Marc Loeliger und Barbara Strub im Gespräch mit Jasmin Kunst und Christoph Ramisch
Pink, grün und blau statt grau: Die Bauten von Loeliger Strub sind wohltuend, beschwingt und oft beweglich. Wir sprachen mit dem Duo über das Finden von Freiheiten und die erzählerische Kraft der Architektur.
wbw Soll Architektur humorvoll oder gar lustig sein?
Marc Loeliger «Lustig» finden wir keinen guten Begriff. Wir wollen Häuser machen, die brauchbar sind und Freude machen. Freudvolle Momente machen Architektur nahbar.
Barbara Strub Und das hilft uns auch im Berufsalltag. Planungsprozesse sind heute unendlich lang und komplex. Da sind Momente des Schmunzelns oder der Ironie fast schon überlebenswichtig.
wbw Kann man den Spass an der Arbeit erlernen?
Strub Das Studium an der ETH Zürich hat mir oft das Gefühl vermittelt, dass man beim Entwerfen schnell Fehler machen kann. Erst mit der Zeit sind unsere Projekte lustvoller geworden. Man wird entspannter, vielleicht hat das mit dem Alter zu tun und dem Wissen, in welchen Situationen was möglich ist. Viele Dinge nehmen wir sehr ernst. Wir gehen Fragestellungen sehr analytisch und konstruktiv an – nehmen Dinge hundertmal auseinander und setzen sie wieder zusammen. Dass es dabei auch eine erzählerische, spielerische Komponente gibt, einen poetischen roten Faden, an dem man sich durch den Planungsprozess hangeln kann, das ist für alle Beteiligten bereichernd.
wbw Eure frühen Projekte wirken noch sehr zurückhaltend.
Strub Wir haben in den 1990ern studiert, der Blütezeit des Minimalismus.
Loeliger Stimmt, ein frühes Einfamilienhaus in Zollikon (2000) wirkt fast modernistisch. Wir haben darin eine doppelte Treppe mit entgegengesetzten Läufen vorgeschlagen. Der eine ist eigentlich nicht notwendig. Aber er erlaubt, das Haus auf unterschiedliche Arten zu durchschreiten und wahrzunehmen. Es brauchte dafür viele Gespräche mit der Auftraggeberschaft, aber heute ist die Doppeltreppe ein Element, das das Haus total bereichert.
wbw Zunächst habt ihr euch spielerische Elemente erlaubt. Später wurden die ganzen Häuser reichhaltig. Wie kam das?
Strub Ein Schlüsselerlebnis für mich war der Besuch der Villa Mairea von Alvar Aalto. Die hat mir gezeigt, wie viel Freiheit darin steckt, wenn man sich von der abstrakten Kiste wegbewegt und den einzelnen Elementen zuwendet. Das Haus ist zusammengesetzt, und das sieht man auch. Jede Fuge ist eine Chance. Jede Verbindung kann etwas sein. Im Minimalismus ging es um das Unsichtbarmachen. Das braucht eine Wahnsinnsenergie und es kann nie perfekt sein. Da reicht eine Kittfuge und das ganze minimalistische Kartenhaus stürzt zusammen.
Loeliger Ich habe bei Peter Zumthor lange an der Therme Vals gearbeitet. Ich finde es immer noch ein unglaubliches Haus, aber es wurde ein riesiger Aufwand betrieben, um auf ein abstraktes Bild hinzuarbeiten. Auch für mich war es eine Entdeckung, dass das Zusammensetzen von Elementen jedes Mal eine Chance ist. Leute sagen uns, wir zeichnen so viele Details. Aber bei jedem Haus ist für alle immer eine Unzahl von Details zu lösen. Wir versuchen, aus den Orten, wo Dinge zusammenkommen, etwas Besonderes zu machen. Ich finde es relevant, Häuser verständlich zu machen, auch für Nicht-Architektinnen und -architekten.
wbw Eure Gestaltungslust ist also ein Akt der Emanzipation?
Loeliger Der Minimalismus ist von den Investoren dankbar aufgenommen worden; es ist zum Beispiel günstiger, immer das gleiche Fenster zu wiederholen. Das hat zu einer Banalisierung der Architektur geführt. Elaborierter Minimalismus mündete mit der Zeit in Gestaltungsarmut. Man braucht sich ja bloss umzuschauen. Der Gestaltungsspielraum wird kleiner. Dem muss man etwas entgegensetzen. Sonst macht es keinen Spass mehr.
wbw Wie findet ihr in diesem engen Korsett entwerferische Freiheiten?
Loeliger Das ist eben das Schwierige. Vielleicht treiben wir uns da gegenseitig an. Gerade arbeiten wir an einem Wettbewerb für sieben Wohnhäuser für einen Investor. Die nennen wir die Plejaden, nach einem Sternhaufen, benannt nach sieben Nymphen aus der griechischen Mythologie. Wir geben Häusern gerne Namen und machen daraus eine Geschichte. Das hilft, freier an Entwürfe heranzugehen als nur über Raumprogramme und Quadratmeterzahlen.
