss man nicht unbedingt bauen.

wbw Was fasziniert euch an temporärer Architektur?

Leonid Slonimskiy In gewisser Weise ist ja jede Architektur temporär, oder? Es ist nur eine Bezeichnung dafür, dass manche Bauten länger stehen als andere. Das Schöne an der Architektur, die wir als temporär bezeichnen, ist, dass sie eine weniger gewaltsame und dauerhafte Beziehung zum Kontext eingeht. Und sie wird von den Menschen ganz anders wahrgenommen. Zum ersten Mal habe ich das als Architekturstudent in Moskau erfahren. Damals stand im Stadtkern ein Bauzaun aus Wellblech: 700 Meter lang, 17 Meter hoch. Der stand sieben Jahre dort, und niemandem fiel er auf. Wie kann es sein, dass ein Bauwerk dieser Grösse unsichtbar bleibt, nur weil es als temporär deklariert wird?

Dafni Retzepi Ich stimme Leonid zu, jede Architektur ist vorübergehend. Diese Zeitlichkeit interessiert uns in unserer Arbeit sehr. Ein Beispiel: 2021 haben Philippe und ich einen Workshop in der ukrainischen Stadt Slawutytsch geleitet. Die Kleinstadt ist um einen grossen Platz organisiert, der sich im Sommer stark aufheizt. Wir suchten nach Möglichkeiten, diesen Raum zu verbessern, und baten die Feuerwehr kurzerhand, den Platz temporär zu fluten. Die Stadtbewohner und Teilnehmerinnen des Workshops erschienen in ihren Badesachen und feierten diesen surrealen Moment der Zusammenkunft, der durch das Wasser ausgelöst wurde. Natürlich hätten wir auch etwas bauen können, einen Holzpavillon beispielsweise. Es scheint aber, als hätten vergängliche Materialien wie Wasser manchmal eine grössere Wirkung. Uns interessieren einfache Handlungen, die zu komplexen Ergebnissen führen.

Philippe Buchs Anfangs wussten wir nicht, welchen Effekt unsere Idee in Slawutytsch haben würde. Die Intervention hat den Raum und wie die Menschen ihn nutzen augenblicklich verändert. Es entstanden neue Möglichkeiten und eine neue Erzählung für diesen sonst banalen Raum. Wir betrachten dies als architektonisches Projekt, auch wenn es wenige Minuten nach seiner Entstehung nicht mehr existiert.

wbw Der Vorteil temporärer Architektur ist also, dass sie schnell umsetzbar ist und unmittelbar etwas verändert?

Slonimskiy Ja, ein neuer Bau benötigt fünf bis sieben Jahre. Und wenn er fertig ist, muss seine Funktion wegen veränderter Normen oder Ansprüche oft schon wieder überdacht werden. Besser wäre eine Architektur, die weniger starr ist und sich anpassen kann. Temporäre Architektur löst spontan Probleme und verschwindet wieder, wenn sie nicht mehr benötigt wird. Umso spannender ist es, dass solche Strukturen manchmal jahrelang stehen bleiben und zu Ikonen werden. Nehmen wir den Freitag Tower in Zürich, ein temporäres, einfaches Bauwerk aus wiederverwendeten Schiffscontainern. Und dennoch kann ich mir vorstellen, dass er bald unter Denkmalschutz steht. Das wäre schon fast ironisch.

wbw Wie unterscheidet sich die Planung provisorischer Strukturen von der Planung dauerhafter Bauten?

