Artikel aus 3–2026

Stein, Holz und Sonne

Sozialer Wohnungsbau auf den Balearen von Harquitectes, López Rivera und Estruch Martorell

Lucia Gratz, Adrià Goula, José Hevia (Bilder)

Mit einem experimentellen Wohnungsbauprogramm schuf das balearische Wohnbauinstitut IBAVI ein kollektives Labor für regeneratives und regionales Bauen. Doch die mutige Initiative hat auch Kehrseiten.

Als vor drei Jahren die ersten Bauten des balearischen Wohnbauinstituts IBAVI fertiggestellt waren, lösten sie Erstaunen aus. Sozialwohnungsbau aus Naturstein, klimaneutral und lowtech – geht das? Wir wollten es genauer wissen, berichteten über Hintergründe und stellten einige Projekte vor (wbw 6 – 2023, S. 6 – 15). Selten gibt es Bauherrschaften, die bewusst Risiken auf sich nehmen – hier war es politischer Auftrag, die Komfortzone zu verlassen und radikal nachhaltige Wege zu gehen. Auch weitere Projekte, die damals erst auf dem Papier existierten, sind heute gebaut: 22 Häuser des Programms sind bezogen, ein paar wenige werden bald fertiggestellt. Drei davon stellen wir in diesem Beitrag genauer vor.

Bemerkenswert ist die Experimentierlust mit regenerativen Materialien und archaisch wirkenden Konstruktionen aus Stein. Befragt werden in den Projekten der Verbrauch und die Herkunft von Ressourcen, funktionierende Materialkreisläufe, CO₂-Neutralität und passive Klimatisierung – ein hoher Anspruch. Die dabei entstandenen Sozialwohnungsbauten sind nicht nur dringend benötigter Wohnraum für Menschen, die sich das Leben auf den vier Mittelmeerinseln kaum mehr leisten können, sondern auch Beispiele für hybride Bauweisen. Sie reflektieren die regionale Bautradition und spiegeln die Innovationskraft, die sich innerhalb des Wohnbauprogramms entfalten konnte.

Blick zurück nach vorn

Auch das junge mallorquinische Büro Estruch Martorell ist einen Schritt weiter. Vor drei Jahren trafen wir uns auf der Baustelle – heute ist das Haus mit neun Sozialwohnungen am Rand der Regionalhauptstadt Inca bezogen. Was aussieht wie ein gewöhnliches viergeschossiges Haus aus Marès, dem auf Mallorca und Menorca vorkommenden Kalkstein, ist weitgehend aus Backstein aufgemauert. Strassen- und Rückfassade wie auch die zentralen Säulen im Wohnraum sind jedoch aus Stein. Klassisches Mauerwerk wurde mit präfabrizierten Deckenelementen aus Holz kombiniert. Vorgefertigte Betonstürze überspannen die grossen Fensteröffnungen. Stein, Backstein, Holz und Beton bilden ein austariertes Gefüge, das architektonische Prioritäten formuliert: Naturstein findet sich nur dort, wo er den Ausdruck massgeblich prägt; über ihre Funktionalität hinaus sind Holz und Beton Teil dieses Bildes. Regionales Bauen klingt darin an, in der dosierten Verwendung industrieller Baustoffe aber auch moderne Referenzen wie Jørn Utzons ikonisches Ferienhaus Can Lis.

«Wir lernten durch das Projekt, wie man CO₂-Emissionen berechnet. Die Verwendung regenerativer Materialien und ein möglichst kleiner CO₂-Fussabdruck waren bereits im Wettbewerb Vorgabe», sagt Laura Estruch. Kostendruck und Nachhaltigkeitsanforderungen galt es auszubalancieren. Kompakte Raumeinheiten ohne feste Nutzungszuschreibungen prägen die Grundrisse und versprechen einen vielfältigen Gebrauch. Durch diagonale Raumbezüge wirken die Wohnungen dennoch grosszügig. Sie reichen über die gesamte Gebäudetiefe und lassen sich in den Sommermonaten gut querlüften. Öffnet man die Schiebetüren, wird aus Raumkammern ein -kontinuum und die Natursteinsäule im Raum steht frei – auch das ein Can-Lis-Zitat.

Marès als Ressource und Statussymbol

Mischbau ist aufwändig. Das zeigt auch das Haus in Esporles von López Rivera aus Barcelona. Backstein, Naturstein und Holz wirken hier zusammen. Neben einer grossen Sensibilität für den Ort und die Aufgabe brachte das Architekturduo auch sein Netzwerk mit. Ein Holzbauunternehmer aus dem Baskenland, mit dem sie zuvor bereits in Holz und Kork gebaut hatten, machte einen guten Preis, und so konnten die Decken und das Dach des Wohnhauses aus baskischer Kiefer anstatt aus österreichischem Importholz konstruiert werden. Das ist ein Beispiel von mehreren, wie IBAVI nicht nur Gelegenheiten schafft, Neuland im nachhaltigen Bauen zu betreten, sondern auch von gut vernetzten, erfahrungs- und innovationsstarken Büros vom Festland profitiert.

Viele der Bauten von IBAVI greifen auf den rötlich-gelben Marès zurück, der für viele bekannte Natursteinbauten auf den Inseln prägend ist. López Rivera wählten einen weissen Marès aus S’Arenal, der aufgrund der geringeren Nachfrage auch günstiger war. Das Marmorartige habe ihnen gefallen, es passe gut zu den gräulich-grünen Farbtönen des Hauses, sagt Emiliano López. Das tektonisch durchgebildete Haus gliedert sich gut in die Gewöhnlichkeit des Dorfs in der Serra de Tramuntana ein. Sein konstruierter Realismus fügt sich auch in die Reihe der Häuser, die für IBAVI in den letzten Jahren entstanden sind, und geht doch einen eigenständigen Weg.