Strub Wir suchen ständig nach Rissen; Spalten in einer Felswand, wo man reinhauen kann.
wbw Was wäre denn ein solcher Riss?
Strub Das kann etwas ganz Banales sein. Bei den Wohnhäusern in Cham war es zum Beispiel eine abgehängte Decke, die es wegen der Lüftung brauchte.
Loeliger Wir entwarfen zweiseitig orientierte Wohnräume. Aus der Abhangdecke im Zentrum entwickelten wir eine aneigenbare Mittelzone. An den Wänden hat es Dreischichtplatten mit Rillen, in die die Bewohnenden Gestellplatten oder einen Tisch hineinschieben können. Man kann den Bereich auch mit einem Vorhang abtrennen, dem Wohn- oder Essraum zuordnen oder sogar einen geschlossenen Raum als Gästezimmer daraus machen.
wbw Gibt es bei der Entwicklung dieser Themen eine feste Rollenverteilung?
Loeliger Nein. Wir diskutieren jedes Projekt wöchentlich gemeinsam mit den Teams. Barbara ist dabei vielleicht eher der Sand im Getriebe; diejenige, die öfters nachbohrt. Ich bin wahrscheinlich etwas schneller zufrieden.
Strub Du bist dafür der, der ein weisses Blatt Papier schneller bekritzeln kann. Das entspannt mich total. Dann kann ich reagieren. Vielleicht ist es eher so: Du startest etwas, dann steige ich ein. Und dann geht es mit Fragen und Assoziationen hin und her, wie im Pingpong.
Loeliger Manchmal sprechen wir über ein Detail und plötzlich kommt die Frage auf: Hätten wir das Haus nicht spiegeln müssen? Oft arbeiten wir also nicht phasengerecht. Das ist für die Projektleitenden manchmal anstrengend.
Strub Aber man merkt, was für ein Potenzial in den ganz kleinen Fragen steckt.
wbw Auch das Potenzial für mehr Freude?
Strub Ja. Für dieses Aufladen mit Geschichten, Referenzen und dieses Augenzwinkern war zum Beispiel das Hohe Haus West ein wichtiges Projekt. Wir arbeiten gerne mit Überschneidungen, kombinieren Dinge, die eigentlich nicht zusammenpassen. So entwickelten wir etwa die «Küchen-Veranda». Vorbild dafür war einerseits die traditionelle Rauchküche. Die ist etwas total Introvertiertes, Lichtloses, Zurückgezogenes. Diese überlagern wir mit der Veranda: etwas Offenes, Luftiges. Daraus entstanden ist eine Küche, die mit ganz elementaren Wohnerfahrungen vom geborgenen Drinnensein und befreiten Draussensein spielt.
wbw Das Haus hat damals Aufsehen erregt. Viele waren überrascht und angetan von den auffälligen Farben, dem Material, der Opulenz.
Loeliger Wir hatten anfangs das Gefühl, es sei ein ziemlich gediegenes, kontrolliertes Haus. Das wollten wir aufbrechen.
Strub Beim Entwurf der Dachterrasse tat sich eine ganz andere Welt auf – weg mit den Nadelstreifen, hin zum Sonnenbaden an der Copacabana. Ein Feuerwerk von Sehnsuchts- und Erinnerungsbildern wurde wach: von Barragáns Pferdeschwimmbad, David Hockneys Swimmingpools, Ozeandampfern über Lina Bo Bardis Restaurant Casa Coati bis hin zum Sonnenuntergang auf den Torres Blancas in Madrid.
Loeliger Ein anderes Moment, bei dem wir uns die Freiheit genommen haben, es mit Humor anzugehen, war das Treppenhaus. In einem Hochhaus ist das oft kein gestalteter Ort, er dient vor allem der Feuerwehr. Also haben wir es so einfach wie möglich betoniert. Nun ist es voller Kiesnester, Rostspuren und Bleistiftbeschriftungen. Markus Wetzel, ein befreundeter Künstler, hat mit dem gesparten Geld alle Fehler im Beton mit einer Spraydose betonfarben kaschiert. Oder – je nach Betrachtungsweise – markiert und so zur Kunst am Bau umgedeutet. Der Beton erzählt so viele Geschichten.
wbw Ist es Ironie, vermeintliche Fehler zu betonen?
Strub Ja, und es geht auch darum, eine neue Sichtweise zu etablieren; vermeintliche Fehler mit anderen Augen zu sehen. Dieses Moment lebt aber auch davon, dass vieles im Fluchttreppenhaus sehr kontrolliert ist, wie die Lampen oder das feuerwehrrot gestrichene und nahtlos verschweisste Geländer.
wbw Ein Motiv, das in euren Projekten immer wieder auftaucht, sind bewegliche Elemente. Was können diese?
