Artikel aus 12–2025

Zuhause bis auf Weiteres

Wohnraum für Geflüchtete in der Schweiz

Tobias Baitsch, Nina Hüppi, Charlotte Schaeben

Was als kurzfristige Notlösung gedacht ist, wird oft zum Dauerzustand. Vorzeigeprojekte sind rar. Beispiele aus Bern, Zürich und Genf zeigen, welche Hürden bestehen und wie es besser gehen könnte.

Temporäre Bauten für die eigentlich dauerhafte Nutzung des Wohnens kommen in der Schweiz vor allem im Asylwesen zum Einsatz. Die Erwartung hinter diesen Provisorien ist, dass sie schnell erstellt und bald wieder obsolet werden, da die Geflüchteten nur für kurze Zeit dort wohnen. Zeitpunkt und Umfang von Fluchtbewegungen sind zwar nicht vorhersehbar, es ist jedoch unbestritten, dass uns die Thematik als Gesellschaft weiterhin stark beschäftigen wird. Auch wenn Provisorien aufgrund von plötzlich eskalierenden Konflikten und den daraus entstehenden Dringlichkeiten wohl unvermeidbar sind, ist eine würdevolle Unterbringung für Geflüchtete eine kontinuierliche Aufgabe. Die bisherigen Lösungen fanden nicht immer adäquate Antworten und berücksichtigten historische und aktuelle Erfahrungen und Expertisen oft zu wenig oder gar nicht. Wegen der Annahme, es handle sich bei der Unterbringung der Geflüchteten lediglich um eine temporäre Aufgabe, werden in deren Lösung zu wenig Ressourcen gesteckt.

Vom Barackenlager zum Containerdorf

Die Geschichte der temporären Unterkünfte für Geflüchtete beginnt in der Schweiz zur Zeit des Zweiten Weltkriegs: Zwischen 1939 und 1945 hat die hiesige Armee mehr als 100 000 ausländische Soldaten, die in die Schweiz geflüchtet waren, in Barackenlagern interniert. Diese Lager stellen wahrscheinlich die ersten temporär erstellten Kollektivunterkünfte für Geflüchtete im Land dar. Diese Typologie von Unterkünften blieb auch in der Nachkriegszeit in Gebrauch, allerdings vor allem zur Unterbringung von Gastarbeitern und -arbeiterinnen. Dieses Thema ist erst jüngst in der architekturhistorischen Forschung aufgegriffen worden, unter anderem mit einer Untersuchung zu mobilen Wohnbaracken für Saisonniers beim Bau der Staumauer von Grande Dixence.1 Sichtbar im zeitgenössischen Architekturdiskurs wurden temporäre Wohnsiedlungen für Geflüchtete mit ersten Containerdörfern in den 2000er Jahren. Die temporäre Wohnsiedlung in Zürich-Leutschenbach sowie diejenige beim sogenannten Basislager in Zürich-Altstetten wiesen den Weg für das Projekt Fogo, das 2018 in der Nähe zum Bahnhof Zürich-Altstetten erstellt wurde. Aussergewöhnlich ist vor allem die soziale Durchmischung der Bewohnerinnen und Bewohner. Das Projekt ist baulich und sozial sorgfältig gestaltet: Es respektiert die Privatsphäre seiner Bewohnenden und ist zentral gelegen. Wie seine beiden Vorgänger macht es aber den temporären Status durch die Bauart explizit kenntlich.

Die grösste Asylunterkunft der Schweiz

Zwei aktuelle Projekte zeigen exemplarisch die gegenwärtigen Ansätze temporärer Unterbringung. Symptomatisch für das Vorgehen in einer zeitlichen Notlage ist die temporäre Unterkunft Viererfeld (TUV). Im Sommer 2022 errichtete der Kanton Bern die Containersiedlung auf dem Areal des Stadtentwicklungsgebiets Viererfeld innerhalb von nur drei Monaten. Die Lage am nördlichen Stadtrand erwies sich für Bewohnende und Betreiberin als Glücksfall, da beide von städtischen Angeboten profitierten. Die TUV bot in den drei Jahren Betrieb insgesamt 2348 Geflüchteten eine vorübergehende Unterkunft und war bis zum Rückbau im Herbst 2025 die grösste Asylunterkunft der Schweiz.

Die Anlage setzte sich aus 250 Containern zusammen, die während der Covid-19-Pandemie Testzentren beherbergt hatten. Mit der Beauftragung einer Grafikfirma fiel die Entscheidung zugunsten einer pragmatischen und rasch realisierbaren Lösung, aber auch gegen den Einbezug von Fachwissen aus Architektur und Stadtplanung. Die fünf jeweils paarweise angeordneten zweigeschossigen Containerreihen wurden von grossen Zeltdächern überspannt. Eine Wohneinheit für vier Personen umfasste 13,6 Quadratmeter, in anderen Unterkünften wird mit mindestens vier Quadratmeter pro Person gerechnet. Die Gemeinschaftsküchen befanden sich jeweils in Reihenmitte, die Sanitäranlagen an deren Kopf, und in separaten Containern waren die Verwaltung und eine Schule untergebracht.

