Artikel aus 4–2026

«Zentren helfen uns zu nuancieren»

Wachstum und Freiräume in der Agglomeration kuratieren

Ariane Widmer Pham im Gespräch mit Lucia Gratz

Die Westschweizer Agglomerationen sind in den letzten zwanzig Jahren stark gewachsen. Ariane Widmer Pham erklärt als Grande Dame der Agglomerationsplanung, worauf es ankommt, um qualitativ hochwertige Räume zu schaffen.

wbw Ariane Widmer Pham, Sie haben in Lausanne-West lange die Entwicklung der Agglomerationsgemeinden begleitet und waren als Kantonsplanerin in Genf tätig. Was fasziniert Sie an den periurbanen Räumen der Westschweiz?

Ariane Widmer Pham An diesen Orten weiterzubauen, ist eine ungemeine Chance. Das habe ich in Lausanne miterlebt und auch in Genf: Der eigentliche Handlungsbedarf liegt in der Agglomeration und nicht in der Kernstadt. Dort kann etwas entstehen, das die urbane Schweiz von morgen prägt. Die Frage ist: Machen wir das gut? Werden wir diese Orte beleben und ihren Charakter bewahren? Unser Spielfeld ist die Bauzone. Mit der Innenentwicklung sind wir beschränkt in der weiteren Ausdehnung unseres städtischen Gebiets. Deshalb müssen wir die Orte der Verdichtung, aber auch die Freiräume innerhalb von diesem bereits bebauten Raum finden. Und da steckt für mich ein riesiges Potenzial drin: zu regenerieren, zu verbessern, zu requalifizieren. Es ist wirklich ein qualitatives Potenzial zum Beispiel an aggressiven Infrastrukturen – breite, verkehrsreiche Strassen, die diese Gebiete fragmentieren. Das Wachstum findet dort seit Jahrzehnten ohne übergeordnete Sicht statt, geplant wird parzellenweise.

wbw Welche Voraussetzungen sind wichtig, um in der Agglomeration städtebauliche Qualität zu erzeugen?

AWP In solchen Gebieten kann man als Kommune nicht alleine arbeiten. Es braucht Zusammenarbeit, interkommunale, interkantonale oder internationale. In Lausanne-West hatten wir alle Studien in Bereichen angesiedelt, die im Verdichtungsperimeter lagen oder die in Zukunft gut erschlossen sein sollten. Das waren auch aus strategischem Kalkül heraus durchwegs interkommunale Planungsperimeter. Wir wussten, dass wir durch diese Zusammenarbeit eine gemeinsame Kultur schaffen konnten.

wbw Was hat die Gemeinden zur Zusammenarbeit motiviert?

AWP Es gab wirklich einen Leidensdruck. Die Gemeinden im Lausanner Westen hatten Anfang der 2000er Jahre kaum Wachstum und sehr wenig Mittel – vor allem Renens, Chavannes-près-Renens und Prilly. Ausserdem hatte die hohe Luftverschmutzung ein Planungsmoratorium bewirkt. Alle haben eingesehen, dass ihnen eine Zusammenarbeit erlaubt, unglaubliche Sprünge nach vorne zu machen. So verstanden sie zum Beispiel, dass jede Gemeinde allein gegenüber dem Kanton nicht viel zu sagen hatte. Acht Gemeinden gemeinsam haben aber einen Bahnhof bekommen, eine S-Bahn-Station, ein Tram und ein weitverzweigtes Busnetz.

wbw Mobilität war ein wichtiges Thema – welche Schwerpunkte wurden noch gesetzt und was steht heute im Fokus?

AWP Das Kernthema der interkommunalen Planung war zu Beginn ganz sicher die Mobilität mit einem Schwerpunkt auf dem öffentlichen Verkehr und dem Langsamverkehr. Wir hatten vier grosse Entwicklungsgebiete. Das heisst, wir hatten eigentlich sechs sogenannte chantiers d'études, also Studienperimeter. Vier davon waren geografische Orte, zwei waren thematisch: öffentlicher Raum und Mobilität. Das war auch ein Grund, warum all diese Infrastrukturprojekte so schnell vorangekommen sind. Die S-Bahn-Station Prilly-Malley war ein projet urgent, das aus dem Agglomerations-Fonds finanziert wurde – eins der ersten überhaupt. Später kam als drittes Themenfeld Umwelt dazu. Es brauchte auch hier jemand, der bei diesen Umweltfragen eine übergeordnete Sicht einnimmt und in der Planung sensibilisiert und beschleunigt. Heute sehe ich in Genf, dass Umweltanliegen auch helfen, im öffentlichen Raum mehr Aufenthaltsqualität zu schaffen: Plätze, die teils noch gar nicht so alt sind und räumlich gut funktionieren, werden nach dem Schwammstadtprinzip überarbeitet, Böden entsiegelt, Bäume gepflanzt und Parkplätze reduziert.

wbw Der öffentliche Raum war also bereits früh ein wichtiges Thema in Lausanne-West.

