Artikel aus 4–2026

Aufbruch in Effretikon –
 endlich!

Zentrumsentwicklung am Bahnhof Effretikon

Werner Huber
, Björn Siegrist (Bilder)

Vor über 25 Jahren begann der Agglomerationsort mit der Planung eines Zentrums. Nach mehreren gescheiterten Anläufen ist die Grundlage für eine neue Mitte gelegt. Die ersten Bauten und Projekte sind vielversprechend.

Am Bahnhof Effretikon stehen zwei Epochen einander gegenüber: Max Vogts Bahnhofsgebäude vom Anfang der 1960er Jahre und die im letzten Jahr fertiggestellte Überbauung Bellis von Staufer & Hasler Architekten. Die beiden Bauten spannen 65 wechselhafte Jahre Effretiker Zentrumsentwicklung auf. Heute stehen die Chancen besser denn je zuvor, dass der Zürcher Agglomerationsort ein attraktives Zentrum erhält: 2018 wurde der Masterplan Bahnhof West verabschiedet mit der Neugestaltung von Arealen, aber auch der Einbindung bestehender Strukturen beidseits der Bahnhofsstrasse als Hauptachse. Als vertikale Akzente zeigt er zwei Hochhäuser von gut fünfzig Metern Höhe, weitere neue Gebäude, zwei Plätze und einen zentralen Busbahnhof. Damit sollen das dürftige Angebot an Läden, Cafés und Restaurants ausgebaut werden, Aussenräume mit höherer Aufenthaltsqualität entstehen und Effretikon eine neue Anziehungskraft als Wohn- und Arbeitsort entfalten.

Boomtown der 1960er Jahre

Effretikon, einst ein Weiler am Rand der Gemeinde Illnau, verdankt seine Bedeutung der Eisenbahn. 1855 ging die Strecke Zürich–Winterthur in Betrieb, 1876 folgte die Abzweigung Richtung Wetzikon. Die Station lag weitab vom namengebenden Weiler. Mit den Jahrzehnten entstanden beidseits der Bahn kleinteilige Wohn- und Gewerbehäuser, bis der Ort nach dem Zweiten Weltkrieg explosionsartig zu wachsen begann. 1930 hatte die damalige Gemeinde Illnau 3700 Einwohnerinnen und Einwohner, 1962 waren es 7000. Sechs Jahre später lebten 10 000 Menschen in der Gemeinde, davon 7000 in Effretikon. Heute zählt die zur Stadt Illnau-Effretikon gewordene Gemeinde knapp 18 000 Personen, fast zwei Drittel davon in Effretikon.

Die Achse Bahnhofstrasse–Rikonerstrasse hatte sich ab den 1950er Jahren zu einer lebendigen Geschäftsstrasse entwickelt. Als Zeichen der neuen Zeit entstand dort 1964 ein Geschäftshaus mit Supermarkt, Restaurant, Drogerie und dem Kaufhaus Regina. Wenige Jahre später begann die Gemeinde mit der Planung einer Zentrumsüberbauung mit Gemeindehaus und Läden. Die Gemeindefinanzen, aber auch Spannungen zwischen den alteingesessenen Illnauern und den neu zugezogenen Effretikern, verhinderten die Realisierung. Private Pläne für ein Einkaufszentrum mit einer geschlossenen Shopping Mall lehnte die Gemeinde 1972 ab. Sie verlangte einen öffentlichen Platz und liess ein Konzept erarbeiten, auf dessen Basis die Überbauung Effi-Märt mit Läden, Wohnungen und Büros entstand. Deren Eröffnung im April 1978 war ein Wendepunkt: Der Märtplatz etablierte sich als attraktiver Markt- und Veranstaltungsort, die um die Migros-Filiale gruppierten Läden boten eine breite Warenauswahl. Doch begann damit auch der schleichende Niedergang der umliegenden Geschäfte – der Effi-Märt war ein zu starker Magnet. Zudem bremsten die der Ölkrise folgende wirtschaftliche Flaute und der von der Gemeinde verhängte Wachstumsstopp die Dynamik. Heute wirkt auch der Effi-Märt alt und verbraucht.

Kleine Schritte und ein zu grosser Wurf

Positive Entwicklungen gab es durchaus. 1995 konnte Illnau-Effretikon das neue Stadthaus beziehen, 2009 wurde der umgestaltete Märtplatz eingeweiht, zwei Jahre später war die Erweiterung des zum Sichtbackstein-Ensemble gehörenden Alterszentrums fertig. Überlegungen, die Effretiker Ortsmitte entlang der Achse Bahnhofstrasse–Rikonerstrasse attraktiver zu gestalten, scheiterten nach 2000 am Nein der Bevölkerung zu einem Grundstückskauf.

2008 stellte der Immobilienentwickler Hans Hänseler ein Projekt für die Grossüberbauung Mittim vor. Sie hätte ohne Rücksicht auf bestehende Strukturen vom Bahnhof bis zum Verkehrskreisel an der Rikonerstrasse gereicht; drei bis zu 75 Meter hohe Wohntürme sollten in den Himmel ragen. Für die Behörden war das zwiespältig. Zwar war das Zentrum ein wichtiges Anliegen, doch das riesige Projekt aus einem Guss wirkte aus der Zeit gefallen. Eine Realisierung mit diesem Investitionsvolumen wäre kaum möglich gewesen. Am Ende hätte sich eine nächste Generation mit zusammenhangslosen Fragmenten herumschlagen müssen. Schliesslich gelang es, in einer Art Studienauftrag das Projekt zwei weiteren Entwürfen gegenüberzustellen. Daraus ging 2010 ein Konzept von Staufer & Hasler Architekten siegreich hervor.

