Daniel A. Walser, Laura Egger (Bilder)
Holz und Hanfkalk sind die bestimmenden Materialien beim Kindergarten in der Bündner Gemeinde Untervaz. Ihr konstruktiver Ausdruck formt die Räume. Diese laden die Kinder zur intuitiven Aneignung ein.
Die Bündner Gemeinde Untervaz liegt auf der westlichen Seite des Rheintals zwischen Landquart und Chur. In den letzten 40 Jahren hat sich die Einwohnerzahl der dörflich geprägten Ortschaft nahezu verdoppelt. So wurde die ursprüngliche Schule inmitten des Dorfs laufend erweitert, wodurch eine Gruppe von Einzelbauten aus unterschiedlichen Zeiten und architektonischen Haltungen entstanden ist. Seit einem Jahr steht an der Stelle des alten Schulhauses von 1938 ein Kindergarten mit vier Klassen, einem Mittagshort und einer Kindertagesstätte. Das Hofhaus der Architekten Georg Krähenbühl und Rainer Weitschies schliesst den östlichen Rand des Schulensembles ab und vermittelt als niedriger Satteldachbau zu den umliegenden Ein- und Mehrfamilienhäusern.
2021 aus einem Architekturwettbewerb hervorgegangen, überzeugte das Projekt durch differenzierte Räume, die Kinder zum Spielen anregen und Geborgenheit vermitteln sollten. Seine gedrungene Figur und die dicken Wände aus Stampflehm waren damals eine Absichtserklärung, genauso wie das Holzgebälk des raumbildenden Dachs. Bis das Haus wirklich gebaut werden konnte, brauchte es eine intensive konstruktive Recherche. Den beiden Architekten war wichtig, dass Machart und haptischer Ausdruck korrespondieren, Raum und Konstruktion direkt zusammenwirken.
«Am Ende war es ein Experiment», erzählt Rainer Weitschies. Der Entschluss, den im Wettbewerb vorgeschlagenen Stampflehm durch Hanfkalk zu ersetzen, war gewagt. Handelt es sich doch um ein Material, das im heutigen Bauen kaum erprobt ist. Nur wenige Handwerksbetriebe haben Erfahrung in der Verwendung und Verarbeitung von Hanfschäben und hydraulischem Kalk. Hinzu kommt, dass Kalk lange braucht, um abzubinden. Doch gibt es auch Vorteile: Hanfkalk ist biobasiert und rein mineralisch, das Material dämmt und lässt einen einschichtigen Wandaufbau ohne Abdichtungen und Dampfbremsen zu. Entscheidend war für die beiden Architekten, dass Wände aus gestampftem Hanfkalk in ihrer geschichteten Struktur solchen aus Stampflehm sehr ähneln, jedoch günstiger erstellt werden können. Ausserdem war es nach allem Abwägen bauphysikalisch und bautechnisch die sinnvollere Lösung für das Projekt.
Zusammen mit einem Spezialisten für Hanfkalk tüftelten Krähenbühl und Weitschies an der passenden Mischung: Sie sollte zügig abbinden, stabil und gut zu verarbeiten sein. Um alle konstruktiven Details der Aussenwand zu klären, liessen sie vorab ein Mock-up der Fassade errichten – dieses erwies sich als hilfreich, auch um die Gemeinde von ihrem Vorhaben zu überzeugen.
Hanfkalk ist fürs hybride Bauen gemacht. Wegen seiner geringen Materialdichte trägt er nur sich selbst – er braucht einen starken Partner. In Untervaz ist dies Holz: Eine klassische Holzskelettkonstruktion schultert das ausladende Dach, im Inneren gibt es Balkendecken und Holzständerwände. Die Aussenwände aus Hanfkalk fachen aus und dämmen.
Die konstruktiven Rollen der beiden Materialien sind klar verteilt, doch wie wirken sie zusammen? Innenseitig wurde vor den Holzständern eine Wand aus Hanfkalksteinen aufgemauert. Sie diente im Anschluss als einseitige Schalung für den gestampften Wandanteil, dessen Rohmasse vor Ort angemischt und von Hand mit einer Stärke von 40 Zentimetern zwischen und vor den Ständern eingebracht wurde. Dies half, den Abbindeprozess der Stampfwand zu verkürzen, die so dünner erstellt werden konnte, aber auch, Elektroinstallationen einzulegen. Holzdübel schaffen eine kraftschlüssige Verbindung zwischen der gestampften Wand und dem Tragwerk. Anstelle von Dilatationsfugen konnte das Material dadurch flächig schwinden und netzartig kleine Risse bilden. Kalk setzt beim Abbinden Wasser frei, das auch in Untervaz über Monate erst einmal austrocknen musste. Der Hanfkalk verlor dabei etwa fünf Prozent seines Volumens. Er erwies sich aber als gutmütiges Baumaterial: Risse und entstandene Lücken konnten mit feinem Material gestopft werden, bevor die Aussenwände geschlämmt wurden.