AWP Ja, er stand von Beginn an im Mittelpunkt der Planung. Mit der Zeit wurde klar, dass es auch um grossflächige, interkommunale Freizeiträume geht. Man muss sich vorstellen, die Bevölkerungsentwicklung verlief rasant: Innerhalb von 20 Jahren wohnten 20 000 Menschen mehr in den acht Gemeinden des Ouest lausannois.

wbw Steigt man heute in Renens aus dem Zug, ist dort ja nicht nur ein Bahnhof, sondern man trifft auf Urbanität. Welche Rolle spielen Zentren in der Agglomerationsentwicklung?

AWP Die Identifizierung dieser Zentren mit ihrem Verdichtungs- und Transformationspotenzial stand von vornherein im Leitbild für Lausanne-West. Im polyzentrischen Modell schwächt sich der Sog der Kernstadt ab, indem man Verkehrsverbindungen und Nutzungen dezentralisiert und diversifiziert. Das heisst, die Nutzungen kommen zu den Menschen, anstatt umgekehrt, und die Zentren sollten gemischt genutzt werden. Betrachtet man den Grossraum Lausanne, wirken diese wie eigenständige Quartiere, die lebendig und identitätsstiftend sind. Für die Entwicklung von Renens war klar: Das Zentrum hat eine Geschichte und einen Bestand, mit dem man sorgfältig umgehen muss. Renens war eine eher arme Stadt, sozial ziemlich homogen. Es gibt eine Art von Gentrifizierung, von der ich denke, dass sie guttut, weil sie einen sozialen Mix in die Orte bringt. Natürlich muss das begleitet werden, da spielt die öffentliche Hand eine wichtige Rolle.

wbw Agglomerationen werden oft als chaotisch und monoton beschrieben. Wie können wir identitätsstarke Orte gestalten?

AWP Das ist die zentrale Frage. Was ich wirklich gelernt habe, ist, dass die Menschen, die in der Agglomeration leben, ihren jeweiligen Wohnort sehr lieben. Von aussen gesehen sagen wir, es sei chaotisch, und verwenden das Wort «Brei». Die Leute würden das von ihren Orten nie sagen. Nie! Selbst Einkaufszentren sind dort wichtige soziale Orte. Dem muss man grosse Bedeutung geben. Der Eindruck von Monotonie begleitet die Entwicklung der Agglomerationen schon seit den 1950er Jahren. Überall gleichen sich die Architekturen. Wenn es im Hintergrund nicht eine Berglandschaft hätte oder einen See, wüssten wir nicht, wo wir sind. Sie wirken auswechselbar, und das darf nicht sein. Das neue Paradigma des Weiterbauens am Bestand kann uns helfen, bessere Lösungen zu finden. Diese «chaotischen», diese heterogenen Orte haben ein Gestaltungspotenzial, das unbedingt ausgeschöpft werden soll. Wir müssen der Agglomeration nicht nur architektonisch eine Gestalt geben, nicht nur städtebaulich, sondern wirklich räumlich im Sinn von figures territoriales et urbaines.

wbw Welche Bedeutung kommt dabei den Zentren zu?

AWP Schaut man die grossen periurbanen Räume an, dann hilft uns die Idee der Zentren natürlich auch zu nuancieren. Es ist unsere Rolle als Planende, den Orten Urbanität zu verleihen, wo bereits urban gelebt wird. Sie dürfen dichter werden, andere sollen wir bloss nicht antasten. Sie sollen unbebaut bleiben oder kleinmassstäblich weitergebaut werden. In diesen netzartigen territorialen Figuren steckt ein sehr grosses räumliches Requalifizierungspotenzial. Eine Agglomeration ist ja eben nicht eine Stadt, die vom Kern her immer mehr nach aussen gewachsen ist. Das ist überhaupt nicht ihr Thema.

wbw Wie muss man sich das konkret vorstellen – können Sie ein Beispiel nennen? Schliesslich lastet auf diesen Wachstumsschwerpunkten ein hoher Druck von Anforderungen.

AWP In der Vorbereitung des Wettbewerbs zum Bahnhof Renens dachten wir erst, dass es nur um eine Gestaltung des öffentlichen Raums geht. Wir waren von zwei schönen Plätzen auf der Nord- und der Südseite und einer Überbrückung der Gleise mit einer Passerelle ausgegangen. Die Verbindung zweier Stadtteile war das zentrale Thema. Nach und nach waren neben den vier dortigen Gemeinden und dem Kanton auch die SBB sowie der Verkehrsverbund Lausanne dabei. Speziell an diesem Bahnhof ist seine Funktion als Pforte zum Hochschulgelände der EPFL und der UNIL in Ecublens. Heute spielt er eine wichtige Rolle für die ganze Westschweiz. Natürlich wollten wir, dass die verbesserte Infrastruktur zur Verdichtung führt und diese auch auf SBB--Boden stattfindet. So wurde auch eine Mehrwertabschöpfung vereinbart – und es gab grosse Einigkeit darüber, dass es eine Nutzungsmischung braucht.

wbw Welche Bedeutung haben die Erdgeschosse, wenn es um die urbane Qualität des öffentlichen Raums geht?

