Artikel aus 4–2026

Die Erfindung von Geroldswil

Umbau und Erweiterung Zentrum Geroldswil von Baumberger Stegmeier

Christoph Ramisch, 
Roland Bernath (Bilder)

In den 1970er Jahren stiftete das neue Gemeindezentrum Identität in der Agglomeration. Fünfzig Jahre danach ist die Gemeinde gefordert, ihr Zentrum weiterzudenken. Im Balanceakt zwischen Verdichtung und Denkmalschutz wird aber auch klar, dass Identifikation kein Selbstläufer ist.

«Früher war mehr los», seufzt Richard Heil, «alle sind hier vorbeigekommen.» Früher, das war vor 50 Jahren. Seit 1976 führt Heil seinen Coiffeursalon am neuen Dorfplatz. Vor dem Bau des Zentrums war Geroldswil ein Ort ohne richtige Mitte. Anfang des 20. Jahrhunderts lebten hier 141 Menschen, 1955 waren es 850. Im Sog der Hochkonjunktur der 1960er Jahre vervierfachte sich die Bevölkerung binnen zweier Jahrzehnte. 1972 machte der Autobahnanschluss den Ort endgültig zur Agglomeration Zürichs.

Um dem Schicksal einer Pendlergemeinde zu entkommen, erfand sich Geroldswil damals kurzerhand neu. Als im Gemeinderat die Zahl der «Zugezogenen» die der «Ansässigen» überstieg, entschied man sich, das Zentrum zu bauen. Geroldswil sollte nicht nur ein Ort zum Schlafen, sondern auch einer zum Leben sein. Ein deutliches Zeichen, dass die Zuzügler auch ankommen und sich mit ihrer neuen Gemeinde identifizieren wollten.

Schweizer New Town

Den Ideenwettbewerb gewannen 1967 die Architekten Walter Moser und Jakob Schilling. Letzter führte das Gros der Bauten in Etappen für die beteiligten Bauträger aus.1 Unter seiner Leitung entstand bis 1976 ein Konglomerat aus Nutzungen, das das Modell der britischen New Town auf den Schweizer Massstab herunterbrach – samt Hallenbad, Feuerwehr, Hotel, Gemeindesaal, Kirchen beider christlichen Konfessionen, einem Postamt, Café, Büros, Läden und Wohnungen in den Obergeschossen. Das alles autofrei auf einer Einstellhalle, gruppiert um einen erhöhten Dorfplatz mit Brunnen, der bald nur noch «Badi von Geroldswil» genannt werden sollte. Eine Freitreppe führt von der Strasse auf den Platz, von dem aus schmale Wege unter Arkaden zum hangseitigen Schulareal und zu weiteren Wohnlagen mit Blick ins Limmattal überleiten.

Mit den englischen New Towns teilt das Zentrum auch seinen rauen Charme aus brettergeschaltem Sichtbeton. Nicht lieblich, sondern kantig brutalistisch kommen die Bauten daher. Geradezu corbusiesque wirken auch die Proportionen und Fassaden. Tatsächlich beruht hier alles auf dem Modulor mit seinem Raster von 2,26 Metern. Das blieb auch der Denkmalpflege nicht verborgen, die das Zentrum seit 2014 als Objekt von überkommunaler Bedeutung schützt. Grund sei der «identitätsstiftende Charakter», den das Ensemble durch seine «einheitliche Bauweise in reduzierter Formensprache», aber auch durch die «Verflechtung der Funktionen unter sowohl wirtschaftlichen als auch sozialen Aspekten» entwickelt hat.2 Wenig zufällig kam diese Würdigung zu einem Zeitpunkt, als die Gemeinde ihre Planungen für das schwächelnde Zentrum intensivierte. Spätestens ab jetzt galt es, den Zeitzeugen sorgsam weiterzubauen, ohne dessen Mängel zu konservieren. Denn der Erhalt erforderte auch Anpassungen an neue Bedürfnisse. Beispielsweise konnte der auslaufende Pachtvertrag des gemeindeeigenen Hotels wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit nicht mehr verlängert werden.