Der begrenzte Platz, die fehlenden individuellen Gestaltungs- und Aneignungsmöglichkeiten sowie die unvermittelten Übergänge zwischen privaten und öffentlichen Bereichen entsprachen nicht den Standards für Notunterkünfte, wie sie etwa vom UNHCR oder der Schweizerischen Flüchtlingshilfe empfohlen werden.2 Beobachtende charakterisierten die Anlage unterschiedlich: Es fielen Bezeichnungen wie Festivalgelände, Campingplatz, aber auch Gefängnis. Gleichzeitigt verkörperten die Container das Prinzip des Lagerns und Verwaltens – standardisierte, stapelbare Einheiten, in denen Menschen und Dinge gleichermassen aufbewahrt werden können – und widersprechen damit den beschönigenden Begriffen des Containerdorfs.

Erbaut worden war die TUV für Geflüchtete aus der Ukraine, deren Aufenthalt mit Schutzstatus S auf eine (baldige) Rückkehr ausgerichtet ist. Da Menschen mit diesem Status einer Erwerbstätigkeit nachgehen dürfen, wurde erwartet, dass sie rasch in Wohnungen wechseln. Angesichts der angespannten Situation auf dem Wohnungsmarkt in den Städten sowie ökonomischer, aber auch sozialer Hürden erwies sich diese Annahme als unrealistisch. Die längeren Aufenthalte, insbesondere von vulnerablen Personen, haben höhere Anforderungen an die Unterkünfte zur Folge, denen diese nicht nachkommen konnten. Als im Sommer 2025 der Rückbau begann, äusserten einige der Bewohner und Bewohnerinnen trotzdem den Wunsch, nicht umziehen zu müssen  –  sie befürchteten, ihre gewachsenen sozialen Netzwerke zu verlieren.

Einem Provisorium Seele einhauchen

Anders als beim Bau der TUV in Bern war dem Centre d’hébergement collectif de Rigot in Genf eine städtebauliche Studie zu möglichen Standorten für temporäre Asylunterkünfte im Kanton vorausgegangen. Kriterien waren unter anderem die Verfügbarkeit von Bauland, der rechtlich-administrative Kontext und ein geringes Risiko für Einsprachen.

Während das Asylverfahren und insbesondere die Unterbringung primär unter den Gesichtspunkten der Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit betrachtet werden, näherte sich das Architekturbüro Acau der Bauaufgabe mit einem sozial verantwortungsvollen Architekturverständnis. Über den Auftrag für Wohncontainer hinaus versuchten sie, einem Gebäude «ein bisschen Seele einzuhauchen, das genauso gut keine haben könnte.»3

Trotzdem spricht Acau von einer architecture d’urgence: enormer Zeitdruck und eingeschränkte finanzielle Mittel prägten die beschleunigten Planungs- und Bauprozesse.

Die beiden parallel angeordneten fünfgeschossigen Bauten befinden sich im symbol- und geschichtsträchtigen Quartier des Nations, in unmittelbarer Nähe zum Sitz der Vereinten Nationen im Parc Rigot (vgl. wbw 4 –2023, S. 28). Die Anlage bietet Platz für rund 370 Personen mit anerkanntem Asylstatus. Im Erdgeschoss befinden sich Schulungszimmer sowie Sport- und Atelierräume für den täglichen Betrieb, darüber liegen vier Wohngeschosse. Der Holzmodulbau aus statisch eigenständigen, voneinander unabhängigen Raumeinheiten ermöglicht einen unkomplizierten Rück- und anschliessenden Wiederaufbau.

Acau verzichtete bewusst auf Clusterwohnungen, einerseits, weil die Sozialstruktur der künftigen Bewohnenden unklar war, andererseits. um genügend Privatsphäre zu gewährleisten. Stattdessen realisierten sie individuelle Wohneinheiten mit eigener Küche und Bad, die bei Bedarf – etwa für Familien – zusammengeschaltet werden können. Eine Idee, die tatsächlich Verwendung fand.

Der Betrieb ist bis 2029 befristet. Erst diese zeitliche Begrenzung machte eine Ausnahmegenehmigung für den Bau an dieser Stelle möglich. Temporär ist also der Gebäudekörper und dessen Standort – und damit letztlich auch die Antwort auf die strukturellen Herausforderungen der Unterbringung von Geflüchteten. Diese ist nicht gelöst, sondern lediglich vertagt.