Die Aufmerksamkeit der Architekten galt im Entwicklungsprozess auch dem Holz selbst. Es stammt aus dem gemeindeeigenen Wald und erwies sich als Glücksgriff: Die Bauherrschaft war unabhängig von den Verfügbarkeiten und den starken Preisschwankungen auf dem Holzmarkt. Bereits nach der Baueingabe wurde das Bauholz geschlagen und in einem Holzverarbeitungsbetrieb in Küblis zu Balken und Bohlen gesägt. Aus dem Rest stellte man Bretter her. Das Tragwerk ist aus unverleimtem Fichtenholz und mit etwas grösseren Querschnitten als bei Leimholz ausgeführt, da die Balken Risse haben können und im Brandfall standhalten müssen.
Es ist das Dach, das die Räume wesentlich formuliert. Schräg gestellte Stützen korrespondieren im Inneren mit der Dachneigung, im hohen Dachraum findet je Kindergartenklasse eine Galerie Platz. Sie schafft Rückzugsbereiche und eine Spielecke unter dem Giebel. Holz prägt die Innenräume: Astige, rötlich schimmernde Lärchenbretter verwendete man für die Treppen und Wandverkleidungen. Für die Winddichtigkeit wurden die Aussenwände gegen innen mit einem Kalkputz abgedichtet und für eine gute Akustik mit Filzbahnen eingekleidet. Der diffusionsoffene, massehaltige Aufbau reguliert das Raumklima. Im Sommer spenden die grossen Dachüberstände Schatten und die grosszügig hinterlüftete Eindeckung hält die Räume kühl.
Das geduckte, eingeschossige Haus definiert einen grosszügigen Innenhof und gibt den vier rundum angeordneten Klassen eine gemeinsame Mitte mit einer starken räumlichen Identität. Die Spielgruppe und die Räume für den Mittagstisch und den Hort orientieren sich nach aussen zur benachbarten Schulanlage, während die Kindergartenklassen als jeweils autarke Einheiten vom Hof aus zugänglich sind. Der Innenhof selbst ist ein in Anlehnung an die kiesigen Rheinufer naturnah gestalteter Spielbereich. Besonders die vielfältig gedeckten Aussenflächen verleihen dem Projekt einen hohen Nutzwert. Bullaugenfenster in der dicken Hanfkalkwand stellen gezielte Durchblicke her; grosse, liegende Schiebefenster lassen sich öffnen und so Innen und Aussen miteinander verbinden; tiefe Fensterlaibungen bilden Sitznischen.
Die vier Kindergartenklassen wirken identisch, und doch variieren sie: Die einzelnen Einheiten besitzen jeweils einen Vorraum, der als Garderobe dient. Zenitales Licht erhellt den Raum wie durch eine Lichtkanone und durch eine hoch sitzende Verglasung sickert das Tageslicht bis in die in diesem Bereich nachtblau gestrichenen WC-Räume. Hauptraum, Gruppenraum, Spielnische und Küche sind viermal gleich zueinander arrangiert. Auch Materialität und Proportionen sind konstant. Leicht anders sind jeweils die Orientierung, die Anordnung der Oberlichter oder der Bezug nach aussen. Das verleiht jeder Klasse eine eigene Raumstimmung unter dem gemeinsamen Dach.
Der Kindergarten in Untervaz formt eine Spielwelt, die bei der jungen Nutzerschaft gut ankommt und wie selbstverständlich Teil ihrer Aktivitäten ist. Dabei nehmen die ausgekleideten Räume das Gewusel der Kinder und ihre verschiedenen Möbel und Spielsachen gutmütig auf. Der dunkle Bodenbelag aus Gummigranulat dämpft das lebhafte Geschehen etwas. Für konzentrierte Tätigkeiten gibt es ruhige Ecken, die die Kinder für sich in Beschlag nehmen können.
Architektonisch betrachtet, scheint über dem Werk der Geist von Rudolf Olgiati zu schweben, dem Architekten, der eine Brücke zwischen regionaler Architektur und der Moderne eines Le Corbusiers geschlagen hat. Analogien lassen sich bei den überproportioniert dicken Säulen im Hof und am überdachten Eingang zum Mittagstisch ausmachen. Mächtige Säulen definieren auch bei Olgiati jeweils einen wichtigen Ort und zeichnen Übergänge aus. Selbst der tunnelartige Hauptzugang vom Laurenziusweg scheint in seiner muralen Kompaktheit auf die visuelle Sachlichkeit des Bündner Meisters zu verweisen. Der Bau kann so als kritische Aktualisierung dessen gelesen werden, was Kenneth Frampton in den 1980er Jahren noch als Kritischen Regionalismus definierte.1
Nach eigenen Aussagen waren für Rainer Weitschies und Georg Krähenbühl die dörfliche Situation und eine kohärente Architektursprache richtungsweisend beim Entwerfen. Eine wesentliche Rolle spielten dabei die Verwendung nachhaltiger und lokaler Baumaterialen und das Experimentieren mit Ausdruck und konstruktiver Richtigkeit. Der Bau ist ein stilles Manifest, das zeigt, wie das Konstruieren von Architektur räumliches Potenzial freisetzt und gleichzeitig ein lebenswerter Ort für Kinder entsteht.
Daniel A. Walser (1970) ist Architekt und unterrichtet an der Fachhochschule Graubünden FHGR Architekturgeschichte und -theorie.
1 Vgl. Kenneth Frampton, «Towards a Critical Regionalism: Six Points for an Architecture of Resistance», in: Hal Foster, The Anti-Aesthetic: Essays on Postmodern Culture, Port Townsend 1983, S. 16 – 30.