Strub Uns reizt das Spielerische und das Mehrdeutige. Ein schönes Beispiel dafür ist ein Ferienhaus in den Urner Bergen, das wir quasi auf der grünen Bergwiese entwickelt haben. Wenn niemand da ist, ist das Haus zugeklappt. Durch die Tannenbretter erscheint es als einfacher Stall. Wenn jemand da ist, wird es zum Rundumsolarium. Man kann das Haus umlaufend öffnen und es auf die Plattformen nach aussen vergrössern.
Loeliger Auch im Innern gibt es Schiebetüren. Dank ihnen sind unterschiedliche Raumkonstellationen möglich. Der sommerliche Einraum kann in winterliche Raumkammern unterteilt werden, die man nach und nach aufheizen kann. Es geht nicht nur um das Spielerische, es geht auch darum, ein Haus verändern zu können.
Strub Und darum, die Bewohnenden zu aktivieren. Um das Haus zu öffnen, braucht es Muskelkraft, es geht nicht einfach auf Knopfdruck. Das Klappen, das Ziehen hat etwas Widerständiges, es führt zu einer Selbstermächtigung.
wbw Ist Aktivierung und Gestaltung irgendwann auch zu viel?
Loeliger Wir versuchen, die Sicht der Bewohnenden immer im Blick zu behalten. Beim Roten Kamm haben wir das Haus eng mit der Besitzerin, die jetzt dort wohnt, entwickelt. Es hat Schiebewände und Klappelemente, mit denen unterschiedliche Räumlichkeiten eingestellt werden können. Wir haben viele Modelle gebaut und sie hat gute und kritische Fragen gestellt. Manchmal hatte ich aber Bedenken: Weiss sie, was sie hier bekommt? Wird sie sich wohlfühlen? Vor eines der Klappelemente in der Küche hat sie jetzt eine Kommode gestellt, das finde ich überhaupt kein Problem. Bewegliche Elemente heissen nicht, dass man alles jeden Tag hin- und herschieben muss. Das Haus ist zum Aneignen da.
wbw Was gefällt den Menschen an euren Häusern?
Strub Das müsstet ihr sie eigentlich selber fragen. Wir bekommen oft ein positives Feedback auf unseren lustvollen Umgang mit Farben, Materialen und den Detailreichtum. Selbst in einem minimalen Treppenhaus wie im Wohnhaus an der Waffenplatzstrasse gibt es bei den Schwellen zwischen dem Privaten und dem Gemeinsamen viel zu entdecken. Kleine Bullaugen ermöglichen Einblicke in jede Wohnung. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben diese Öffnungen in persönliche Vitrinen verwandelt. Fast alle haben einen eigenen Gegenstand platziert – als subtile Form der Kontrolle über den Einblick und zugleich als Möglichkeit, ihre Wohnung nach aussen zu individualisieren.
wbw Wie überzeugt ihr Bauherrschaften von euren reichhaltigen Entwürfen?
Strub Modelle sind dafür gute Hilfsmittel. Und auch Auftraggeberschaften sind von Geschichten angeregt, die man über die Häuser erzählt. Bei allen löst das Bilder und Erinnerungen aus.
Loeliger Und wir machen das Spielerische nicht auf jeder Ebene. Die meisten Bauten basieren auf rationalen, klaren Strukturen. Wir suchen Möglichkeiten, uns daraus wieder zu befreien. In Cham sind im regelmässigen Raster des Holzbaus polygonale, skulpturale Treppenhäuser eingefügt. An den Nahtstellen entstehen überraschende räumliche Situationen. Wir haben nicht das Gefühl, dass wir Sachen erfinden oder hinzufügen, sondern dass wir aus dem, was es sowieso braucht, etwas Besonderes machen.
Strub Ich glaube, das Rationale und das Spielerische müssen verknüpft sein. Sonst wird es Kitsch. Wir arbeiten mit Ornamenten, nicht mit Dekoration. Eine Schraube kann ganz unterschiedlich aussehen, aber ganz ohne Schraube geht’s eben nicht.
Marc Loeliger ist Mitgründer von Loeliger Strub Architektur in Zürich (1999). Nach dem Diplom an der ETH Zürich bei Flora Ruchat (1991) arbeitete er bei Meili Peter, bei Betrix & Consolascio sowie bei Peter Zumthor. Seit 2005 ist er Dozent am Institut für Konstruktives Entwerfen der ZHAW Winterthur.
Barbara Strub ist Mitgründerin von Loeliger Strub Architektur in Zürich (1999). Nach dem Diplom an der ETH Zürich bei Hans Kolhoff (1991) arbeitete sie bei Bétrix & Consolascio. Danach war sie Mitbegründerin des Büros H2S mit Regula Harder und Jürg Spreyermann (1994 – 98).
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