AWP In der Planung von Zentren ist die Abstimmung der Erdgeschossnutzungen mit dem Freiraum essenziell. Neben Renens hat der öffentliche Raum auch im Wettbewerb um den Bahnhof Malley eine wesentliche Rolle gespielt. Wenn man heute aus diesen Bahnhöfen in die neuen Quartiere kommt, ist die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum gelungen. Fundamental dabei sind dessen Gestalt und die Art, wie er durch bestehende oder eben neue Bauten gehalten und durch die Erdgeschossnutzungen belebt wird. Seitdem ich in Genf arbeite, verstehe ich auch, wie viel Gutes eine grössere Dichte für die Stadt bewirkt. Erst sie bringt Menschen in den städtischen Raum und erlaubt öffentliche und kommerzielle Nutzungen im Erdgeschoss, die auch wirklich funktionieren.

wbw Wie findet man die richtige Dichte?

AWP Für mich ist die Testplanung nach wie vor das wirksamste Instrument, um Orte kennenzulernen und auszuloten, was dort möglich ist. Man merkt sofort, wenn es kippt, wenn es zu dicht wird – und auch, ob die Einbindung in den Kontext stimmt. Natürlich ist hier wichtig, dass die Gemeinden aktiv beteiligt sind und man die Menschen so breit wie möglich im Planungsprozess mitnimmt.

wbw Welche Rolle spielt Partizipation in diesen Transformationsprozessen?

AWP Sie ist unumgänglich. Es ist der beste Weg, um herauszufinden, was in einem Quartier fehlt. Auch wegen der hohen Wohndichte fehlt es im Grossraum Genf etwa oft an öffentlichen Infrastrukturen, an Schulen, aber auch an Vereinslokalen. Die Nachfrage nach Freiräumen und Grünflächen ist gross. Partizipation ist aber auch für die Akzeptanz von Projekten wichtig. Man kann nicht einfach ein neues Nachbarhaus auftischen, ohne mit der Nachbarschaft gesprochen zu haben. Grundsätzlich haben die Menschen Angst vor Veränderung. Wenn man Teil des Prozesses werden kann, wird es erträglicher, oft auch verständlicher. Was mir am Partizipativen auch gefällt, ist, dass es das Kollektiv stärkt. Durch Beteiligungsprozesse sind die Chancen höher, dass die Menschen einen gemeinsamen Weg einschlagen und daraus ein Plus entsteht, etwa durch passende öffentliche Räume oder durch Nutzungen, die allen zugutekommen.

wbw Können Sie für diese Themen ein Beispiel aus dem Kanton Genf nennen?

AWP Ein interessantes Planungsgebiet ist das Zentrum von Chêne-Bourg mit einer S-Bahn-Station des Léman Express. Das ist ein sehr heterogener Ort mit einem enormen Bedarf an strukturierenden und aufwertenden öffentlichen Räumen. Es gibt viel Bestand, an dem weitergebaut werden kann. Re-use-Projekte würden sich für die Transformation deshalb anbieten. Ich sehe darin ein grosses kreatives Potenzial mit vielfältigen gestalterischen Möglichkeiten. Dafür müssen wir aber erst verstehen, wo heutige Baugesetze und Vorgaben nicht stimmen, um uns dafür einzusetzen, dass andere Typologien überhaupt möglich werden.

wbw Ein aktuelles Phänomen sind kleinere Städte wie etwa Bulle ohne Nähe zu einer Metropole, die wachsen und zu Agglomerationsorten werden. Was ist Ihre Einschätzung dazu?

AWP Es gibt viele Bulles in der Schweiz. Man guckt da nicht so hin, weil sie eben nicht so gross sind wie die Zürcher Agglomeration oder die von Lausanne. Bulle ist eigentlich ein Städtchen – und was schafft man da drumherum? Wie und mit wem macht man das? Wer heute die Stadt weiterbaut, hat eine grosse Verantwortung, solche Entwicklungen gut zu begleiten. Es ist eine schwierige Aufgabe, besonders für kleinere Gemeinden. Die Suche nach kohärenten Antworten muss im Dialog über Gemeindegrenzen hinweg stattfinden. Es braucht qualitative Prozesse mit innovativen Pilotprojekten. Es ist sicher nicht der richtige Weg, die urbanen Modelle einfach auf kleinere Agglomerationen wie den Raum Bulle zu übertragen. Wir müssen eine fundierte Haltung entwickeln, wie man solche Orte in der Transformation begleitet und wohin man sie steuern will. 

Ariane Widmer Pham (1959) ist Architektin und Stadtplanerin. Sie leitete 2003 – 19 mit dem Büro SDOL die Entwicklung in Lausanne-West. 2019 – 25 war sie Kantonsplanerin in Genf und ist heute selbstständige Beraterin.

Weiterlesen ohne Abo:

Mit tiun erhälst du unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte des werk, bauen + wohnen. Dabei zahlst du nur so lange du liest – ganz ohne Abo.

Anzeige

Mehr Artikel