Buchs Oft profitieren wir von der mangelnden Effizienz grosser Projekte. Wenn die blockiert werden oder nur langsam vorankommen, versuchen wir, diese Übergangsphasen für schnelle, temporäre Projekte wie Ex materia zu nutzen. In Genf soll seit 2012 ein Haus mit Kunstateliers abgerissen werden, um Platz für zwei Wohntürme zu schaffen. Das Vorhaben steht seit fast zehn Jahren still. Wir wurden von den Nutzerinnen und Nutzern der Ateliers gebeten, einen Vortrag über Abbruch oder Erhalt dieses Baus zu halten. Statt einer frontalen Präsentation initiierten wir eine kollektive Aktion mit den Besuchenden. Wir schnitten den Zaun zum verwilderten Garten des Hauses auf und platzierten dort Teile aus dem Inneren des Baus. Diese Aktion schuf augenblicklich eine neue Art von öffentlichem Raum und richtete die Aufmerksam auf das Potenzial solcher Leerstellen.

wbw Was kann man von solch temporärer Architektur für dauerhafte Bauten lernen?

Retzepi  Wir versuchen mit unseren Aktionen Aneignung zu provozieren. Das ist sicher etwas, was man auf dauerhafte Bauten übertragen kann, wie bei unserer Aufstockung der Haute école d’art et de design (HEAD) in Genf. Wir sind immer wieder erstaunt, wie die Studierenden diesen offenen Raum nutzen. Wie kann man ein Programm gestalten, das dauerhaft ist und dennoch auf Veränderung reagieren kann? Es ist wichtig, diese programmatische Verantwortung stärker in unseren Beruf zu integrieren.

Slonimskiy Wir haben das ja zusammen in Genf versucht. Dort wurde ein Wettbewerb für einen neuen Turm ausgeschrieben, um Teile der Universitätsverwaltung zu beherbergen. Wir haben der Stadt entgegnet: Mit dem SRF-Gebäude habt ihr doch schon einen leerstehenden Turm, lasst uns diesen einfach weiterverwenden und die Verwaltungen dort einziehen. Leider haben wir mit diesem Vorschlag nicht gewonnen.

Buchs Soweit ich weiss, hat die Stadt den alten Turm unterdessen aber gekauft und stellt ihn der Universität zur Verfügung.

wbw Hat euch die Auseinandersetzung mit temporären Bauten geholfen, solche Aufgaben anders zu denken?

Slonimskiy Es ist schon eine Frage der Haltung. Egal, ob es sich um das temporäre Bespielen eines Platzes oder einen grossen Wettbewerb handelt – die Logik ist dieselbe. Wir müssen lernen, bestehende Strukturen neu zu programmieren. Dabei geht es um die Wiederverwendung ganzer Räume, das Zulassen unterschiedlicher Lesarten, aber auch um die Materialien eines Gebäudes. Eine unserer Hauptaufgaben als Architektinnen und Architekten wird es in der Zukunft sein, Raum und Material zu kuratieren.

wbw Klingt so, als seien die Nutzungen, die mit temporärer Architektur einhergehen, fast wichtiger als die Bauten selbst?

Slonimskiy Beides ist wichtig. Ich finde die Idee, dass man beim Bauen daran denkt, dass ein Gebäude in Zukunft abgebaut und wiederverwendet wird, wie es bei temporären Bauten oft der Fall ist, sehr interessant. Das ist von Natur aus ökologisch. Aber erst wenn sich ein Bauwerk mit der Gesellschaft wandeln kann, ist es wirklich dauerhaft.

Buchs Uns interessieren Räume, die Veränderung zulassen. Deshalb versuchen wir unseren Bauten immer eine gewisse Grosszügigkeit zu verleihen, da wir wissen, dass sich die Nutzerschaft ändern wird. Man kann so entwerfen und konstruieren, dass sich das Gebäude ändern kann. Das meint nicht generische Flexibilität, sondern präzis zu überlegen, wie eine Sache zwei oder drei verschiedene Dinge zugleich leisten kann.

wbw Die Konstruktion muss dauerhafter werden, um temporär nutzbar zu sein? Klingt paradox.