Beton bleibt Beton

Um eine Vorstellung zu bekommen, wie eine Verdichtung im Ensemble aussehen könnte, organisierte die Gemeinde 2017 einen selektiven Studienauftrag. Dabei waren konkrete Vorschläge für die Bauten der Gemeinde westlich des Dorfplatzes gefragt, aber ebenso eine volumetrische Studie über das gesamte Zentrum. Dieser «Ideenperimeter» umfasst zusätzlich die Bauten der beiden Kirchen sowie der Baugenossenschaft Schönheim, die als beteiligte Bauträger vorab ihr Mitwirken zugesichert hatten.

Das Zürcher Architekturbüro Baumberger Stegmeier schlug zwei hohe Wohnbauten an der West- und Ostflanke des Ensembles vor. Zudem könne bei Bedarf auch das Wohnhaus der Genossenschaft im Nordwesten aufgestockt werden. Damit die Massnahmen im Einklang mit dem Bestand geschehen, hielt der Vorschlag auch ein Regelwerk für Neubauten bereit, damit das Ensemble auch weiterhin als homogene Einheit im Geiste seiner Entstehungszeit erlebbar bleibt. Die Vorgaben des siegreichen Projekts mündeten in einem Gestaltungsplan.

Baumberger Steigmeier haben nun diese Vorgaben beim eigenen Bauprojekt vorbildhaft durchexerziert. Westlich des Dorfplatzes sahen sie nebst dem höheren Neubau den Umbau des Hotels in hindernisfreie und altengerechte und Wohnungen vor. Solche durch das sperrige Schottenraster des Modulors zu brechen, war nicht nur statisch herausfordernd. Breite Durchbrüche waren nötig, um grosszügige Wohnräume zu öffnen. Statt Balkone gibt es Jahreszeitenzimmer, die die Fassade nicht durchstossen. Deren Proportionen sollten zumindest aussen spürbar bleiben, ebenso die rohe Materialität. «Beton bleibt Beton», bringt es Peter Baumberger auf den Punkt. Innen frisch gedämmt, war aussen nur Kosmetik nötig. Die bauzeitliche Erscheinung des Zentrums bleibt erhalten und dient dem Neubau als Vorbild. Dank Bretterschalung, Modulor und gleicher Farbe erscheint dieser wie ein immer dagewesener Teil des Zentrums. Für die Erschliessung schnitten Baumberger Stegmeier eine neue Gasse in das Ensemble. Zwischen Kirche und Saal bindet diese nun auch den früheren Innenhof an das Wegnetz an. Auch das Foyer des Saals öffnet sich endlich zum Dorfplatz und soll dem öffentlichen Raum mehr Leben einzuhauchen.

Nähe oder Erreichbarkeit?

Umso mehr irritiert es, dass der Platz selbst unverändert blieb. Hier ist die Chance vertan, den öffentlichen Raum neu zu gestalten oder noch wichtiger: ihn neu zu verhandeln. Sicherte der Aussenraum anfangs den Erfolg des Dorfplatzes, war er später ein Grund für dessen schleichenden Bedeutungsverlust. Anfang der 1990er Jahre wurde Schillings Platz umgestaltet, ein anderer Bodenbelag, neue Möblierung. Fatal: Der Brunnen wurde abgeschafft. Mit ihm verschwand der Kiosk an der Ecke. Es folgte das Radiogeschäft, dann der Kleiderladen. Es wurde still um Richard Heils Coiffeursalon. Er ist froh, dass seine Branche nicht allein von Laufkundschaft lebt. Der Tiefpunkt war laut ihm der Wegzug des Coop vor wenigen Jahren. Und mit dem Coop ging auch die Apotheke: Kommerz bedeutet eben Frequentierung. Und andersherum.

Das Schwinden der Läden ist aber weniger der Grund als vielmehr die Folge des Menschenmangels. Der ist ein Symptom des gesellschaftlichen Wandels. «Die Menschen sind mit dem Kopf ja nur im Handy», stellt Heil fest. Sie ziehen sich ins Digitale zurück. Sie kaufen online. Das verändert natürlich das Verhältnis zum öffentlichen Raum. Schillings Formel von einst, dass räumliche auch soziale Nähe bringt, geht nicht mehr auf. Der Alltag verschiebt sich. Ins Netz. Oder dorthin, wo Kommerz und Attraktion geballt verfügbar sind. Statt Nähe zählt heute Erreichbarkeit.

