Artikel aus 5–2026

Mit anachronistischem Witz

Erweiterung des New College in Oxford von David Kohn Architects

Ros Diamond, Max Creasy (Bilder)

In die Bildung wird in Oxfords massiv investiert. Nun gibt es in der Stadt einen neuen Hochschulbau. Er nimmt Motive der pittoresken ­Architektur der Stadt auf.

Wer durch die Strassen von Oxford schlendert, spürt die Präsenz der Universität, denn sie nimmt einen Grossteil des Stadtzentrums ein. Die 38 autonomen Colleges, die im Laufe der Jahrhunderte entstanden sind, beeindrucken durch die vereinigende Wirkung ihrer Kalksteinfassaden und die Vielfalt an Gebäuden. Unerwartete Überraschungen entstehen durch das Gegenüber von Gebäuden unterschiedlicher Formen und Stile. Diese Gestaltung episodischer Ansichten beschrieb Kunsthistoriker Nikolaus Pevsner einst in einer Reihe von Spaziergängen in Visual Planning and the Picturesque.1 Der Architekt David Kohn entdeckte diese, als er am Entwurf für das New College sass. Er fand Gefallen an den vergnüglichen und unerwarteten Begegnungen in der Kakophonie der Kleinstadt. Denn neben der monumentalen Präsenz der Universität zeigt sich in Oxford auch viel Hässliches und Banales, das man mit dem britischen Humor des Absurden in Verbindung bringen kann. Diese Erfahrungen stehen auch den Stadtansichten Pate, die der Architekt Sebastiano Serlio als Theaterkulissen2 entwarf und auf die sich Kohn ebenfalls bezieht. Von Serlios drei Bühnenbildern stellt die komische Szene eine Stadt voller Asymmetrien dar. Die Stadtansicht zeigt «eine chaotische Ansammlung von Gebäuden, die den Launen des Zufalls unterworfen sind».3 Für Kohns Entwurfsverständnis sind solche städtischen Erlebnisse zentral: «Manche Situationen bringen einen dazu, laut zu lachen, nicht aus Ver-achtung, sondern aus Solidarität mit dem atemberaubend Unerwarteten und der Originalität von Situationen, die unter den gegebenen Umständen dennoch völlig normal sind.»4

Hofgevierte sind von Bauten umschlossen

Die einheitliche Morphologie der Quadrangles, der viereckigen Innenhöfe der Universität Oxford, ist von den Strassen aus weitgehend unsichtbar. Sie haben sich seit dem späten 14. Jahrhundert entwickelt, als die selbstverwalteten Colleges dieses Format übernahmen. Das New College lag ursprünglich im nordöstlichen Abschnitt der alten Stadtmauer Oxfords. Es war das erste College, das planmässig einen Innenhof errichtete, umgeben von Bauten: Halle, Kapelle, Bibliothek, Tor-Turm und Wohnräume – alle in einem zusammenhängenden Gebilde.

Es war auch das erste College, bei dem sich im späten 17. Jahrhundert ein dreiseitiger Innenhof zum Garten hin öffnete. Als die Colleges expandierten, fügten sie weitere Innenhöfe hinzu, die durch Torbögen miteinander verbunden waren. Ihre Anordnung und Form unterstützten die Hierarchie, im Gegensatz zu den unvorhersehbaren Erfahrungen ausserhalb der Hofmauern der Colleges.