Slonimskiy Das ist es auch. Mit dem Pavillon für das Model – Festival d’Arquitectures de Barcelona 2023, den wir mit Parabase realisiert haben, spielten wir genau damit. Wir haben das Potenzial der Wiederverwendung bestehender Materialien untersucht und bewusst mit Elementen entworfen, die als sehr beständig oder gar ewig haltbar gelten. Dazu gehörten ein Stück eines abgebrochenen Tunnels, nicht mehr gebrauchte Steinskulpturen und Betonblöcke.

wbw Das sind untypische Materialien für einen Pavillon.

Slonimskiy Es gibt diese Vorstellung, dass temporäre Architekturen filigrane Konstruktionen aus Stäben und Vorhängen sind, irgendwo auf einem Feld. Das hat sich fast schon als die Idee ihrer Ästhetik gefestigt. Wir wollen uns von diesem Klischee lösen und zeigen, dass auch ein massives Stück Beton einem anderen, temporären Zweck dienen kann.

wbw Dennoch hält sich die Faszination für eben diese leichte Ästhetik hartnäckig. Leonid, ihr thematisiert sie auch im Buch Temporary Tecture, in dem ihr zum Beispiel Baugerüste als zeitgenössische Form der vernakulären Architektur präsentiert.

Slonimskiy Stimmt. Ausgangspunkt für dieses Buch war zunächst eine visuelle Faszination. Dann haben wir erkannt, dass hinter diesen Konstruktionen keine Absicht für Schönheit steckt. Sie wurden mit dem Versuch entwickelt, Material, Geld und Zeit zu sparen. Die Objekte, die wir untersuchen Gerüste, Baustellen oder Absperrungen – sind rückbaubar und bestehen aus den regional verfügbaren Materialien. Die Wurzel dieser Ästhetik ist also immer die Bestrebung, äusserst pragmatisch zu sein. Und dennoch entstehen da Dinge, die mit Architekturen von Mies, Boullée oder Bruther verglichen werden, obwohl sie komplett ohne Anspruch an Gestaltung oder Proportion umgesetzt wurden. Aus der bildlichen Faszination erwuchs also schnell das Verständnis einer ernsthaften Logik, die rational, trocken, ökonomisch und ökologisch ist. Für uns war das eine ziemliche Entdeckung.

Retzepi Es hat auch damit zu tun, über den architektonischen Katalog hinauszuschauen.

Buchs Genau, fürs Entwerfen kann es sehr interessant sein, Dinge, die nicht für Architektur gemacht sind, anders zu einzusetzen. Wenn ein Fensterlieferant ein bestimmtes Produkt nicht liefern kann, müssen wir eben woanders suchen, etwa bei Industrieprodukten oder Bauten, die abgerissen werden.

wbw Ist es einfacher, solche Ideen in temporären Installationen zu erproben?

Slonimskiy Absolut. Festivals wie das Concéntrico im spanischen Logroño sind Labore der Architektur. Sie bieten die Möglichkeit, aus dem konventionellen Materialkanon auszubrechen. Unseren Off-Season-Pavillon haben wir aus Jaulones konstruiert, die wir bei einer lokalen Weinhandlung ausgeliehen haben. Diese Metallkisten fassen die Hälfte des Jahres hunderte Weinflaschen in den Kellern der Bodegas. Die andere Jahreshälfte stehen sie leer. Zu unserem Glück genau während des Festivalzeitraums. Sie bestehen aus hochwertigem Stahl, tragen enorme Lasten und sind aufgrund des Korrosionsschutzes schwarz oder silbern eloxiert; also Eigenschaften, die sich bestens für Architektur eignen. Ohne die zeitliche Beschränkung des Festivals wäre das Projekt nie möglich gewesen. Und hätten wir Baustahl verwendet, hätte es sehr viel mehr gekostet. Solche Strategien der alternativen, saisonalen Nutzung helfen also auch, Geld zu sparen.