Wer Agglo sagt, …

Aber Erreichbarkeit ist Geroldswils Stärke. Einst liess der Ausbau der Nationalstrasse N1 den Ort zu einer Gemeinde der Autofahrenden werden. War man damals schnell da, leidet der Ort aktuell darunter, dass man auch schnell weg ist. Zum Shoppen in Spreitenbach oder in Dietikon. Darum nutzt die Gemeinde erneut ein Verkehrsprojekt, um ihr Zentrum zu entwickeln. Im Rahmen der dritten Gubriströhre soll aus der Huebwiesenstrasse südlich des Zentrums eine attraktive Einkaufsstrasse nach dem Vorbild britischer «High Streets» werden. Geroldswils Mitte schwappt damit vom Dorfplatz zur Strasse hinunter. Denn noch immer gilt: Wer Agglo sagt, der muss auch Auto sagen. Dafür entwickelt die Gemeinde nun zwei Baufelder um einen neuen Platz, mit Bushaltestelle, Läden und einer weiteren Tiefgarage.

Das liesse sich vortrefflich kritisieren, aber zur Wahrheit gehört eben auch, dass die Gemeinde dem abwanderungswilligen Coop im Neubau an der Strasse grössere Flächen anbieten und ihn so im Zentrum halten konnte. Die Apotheke zog übrigens auch mit ein. Die Überbauung Huebegg, 2019 ebenfalls von Baumberger Stegmeier auf dem östlichen Baufeld errichtet, schreibt die Qualitäten des alten Zentrums fort. Ein Platz, gerahmt von Arkaden, und als fussläufige Durchwegung ein grüner Gartenhof auf der neuen Einstellhalle. Schade, dass dieser nach nur einer Woche wegen Vandalismus gesperrt werden musste und heute nur noch den Bewohnenden der Obergeschosse zur Verfügung steht. Nun ja.

Auf dem zweiten Baufeld, westlich des neuen Platzes, schliesst eine private Entwicklung die Planungen bis 2030 ab und komplettiert damit das neue «Erdgeschoss» von Geroldswils Mitte. Natürlich schwächt das den Dorfplatz zusätzlich. Doch Michael Deplazes, amtierender Gemeindepräsident, berichtet, dass unterdessen auch Leute aus Dietikon und Spreitenbach den Weg nach Geroldswil finden. Und vielleicht ist es ja wirklich eine Chance, wenn Erreichbarkeit und Kommerz Menschen anziehen, die dann auch den Dorfplatz wieder mit Leben füllen. Die Gemeinde sieht ihre Strategie bestätigt. Immerhin, so Deplazes, erhielten sämtliche Planungsentscheide für das Zentrum über 65 Prozent Zustimmung bei der Bevölkerung. Derart ernstgenommen, zahlen die Bewohnenden etwas zurück und engagieren sich im Dialogverfahren für die Belebung des Dorfplatzes. Musikevents und Wochenmärkte sind angedacht, ebenso Veranstaltungen für Kinder mit der Gemeindebibliothek. Denn die ist jüngst in die freigewordenen Coop-Flächen eingezogen. Aktivitäten von und für Menschen aus Geroldswil, die den Dorfplatz als kulturelles Pendant zur kommerziellen High Street aufbauen und ihn so für einen nächsten – nämlich ihren – Lebenszyklus denken: Das ähnelt dem Beginn des Zentrums und macht deutlich, dass Identifikation kein Selbstläufer ist, sondern immer wieder neu erfunden werden muss. 

1 Das Richtprojekt des Zentrums Geroldswil wurde von Jakob Schilling erstellt. Gemeinsam mit Claudia Baenziger-Bensin setzte er anschliessend Hotel, Hallenbad, Saal und die PTT-Bauten um. Walter Moser zeichnete verantwortlich für das katholische Pfarreizentrum, Robert Briner für das reformierte Kirchgemeindezentrum.

2 Gemeinde Geroldswil, Bericht des Beurteilungsgremiums Gemeinde Geroldswil, 2018, S. 6–7.

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