Im Entwurf war der soziale Gedanke wichtig. Hertzberger-Projekte schimmern in der Konzeption des Sozialwohnhauses durch, wenn die hälftig geteilten Wohnungstüren Kontakt ermöglichen und Bänke im Laubengang zur Begegnung einladen. Architektur soll anregen, sie soll Gelegenheiten schaffen – ohne für den alltäglichen Gebrauch etwas vorzuschreiben, so das Credo der Architekturschaffenden. Um das Wohlbefinden der Bewohnerschaft ging es auch in den Überlegungen zum Wohnklima. Die steinerne Laubengangschicht zum Hof wirkt wie ein Klimapuffer: Durchlüftet und verschattet im Sommer, trägt sie zur passiven Kühlung bei; besonnt im Winter, sorgt sie für solare Wärme. Das Lowtech-System beruht auf Berechnungen; für die nötige Speichermasse sorgt der Mix massiver Materialien.

Regenerativ Bauen gegen Widerstände

Der poröse Kalkstein, der in den Steinbrüchen der Inseln in unterschiedlichen Qualitäten vorkommt, galt ab den 1960er Jahren als minderwertiges Baumaterial, das Feuchtigkeit zieht. Im Verlauf der letzten 15 Jahre setzte eine breite Rehabilitierung ein. Aus dem Arme-Leute-Baustoff ist fast ein Statussymbol geworden. Doch auch die förderbaren Vorkommen des Marès sind endlich. Anstatt neuen zu brechen, fanden Harquitectes auf ihrem Bauplatz in Palma eine urbane Mine vor. Das alte Schulhaus aus Marès, das auf der Parzelle stand, verwendeten sie für einen Neubau mit 25 Wohneinheiten kurzerhand wieder. Und das ging so: Das Abbruchmaterial aus den Beton- und Backsteindecken wurde zerkleinert im Betonfundament und für das Kellergeschoss verarbeitet. Der Kalkstein, aus dem die Wände waren, wurde in fussballgrosse Brocken gespalten, in einer Schalung ausgelegt und mit einer Kalk-Zement-Mischung als Bindemittel vergossen. Kies- und Sandzuschläge, ebenfalls aus Marès gewonnen, ergänzen die Mixtur. Nach dem Abbinden schnitt man die 4 × 4 Meter grossen Platten in Blöcke, sodass die Steine auf den glatten Oberflächen wieder zum Vorschein kamen. Der Recycling-Kunststein erinnert an einen monumentalkörnigen Terrazzo. Das Downcycling des Materials ist dabei interessanterweise mit einer ästhetischen Aufwertung verbunden.

Das neue Haus hat sich den Vorgängerbau materiell einverleibt. Architektonisch funktioniert es aber anders: Der Mauerwerksbau aus grossen Blöcken ist eine Schwerkraftkonstruktion mit sich nach oben verjüngenden Schotten. Die geschossweisen Absätze dienen als Auflagerkonsolen für die Decken aus Massivholzplatten. Sind die Mauern im Erdgeschoss noch stattliche 64 Zentimeter dick, messen sie im obersten Geschoss nur noch 34 Zentimeter. Die Schottenstruktur bestimmt die räumliche Organisation des Eckhauses und bildet sich in der Fassade ab. Laubengänge führen hofseitig zu den Wohnungen, die in drei Raumschichten die gesamte Grundrisstiefe einnehmen. Im Eingangsbereich lässt sich das monumentale Mauerwerk mit expressiven Eckverbänden erleben. Diese verdeutlichen den bildhaften, etwas didaktisch wirkenden Anspruch des Gebäudes.

Auf die Schweiz übertragbar?

Das Wohnbauprogramm von IBAVI zeigt, was das entschiedene Handeln einer institutionellen Bauherrschaft unter Mitwirkung einer regionalen Architekturelite in wenigen Jahren bewirken kann. Doch lehrt es auch, wie fragil die Unterstützung für nachhaltiges Bauen ist, wenn es zwischen die Mühlsteine politischer Interessen gerät. Nach den Regionalwahlen 2023 stellte sich beim Antritt der konservativen Regierung heraus: Einen überparteilichen Konsens zur Senkung der CO₂-Emissionen gibt es trotz der wissenschaftlichen Tatsache der Klimakrise nicht. IBAVI hat einen Wandel im Bauen angestossen, der vorerst keine Fortsetzung finden wird.

Auch wenn die Initiative auf den Balearen sehr auf die dortige geschichtliche und gesellschaftliche Entwicklung und auf die Gegebenheiten vor Ort zugeschnitten ist, gibt es Parallelen zur Schweiz: Herausforderungen durch ausgeprägten Tourismus, Wohnungsnot, Verdrängung sozialer Schichten und die Notwendigkeit zur CO₂-Neutralität. Ausserdem existiert hier wie dort eine starke vernakuläre Baukultur, die identitätsprägend für das Land ist. Was hier in den alpinen Regionen der Holzbau ist, ist dort unter der Sonne des Südens das Bauen mit Marès. Aus Tradition Innovation zu schöpfen, ist das Verdienst des Wohnbauprogramms. Für etwas mehr Mallorca in der Schweiz wird künftig Francisco Cifuentes von Aulets Arquitectes sorgen: Der frisch an die ETH Zürich berufene Professor für Architektur und Ressourcen befasst sich als einer der führenden Köpfe einer jüngeren Architekturszene auf den Balearen mit Re-Sourcing, vor allem in Bezug auf Holz. 

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