Buchs Die Frage der Kosten ist in der Tat sehr wichtig. Wir bearbeiten oft Projekte mit kleinem Budget. Vielfach hören wir von den Unternehmen: Für den Betrag bekommst du nur das und das. Das könnte dafür sorgen, die Erwartungen zurückzuschrauben. Wir versuchen aber, genau umgekehrt zu denken: Wir haben einen bestimmten Betrag zur Verfügung und für den wollen dies oder jenes machen–also los, finden wir einen Weg.

wbw Funktioniert diese Strategie denn auch für konventionelle, dauerhafte Nutzungen? Oder hat die Methode der temporären Architektur ihre Grenzen?

Buchs Wir versuchen natürlich, diese Freiheiten auf jedes Projekt zu übertragen. Für uns bilden die Gesten des temporären Bauens ein Vokabular, das ganz und gar architektonisch und auf jeden Massstab übertragbar ist. Beim Projekt Porteous hat sich diese Art des Denkens und Handelns sehr bewährt. Der Kanton Genf versprach, eine seiner ehemaligen Wasseraufbereitungsanlagen in ein soziokulturelles Zentrum umzuwandeln. Leider passierte aber lange gar nichts. Also reichten wir gemeinsam mit den Hausbesetzern und -besetzerinnen eigenmächtig eine Baugenehmigung ein. Interessant ist, dass uns der Kanton die Genehmigung für den Umbau eines Gebäudes in seinem Besitz ausstellte, obwohl wir gar keinen Auftrag dafür hatten. Nun transformieren wir die Anlage schrittweise und mit einfachen baulichen Mitteln–Treppen, Handläufen, beweglichen Wänden–in ein permeables Haus mit verschiedenen Klimazonen.

Retzepi Manchmal scheint es leider so, als diskutierten wir über temporäre Architektur als eine eigene Kategorie unserer Disziplin. Das würde ich nicht so trennen. Ich würde nicht sagen, das eine oder andere ist einfacher, schwieriger, wichtiger oder weniger wichtig. Wir eröffnen Möglichkeiten, indem wir mit temporären Dingen ausprobieren, was dann in allen Massstäben Türen öffnet.

Slonimskiy Das sehe ich genauso. Ich finde die Idee interessant, dass man beim Bauen darüber nachdenkt, dass dieses Gebäude fünf oder 50 Jahre stehen bleibt. In China wurden kürzlich 50 Wolkenkratzer abgerissen, bevor sie überhaupt fertiggestellt wurden oder je in Betrieb waren. Demgegenüber gibt es temporär geplante Pavillons, die Jahrzehnte später noch stehen. Manchmal sagen wir, dass es nichts Dauerhafteres gibt als das Temporäre: ein kleines Element wie ein Ziegelstein etwa, um eine Tür offenzuhalten, der dann für immer im Gebäude bleibt. 

Das Gespräch wurde auf Englisch geführt. Originaltext

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Philippe Buchs (1989) ist Architekt und Kurator in Genf. 2020 co-gründete er Sujets Objets. Seit 2019 ist er in der Lehre tätig und wird im Herbst 2026 ein Gaststudio an der ETH übernehmen. Er befasst sich mit experimenteller Forschung in den Grenzregionen der Disziplin. Seit 2025 ist er Co-Kurator des experimentellen Ausstellungsraums Arimna in Athen.

Dafni Retzepi (1992) ist Architektin und Forscherin in Genf und Athen. Sie ist Co-Gründerin von Sujets Objets und lehrt an der ETH Zürich. In ihrer Doktorarbeit «Corners of Form: Politics at the Boundarys» untersucht sie das bürgerliche Engagement der aktuellen Architekturpraxis. Seit 2025 ist sie Co-Kuratorin des experimentellen Raums Arimna in Athen.

Leonid Slonimskiy (1987) ist Architekt und Forscher. Er studierte an der MARKHI in Moskau und der Columbia University in New York. 2017 gründete er Kosmos Architects, nach Anstellungen bei OMA und Herzog & de Meuron. Er unterrichtete an der TU Wien und INDA Bangkok, aktuell an der HEAD in Genf.

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