Autonom und kontextuell zugleich

Das New College hat kürzlich ein weiteres Grundstück in einem vorstädtischen Gebiet erschlossen, nur wenige Gehminuten nördlich seines ursprünglichen Standorts, um mehr Studierende unterzubringen. Die sogenannten Gradel Quadrangles von David Kohn Architects umfassen eine auffällige Gruppe von Gebäuden: ein einstöckiges Torhaus mit einem überdimensionalen klassischen Eingangsbogen, einen geschwungenen dreiflügeligen Turm mit Fenstern unterschiedlicher Formen, darunter sechseckige, die an Melnikovs Haus in Moskau erinnern, und einen geschwungenen, dreistöckigen, offen gestalteten Block, mit cremefarbenen Kalk- und pinkfarbenen Sandsteinen verkleidet. Die Architektur der einzelnen Gebäude ist auf angenehme Weise schwer zu definieren, unterscheidet sich von ihrer Umgebung und fügt sich dennoch in den Kontext ein. Durch das Unterbringen einer grossen Anzahl von Studierendenwohnungen und weiterer Funktionen auf dem Gelände wurde der Hoftyp aufgebrochen. So konzentriert sich das Ensemble nun auf das College, bleibt aber auch durchlässig und zur Stadt hin offen. Es gibt italienische Barockkirchen, die etwas Ähnliches bewirken, indem sie autonom und kontextbezogen entworfen sind.

Alte Bäume und Gebäude einbeziehen

Das College wünschte sich ein Gebäude als geschlossenes Hofgeviert, doch der Standort stellte komplexe Anforderungen. Kohn nutzte diese, um eine formenreiche Architektur zu schaffen und dabei die Hoftypologie zu verändern. Als Teil eines Vororts aus dem 19. Jahrhundert mit grossen viktorianischen Villen und Gärten, wollte er den offenen Charakter mit seinen geschützten, alten Bäumen ebenso wie zwei bestehende Arts-and-Crafts-Häuser erhalten. Kohn hat die Planung des Projekts zur Erfüllung der Vorgaben selbst als «Verrenkung» bezeichnet.

Der Lageplan geht von der Landschaft aus, in der der Boden als fliessende Ebene behandelt wird. Die Innenhöfe sind Teil eines verspielt mäandrierenden Gartens, in dem ovale Pflastersteine durch die Torbögen des Gebäudes fliessen. Diese Informalität suggeriert eine entspannte College-Gemeinschaft. Das dreiflügelige, geschwungene Gebäude beherbergt 94 Studierendenzimmer sowie Gemeinschaftsküchen, einen gemeinsamen Studienraum und einen Veranstaltungssaal. Sein westlicher Flügel ist in der Mitte geteilt und beherbergt Unterrichtsräume, eine Aula und einen Speisesaal für die angrenzende New College School. Der Turm verfügt im unteren Bereich über Studierendenzimmer, darüber liegen Büros für das Gradel Institute of Charity.

Ständig veränderndes Raumerlebnis

Ausgehend vom Torhaus mit seinem Rundbogen und dem schräg angeordneten Eingang fügen sich die neuen Gebäude szenografisch in die bestehenden Gebäude und die Landschaft ein. Die unregelmässigen Kurven schaffen stets wechselnde Ansichten von jedem Standpunkt aus, was zu einem sich ständig verändernden Erlebnis der Gebäude und Freiräume führt. Kohn zitiert dazu Denise Scott-Browns Idee der «der Landschaft innewohnenden Fähigkeit, Heterogenität zu unterstützen»5 und stellt dabei das Zufällige in den Vordergrund. Die Mehrdeutigkeit unterscheidet ihn von der starren Abfolge der geschlossenen Quadrangles. Das geschwungene Studentenwohnheim mit einem hufeisenförmigen Innenhof erinnert an den seitlich offenen Gartenhof des historischen New College, übernimmt jedoch hier die Informalität von seiner gewachsenen Umgebung. Seine unregelmässig abgerundeten Flügel bilden auf beiden Seiten wiederum offene Höfe mit den angrenzenden Gebäuden: im Westen zur New College School und im Osten zum Savile House, das im im Arts-and-Crafts-Stil erbaut ist. Dies vereint sie zu einem Ensemble entlang der nördlichen Grenze samt Zugang zu den Überresten der Befestigungsanlagen (1642 – 49) aus dem Bürgerkrieg.