Europaweite Tendenzen

Beide Projekte – TUV und Rigot – spiegeln Tendenzen, die sich auch im europäischen Kontext beobachten lassen: Vielerorts ist eine Rückkehr zu grossen Sammelunterkünften zu beobachten, während gleichzeitig einzelne Leuchtturmprojekte entstehen, die nach Alternativen suchen. Angesichts der aktuellen und im Zuge des Klimawandels erwartbaren verstärkten Fluchtbewegungen ist absehbar, dass der räumliche Aspekt des Asylwesens und die städtebaulichen und architektonischen Praktiken der Unterbringung sich weiterentwickeln müssen. Wünschenswert wäre, dass bei dieser Weiterentwicklung städtebauliche Fragen sowie Standort- und Wohnqualität, aber auch die Anbindung an bestehende Wohnquartiere und Sozialstrukturen sowie eine stärkere Durchmischung der Bewohnerschaft künftig eine grössere Rolle spielen würden. Entscheidend ist, welchen Beitrag Architektinnen und Architekten dazu beisteuern. Sie sind gefordert, nicht nur ihre Kompetenzen bei der Gestaltung und Planung einzubringen, sondern auch eine kritische Haltung zu den Anforderungen zu entwickeln und einen kreativen Umgang mit Normen und Rahmenbedingungen zu finden. Ebenso sind Bauherrinnen und Auftraggeber gefordert, über die Möglichkeit von Wohncontainer hinauszudenken, Architekturschaffende frühzeitig einzubeziehen und vor allem verkehrstechnisch gut angebundene Standorte auszuwählen.

Einen Schritt in die richtige Richtung verfolgt der von Architekturschaffenden initiierte Verein Huma.4 Gemeinsam mit Personen aus Forschung, Praxis, Verwaltung und Industrie erarbeitete er eine Planungshilfe mit Anforderungskatalog, der im November 2025 publiziert wurde.

Darüber hinaus stellt sich die grundsätzliche Frage nach der Temporalität dieser Unterkünfte. Viele davon werden als Provisorium bezeichnet, auch um politische mehrheitsfähig zu sein, und sind aus Nachhaltigkeitsgründen modular und reversibel angelegt. Tatsächlich ist es aber vor allem der Standort, der befristet zur Verfügung gestellt wird. Die Aufgabe, Wohnraum für Geflüchtete zu schaffen, ist wirklich alles andere als temporär: Sie bleibt eine gesellschaftliche und planerische Herausforderung.

Das an der Berner Fachhochschule 2025 an den Departementen AHB und Soziale Arbeit gestartete Projekt «Nachhaltige Baukultur im Kontext Flucht: Neue Wege für eine nachhaltige Unterbringung» ist Teil des Nationalen Forschungsprogramms 81 Baukultur. Dieser Artikel basiert unter anderem auf Vorarbeiten des Projektteams und hat wesentlich von den Inputs aller Projektbeteiligten profitiert: Eveline Ammann Dula, Manuel Insberg, Carolin Fischer, Daniel Bauer und Clara Bombach.

Tobias Baitsch (1980) hat Architektur studiert, in verschiedenen Büros und als Selbstständiger in Zürich und Paris gearbeitet und an der EPFL promoviert. Er lehrt an der BFH-AHB, wo er das Institut für Siedlung, Architektur und Konstruktion leitet.

Nina Hüppi (1984) hat Geschichte und Kunstgeschichte studiert, bei der kantonalen Denkmalpflege Zürich gearbeitet und an der Universität Bern promoviert. Sie ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachhochschule und als Forscherin an der Universität Bern tätig.

Charlotte Schaeben (1992) studierte Architektur an der ETH Zürich und UPC Barcelona. Sie ist Teil des Architekturkollektivs ANA und forscht als Doktorandin im Rahmen des NFP81-Projekts zum Thema Baukultur im Kontext von Flucht.

1 Rune Frandsen, Shadow Territory and Secondary Infrastructures: The Hidden Landscapes of Temporary Labor at the Grande Dixence (1950 – 1965), Zürich 2023.

2 In diesen Standards gibt es unter anderem Empfehlungen zur Standortwahl der Unterkünfte (Anbindung an den öffentlichen Verkehr), zur Anordnung der Nutzungen und einer Trennung von Nutzungen nach Geschlecht, ebenso zur Gestaltung von Aussenräumen.

3 Interview von Charlotte Schaeben mit Darius Golchan (Acau), geführt am 8. 10. 2025.

4 Vgl. www.huma-schweiz.org (abgerufen am 27. 10. 2025).

Weiterlesen ohne Abo:

Mit tiun erhälst du unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte des werk, bauen + wohnen. Dabei zahlst du nur so lange du liest – ganz ohne Abo.

Anzeige

Mehr Artikel