Als Hänseler 2014 starb, schien die Zentrumsentwicklung vor einem Scherbenhaufen zu stehen. Doch die Stadt trieb die Planung bis zum Masterplan von 2018 voran. Die beiden Hochhäuser gehen zwar auf Hänselers monolithische Planung zurück, erhielten jedoch durch Staufer & Hasler ihre städtebauliche Legitimation als bauliche Auszeichnung des Stadtzentrums. Zudem berücksichtigt der Masterplan im Gegensatz zum Projekt Mittim die bestehenden Grundstücksgrenzen, was die Umsetzung in Etappen ermöglicht. Während andere Agglomerationsorte – etwa Kloten – ihr Stadtzentrum aus einem ehemaligen (meist schon malträtierten) bäuerlichen Kern hinaus entwickeln, sind die Planer in Effretikon freier, liegen doch die alten Siedlungskerne abseits des Zentrums.

Türme am Horizont

Als ersten Baustein realisierte Totalunternehmer Bereuter bis 2025 die Überbauung Bellis von Staufer & Hasler Architekten. An der Bahnhofstrasse fasst das von der Strasse zurückgesetzte siebengeschossige Gebäude mit Läden, Büros und Wohnungen einen Platz und schafft bauliche Dichte. Im rückwärtigen Teil des Grundstücks vermittelt ein dreiteiliges Wohnhaus mit einer bewegten Fassade zum kleinteiligen Einfamilienhausquartier. In zweiter Reihe am Stadtgarten erstellt zurzeit die gemeinnützige Aktiengesellschaft Habitat 8000 einen Neubau mit 56 Wohnungen. Die Pläne stammen vom Büro Helle Architektur, den Garten gestalten Krebs und Herde Landschaftsarchitekten. Das benachbarte Alters- und Pflegezentrum wird die Wohnungen mieten und so altersgerechten, bezahlbaren Wohnraum anbieten.

Das nächste Projekt wird den Sprung in eine bis anhin im Zentrum unbekannte Dimension machen: An Stelle des einstigen Kaufhauses Regina erstellt die Schweizer Anlagestiftung 1291 ein 19-geschossiges Hochhaus mit Gastro, Gewerbe, Büros und Wohnungen. Pool Architekten entwarfen das Hochhaus, Huggenbergerfries den geplanten städtischen Bushof und Kuhn Landschafsarchitekten die Umgebung.

Später wird auch auf dem Eckgrundstück zum Kreisel ein Hochhaus in den Himmel wachsen. BDE Architekten mit Uniola Landschaftsarchitektur gewannen 2023 den Wettbewerb für die Wohn- und Geschäftsüberbauung. Etwas länger dürfte es dauern, bis die SBB ihre Baufelder entwickeln. Doch ein umfassender Umbau der zu knappen Publikumsanlagen ist erst möglich, wenn der Brüttener Tunnel in den 2030er Jahren die vielbefahrene Strecke entlastet. Vorher wird die Bahn kaum grössere Projekte anpacken.

Die Anfänge sind vielversprechend

Wer auf der Fahrt von Zürich nach Winterthur in Effretikon aus dem Zugfenster blickt, entdeckt die meisten Baukräne nicht entlang der Bahnhofstrasse, sondern auf der anderen Seite. Hier regelt der Masterplan Bahnhof Ost die Entwicklung. Im Bau ist das Seniorenzentrum Oase und etwas zurückversetzt, ausserhalb des Masterplangebiets, eine Wohnsiedlung. Ihre Vorgängerin war zwar erst gut 40-jährig, steht aber stellvertretend für andere sanierungsbedürftige Überbauungen aus der Hochkonjunktur. Diese bieten zwar günstigen Wohnraum, doch fehlen Wohnungen für eine kaufkräftigere Mieterschaft – was sich wiederum auf die Attraktivität für Gewerbebetriebe im Zentrum auswirkt.

Die Anfänge der Effretiker Zentrumsplanung waren holprig. Kann daraus etwas Gutes entstehen? Blickt man auf die ersten Neubauten und die laufenden Projekte, kann man diese Frage mit Ja beantworten. Die Chancen stehen gut, dass Effretikon ein Ortszentrum mit eigenständigem Charakter und attraktiven öffentlichen Räumen erhält. Das ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sich auch neue Läden und Restaurants – und somit städtisches Leben – ansiedeln. Diese Dynamik hat auch den bald 50-jährigen Effi-Märt erfasst: Die Eigentümerin Siska Immobilien hat einen Gestaltungsplan ausgearbeitet, der den radikalen Umbau des Ladensockels und den Neubau eines Teils der darauf stehenden Wohnhäuser vorsieht. 

Werner Huber (1964) war von 2001–24 Redaktor von Hochparterre. 2024 gründete er die Agentur Baukultur GmbH, heute arbeitet er als Autor und Publizist. Er ist in den 1960er und 1970er Jahren in Effretikon aufgewachsen und verfolgt seither das Geschehen aufmerksam.

Weiterlesen ohne Abo:

Mit tiun erhälst du unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte des werk, bauen + wohnen. Dabei zahlst du nur so lange du liest – ganz ohne Abo.

Anzeige

Mehr Artikel