Lera Samovich
Sie sind kleine Momente, die uns im Architekturalltag zum Schmunzeln bringen. Humorvolle Störungen widersetzen sich den Regeln und lösen so manche Probleme.
Im Obergeschoss der Fassade der Myers Residence in Toronto von Jack Diamond & Barton Myers (1970) steckt eine gelb gestrichene Tür zwischen zwei raumhohen Fensterscheiben. Das helle Element scheint versehentlich dort gelandet zu sein. Es gibt keinen Balkon, auf den man hinaustreten könnte. Dennoch hat die scheinbar sinnlose Tür sogar mehrere Funktionen – innen verbirgt sie Stauraum und sorgt für Belüftung. Aussen lockert sie die strenge Komposition der Fassade. Sie sorgt für einen Moment der Irritation – verändert so den Ausdruck des Hauses und verwandelt die rationale Fassade durch sinnvollen Überfluss in eine verspielte.
Ein ähnlicher Effekt zeigt sich bei einem Haus im portugiesischem Städtchen Maia von Nuno Brandão Costa (2020). Ein Regenfallrohr bricht die Schlichtheit der Fassade. Mittig auf der Wand knickt es ab und wird zum Handlauf der Eingangsstufen. In leuchtendem Gelb überrascht das Bauteil damit, mehr als nur eine Sache zu sein; ein Augenzwinkern für alle, die dieses Haus betreten wollen.
Solche Momente legen nahe, dass ein Gebäude kichern oder gar laut lachen kann. Es kann Ambivalenz, Liebenswürdigkeit und Frivolität ausdrücken. Aber Gebäude können auch todernst sein. Dieser Text plädiert für fröhliche Unstimmigkeiten; für Fehler, die gefeiert und belacht werden können, und für Streiche, die einen nicht in allzu grosse Schwierigkeiten bringen. Das alles geschieht selten anhand eines ganzen Bauwerks, sondern meist durch einzelne architektonische Elemente. Diese dürfen abweichen, bizarr, fragend oder frech sein. Ein solches Element ist klein, aber stolz. Es fesselt den Betrachter, die Besucherin oder die Passanten. Es verlangt danach, betrachtet zu werden, und offenbart dann seine fesselnde oder eben auch humorvolle Geschichte.
Für mich sind diese Elemente schelmisch. Laut Wörterbuch bedeutet schelmisch (engl. mischievous), «in der Lage sein, Ärger zu verursachen».1 Es bedeutet auch, Spass an Streichen zu haben und andere veralbern zu wollen – nicht in böser Absicht, eher im Sinne einer naiven Verspieltheit. Ein Verhalten, das unartig ist, aber nicht darauf abzielt, ernsthaften Schaden anzurichten. Solche Eigenschaften lassen sich eigentlich ganz wunderbar auf die Architektur übertragen.
Mit seiner markanten Kontur besetzt der Kamin das Zentrum im Haus in Origlio von Mario Botta (1982). An der Schnittstelle zweier Achsen bildet das abgestufte Volumen eine innere Fassade, die mit der gleichen Sorgfalt gestaltet ist wie die äussere. Zwei runde Lüftungsdeckel formen mit der gewölbten Feueröffnung ein mürrisches, zugleich überraschtes Gesicht, das ungläubig den Wohnraum beäugt. Dieser mag seine Wandfarbe, seine Möbel oder sogar seine Bewohnerinnen und Bewohner wechseln, doch der Kamin behält seinen Charakter – seinen Ausdruck und seine unverrückbare Position. Stillschweigend missbilligt er, was um ihn herum geschieht. Hier geht es weniger um Überfluss oder Doppelfunktion, sondern um beharrliche Präsenz – ein Element, das Neutralität entschieden ablehnt.
Im Blackburn House in London von Bolles + Wilson (1987) stört ein Element gezielt die Orientierung. Die hölzerne Treppe liegt schräg in den orthogonalen Räumen. Sie schneidet sich durch eine Längswand, die Haupt- und Nebenräume trennt. Im Wohnraum ist die Treppe als Skulptur erfahrbar. Doch zunächst bleibt unklar, ob es sich wirklich um eine Treppe handelt, denn ihr Antritt ist im Nebenraum verborgen. Die Treppe belebt den Raum, lenkt die Bewegung, verwirrt die Bewohnenden und lacht leise über das orthogonale Raster der Räume.
Schelmisch sind diese Elemente auf mehrere Arten. Erstens entsprechen sie nicht den Regeln, der Logik oder den Standards. Zweitens meinen sie es nicht ernst. Sie setzen auf Humor und bleiben in ihrer Störung subtil. Sie sind amüsant, aber nicht lächerlich; eigensinnig, aber nicht unnachgiebig. Sie irritieren den Raum, gehören aber dennoch zu ihm – sie sind Teil des Projekts, hinterfragen es aber, fordern es heraus und spielen unserer Wahrnehmung Streiche. Diese Elemente sind nicht vollständig kontrollierbar oder auf eine einzige Lesart reduziert, aber sie geraten auch nie völlig ausser Kontrolle.
