Antje Stahl
“Das Honorar ist so niedrig, ich konnte nicht widerstehen.”
Neulich in meinem Postfach eine Anfrage von werk, bauen + wohnen: «Hätten Sie Lust, Zeit und Mut für eine satirische Glosse über den Berufsstand der Architektinnen und Architekten?» Ich dachte: Klar, warum nicht – fragte mich nur, warum dafür bitte schön Mut vonnöten sein soll. Die Antwort des Redaktors folgte prompt: Einen lustigen Text zu schreiben sei ja schon schwer genug. Aber Architekturschaffenden den Spiegel vorhalten – «bissig, aber nicht böse», eher «eulenspiegelig» – das sei ein «Experiment, das auch scheitern kann». Ich musste lachen. «Lieber Redaktor», antwortete ich, «Ihre Anfrage ist bereits die perfekte Glosse.» Er schrieb zurück: «Ihr Interesse freut mich.» Ich wusste: Er und ich teilen nicht denselben Humor. Sonst hätte er verstanden, wie lustig es ist, einen unerfüllbaren Auftrag zu vergeben.
Nun sitze ich trotzdem am Laptop. Warum? Das Honorar ist so niedrig, ich konnte nicht widerstehen. Klingt das zynisch? Zynismus ist ja eine Spielart des Humors, im Gegensatz zur Ironie fehlt ihm nur die romantische Hoffnung. Die Zynikerin glaubt nicht daran, in einer Feststellung könne sich ihr Gegenteil verstecken, ihr fehlt das Gute im Blick auf die Welt. Aber brauchen wir das nicht?
Tags darauf frage ich die Google-KI: Warum verstehen sich Humor und Architektur so schlecht? Die Antwort war ganz schlau: Weil Humor nie von Bestand ist, Architektur aber schon. Bezogen auf dieses Heft bedeutet das wohl: Ein Kamin mit einer erschrockenen Fresse bringt dich beim ersten Mal zum Schmunzeln. Beim zweiten Mal willst du ihn mit dem Vorschlaghammer zertrümmern. Gute Witze sind also wie Fürze: Sie müssen sich sofort verziehen. Erklären oder wiederholen führt ins Verderben. So einfach ist das Fazit. Oder nicht?
Vielleicht meint die KI mit «Bestand» aber auch die alten Gebäude, um die heute so erbittert gekämpft wird. Während die Immobilienbranche abreisst, um Rendite aus neuem Beton zu schlagen, versuchen Architektinnen und Architekten zu retten, was zu retten ist – für das Klima und die Tradition. Betrachtet man die KI-Antwort unter Berücksichtigung dieses Sachverhalts, ergäbe sich wenigstens eine schöne Utopie: Muss «Weil Humor nie von Bestand ist, Architektur aber schon» doch bedeuten, der Ersatzneubau wird restlos gestrichen. Lang lebe die bestehende Architektur!
Bleibt nur die Frage, welcher Bestand sich besser mit dem Humor verträgt als, sagen wir, der der Postmoderne? Ich frage Freunde, was sie an Architektur zum Lachen bringt. «Unfälle», sagen viele. Architekturschaffende lachen darüber seltener, erwidere ich. Gebrochene Knochen sind der beste Beweis für gescheiterte Entwürfe. Dann spielt mir Instagram ein Video von Kanye West (heutzutage nur noch Ye) und Jacques Herzog in den Feed. «I’m absolutely fucking serious», schreit der Rapper über einen Konferenztisch. «I’m absolutely out of my mind too. But I’m absolutely fucking serious at the same time. And it takes that kind of personality to change everything. I am Picasso!» Schnitt auf Jacques Herzog: Er sitzt da, der Mund steht offen, der Blick schweift hilfesuchend in die Runde. West legt nach: «What are you guy’s feelings? What are you feeling? Not what are you thinking? What are you feeling? And when was the last time you actually had a feeling? Cause I can feel that you feel something.» Allgemeines Schweigen. Die damalige HdeM-Partnerin Esther Zumsteg springt ein, formuliert händeringend eine einfühlsame Antwort, um den prominenten Kunden nicht zu verprellen. Doch ihre Mundwinkel zucken. Ich unterstelle ihr deshalb: Sie hätte am liebsten laut losgelacht. Sind es am Ende doch die unerfüllbaren Wünsche und Aufträge – die Mission Impossible –, über die wir in Tränen ausbrechen.
Antje Stahl (1981) arbeitet als Autorin in Berlin und Zürich. Für ihre Beiträge über Architektur und Kunst wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Im vergangenen Jahr feierte sie mit der Fernsehsendung «Longreads mit Helene Hegemann» (ARD) zudem ihr Regiedebüt.
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