Die einzigartige geschwungene Dachkonstruktion aus Brettschichtholz, unter dem sich Studierendenzimmer und Klassenräume befinden, ist mit eloxierten polygonalen Aluminiumplättchen eingedeckt. Das Dach schwingt sich spielerisch zu geschwungenen Giebelfassaden auf, eine kontextbezogene Antwort auf die benachbarten Steildächer. Der Gesamteindruck ist eine Art moderner Barock, der sich auch im Grundriss in Form und Lage der Wendeltreppen sowie im Netzwerk aus Foyer und Erschliessungsflächen rund um den Musiksaal im Kellergeschoss widerspiegelt. Es ist erfrischend, ein britisches Projekt zu sehen, bei dem die Architektur nicht aus der ausdrucksstarken Gestaltung der Fassade hervorgeht, sondern aus organischen Gebäudeformen abgeleitet ist, die sich durch die Innenraumgestaltung ziehen.

Die Gebäude sind auch in ihrer vielschichtigen Komposition und ihren Details szenografisch gestaltet. Der implizite Klassizismus des Torhauses, der rosafarbene Stein und das grosse, runde Gitter erinnern an architektonische Details in Werken der Architekten Edwin Lutyens und James Stirling, die in ihren Kompositionen beide auch freie Geister waren. Die bunten Fassaden des Innenhofs und des Turms knüpfen an William Butterfields radikale, mit Bändern verzierte Backsteinfassaden des nahe gelegenen Keble College an. Die dekorative Komplexität ergibt sich aus den geschwungenen Fassaden, überlagert von Anspielungen auf frühere Bauwerke und einigen kunstvoll übertriebenen Details. Rautenförmige Kalksteinplatten folgen sanft den geschwungenen Formen der Fassaden. Kontrastierende rosa Sandsteinsockel und übertriebene, sägezahnförmige Traufbänder betonen spielerisch die geschwungenen Dächer. An den Turmfassaden verwandeln sich bündige Sandsteinvertikale ironischerweise in flache Strebepfeiler, die an die frühen Gebäude des New College erinnern.

Anleihen an mittelalterlichen­ ­Steinmetztraditionen

Die Gradel Quadrangles sind auf erfrischende Weise fremdartig und vertraut zugleich. Sie sind belebt durch einen verspielten Historismus, der bereits in Kohns Gebäuden im Design District (vgl. wbw 4 — 2022, S. 6 – 14) zu erkennen war: Dort erinnerte die kühne Verwendung von Farben und Mustern an verzierte Palazzi oder Zunfthäuser. Auf den Verkleidungen ragt eine Reihe von Steingrotesken und Wasserspeiern entlang der Brüstungen der Neubauten als einzige hervorstehende Verzierung hervor. Deren Entsprechungen an den Gründungsbauten des New College waren mythische oder symbolische Kreaturen. In Zusammenarbeit mit der britischen Künstlerin Monster Chetwynd hat Kohn die mittelalterliche Steinmetztradition des New College mit anachronistischem Witz an eine zeitgenössische Botschaft über gefährdete Arten angepasst – darunter das Schuppentier (Pangolin) und der dem Maulwurf ähnliche Goldmull. Es sind Details, die zum Nachdenken anregen. Mit Humor als Provokation werden die Regeln und aktuellen Realitäten des New College offenbart und die Architektur auf unkonventionelle Weise in einen Kontext gestellt.

Ros Diamond führt seit 1991 das Büro Diamond Architects in London und ist Korrespondentin von werk, bauen + wohnen.

Aus dem Englischen, bearbeitet von Roland Züger Originaltext

1 Nikolaus Pevsner, Visual Planning and the Picturesque, hg. Matthew Aitchison, Los Angeles 2010. Es wurde in den 1940er Jahren geschrieben, aber erst 2010 veröffentlicht.
2 Sebastiano Serlio, Il sette libri dell’ architettura, 1537 – 75. Im zweiten Buch von 1545 erscheinen die drei Theaterprospekte.
3 Aus der Vorlesungsbeschreibung «Comic City» von David Kohn, gehalten an der Kingston University 2013.
4 David Kohn, «Perceiving Postmodernism: Learning from London’s Marshlands» in: AD 269, New Jersey 2021, S. 98.
5 David Kohn, «Perceiving Postmodernism», wie Anm. 4, S. 98.

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