Zwei Zimmertüren im Wohnhaus an der Freihofstrasse in Zürich von EMI (2019) – eine grosse und eine kleine – liegen unmittelbar nebeneinander. Sie führen beide vom Entrée ins Wohnzimmer. Identisch in Farbe, Griffen und Scharnieren, unterscheiden sie sich einzig in ihrer Grösse: eine im Standardmass, die andere leicht schmaler, dafür höher. Nicht gerade eine klassische Doppeltür. Das Paar ist die Ausnahme einer Regel. In den anderen Wohnungen münden die benachbarten Türen aus dem Wohn-Essbereich in zwei separate Zimmer. Die Regel zu brechen, ohne sie aufzugeben, führt zu einem irritierenden Moment, der mit der Logik des Ganzen verbunden bleibt. Zwei Türen in einen Raum können ja nicht schaden.
Wie Witze, die man nicht sofort versteht, sind diese schelmische Elemente nicht nur unterhaltsam, sie dienen auch als intellektuelle Übungen. Sie enthalten Humor, aber auch Kritik. Beides kann in der Architektur helfen, Schwierigkeiten eines Projekts zu lösen – widersprüchliche Bestellungen, Baurechtsfragen oder unerwartete Gegebenheiten vor Ort. Humor dient als Bewältigungsmechanismus, der ein Projekt am Leben hält und unter Druck Lösungen zum Vorschein bringt. Schelmische Elemente sind eine Form der Anpassung, die kontinuierlich auf sich ändernde Umstände reagieren kann.
Álvaro Sizas Eckstütze beim Wohnblock am Schlesischen Tor in Berlin (1990) wirkt auf der einen Seite dünn und zerbrechlich, auf der anderen Seite solide und stark. Unten abgeschnitten, scheint sie über dem Boden zu schweben, nur durch einen dünnen Metallstab geerdet. Die Säule entstand aus einem Missgeschick. Werkleitungen verhinderten die Lastabtragung an dieser Stelle. Eine schwebende Stütze sei aber ein gefährliches Hindernis für Blinde. Die gekappte Stütze samt Metallstab widersetzt sich auf humorvolle Weise den kommunalen Vorschriften und verewigt deren Widerstand gegen die «tragende» Säule, die ebenso zum Bau wie auch zur Strasse und zur Stadt gehört.
Die Stütze eines umgebauten Wohnhauses an der Triemlistrasse in Zürich vom Atelier Candrian Meier (2024) macht es andersherum. Um den neuen Zugang des Hauses zu betonen, wollten die Architekturschaffenden eine markante Stütze setzen. Die Stadt lehnt tragende Elemente im Bereich ausserhalb der Baulinie ab. Doch auch ohne tragende Funktion bleibt die Absicht erhalten. Als betonierte Stele berührt sie den Erker darüber ganz knapp nicht. Abgedreht zum bestehenden Bau, wird sie Teil des neuen Eingangsbereichs mit Stufen, Mauer, Briefkästen und einer Leuchte. Kommunale Vorschriften erwecken eine schelmische Säule zum Leben – eine, die man jedem Eingang wünscht.
In Interviews des Schriftstellers Vladimir Nabokov finden sich zwei passende Bemerkungen: «Humor ist eigentlich ein Verlust des Gleichgewichts – und die Freude daran»,2 und an anderer Stelle: «Das gute alte Lachen ist ein ständiger Bewohner jedes Hauses, das ich baue. […] Meine Bücher wären trostlose Bauten, wenn nicht dieser kleine Kerl da wäre».3 Verdrehte Treppen, unpassende Doppeltüren und falsche Säulen können von Architektinnen und Besuchern gleichermassen genossen werden. Solche Elemente bewohnen den Raum, noch bevor es die Menschen tun. Wenn eines dann einmal aus der Reihe tanzt, verschieben sich die gewohnten Dinge, der Raum gerät ins Wanken, das Gebäude wird lebendig.
Lera Samovich (1991) ist Architektin und Forscherin. Sie ist Partnerin im Atelier Fala in Porto. Nach ihrem Studium am MARCH in Moskau promovierte sie 2024 an der FAUP in Porto zum Thema The Mischievous Elements. Aktuell unterrichtet sie als Gastprofessorin an der EPFL.
Aus dem Englischen, bearbeitet von Christoph Ramisch Originaltext Englisch
1 Vgl. Merriam-Webster Dictionary, Oxford Learner’s Dictionaries und Cambridge Dictionary
2 «Humor is really a loss of balance – and appreciation of losing it», zit. nach: Vladimir Nabokov, «Interview for Newsweek (1962)», in: Brian Boyd / Anastasia Tolstoy (Hg.), Think, Write, Speak, London 2020, S. 320, übersetzt durch die Redaktion.
3 «Good old laughter is a permanent resident in every house I construct … my books would be dreary and dingy edifices indeed had that little fellow not been around.» Zit. nach: Vladimir Nabokov, «Interview with Mati Laansoo for Canadian Broadcasting Corporation (1973)», in: Boyd, Tolstoy, Think, Write, Speak, wie Anm. 2, S. 420, übersetzt durch die Redaktion.