Artikel aus wbw 6–2024

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Erneuerung der öffentlichen Räume in Lachen von den Landschaftsarchitekturbüros bbz und Lorenz Eugster

Damaris Baumann, Daniela Valentini (Bilder)

Die Gemeinde Lachen am oberen Zürichsee schenkt der Bevölkerung die öffentlichen Räume zurück – sie flaniert wieder über Plätze und durch Gassen. Ohne Durchgangsverkehr kommt auch die Qualität der historischen Struktur wieder in den Blick. Für die anstehende Erneuerung der Häuser hat die umtriebige Gemeinde ein Werkstattverfahren geschaffen.

Einst fuhren täglich gegen 12 000 Fahrzeuge durch den schützenswerten Ortskern. Seit 2017 ist die Umfahrungsstrasse in Betrieb, die das Zentrum entlastet. Sie war die Initialzündung zur Aufwertung des Ortskerns, die weit über Entlastung hinausgeht. Jetzt sind die wichtigsten Etappen realisiert und ein Fernwärmenetz verlegt. Es sei ein Jahrhundertprojekt für die Gemeinde, sagt Hans-Jakob Schneiter, der aktuelle Ressortleiter Bau und Umwelt. Vier Generationen Gemeinderäte waren von der Planung bis zur Umsetzung beteiligt.

Erneuerung in vier Etappen

Mit Lorenz Eugster und Tino Buchs studiere ich den Ortsplan vor dem Bahnhofsgebäude. Die beiden sind mit ihren Landschaftsarchitekturbüros für den Umbau des Ortskerns verantwortlich. Die Planung zur Dorferneuerung geht noch weiter, sie bezieht das Gemeindegebiet bis zu den anschliessenden durchgrünten Wohngebieten ein. Dabei kommt ein breiter Fächer an Massnahmen auf öffentlichem wie privatem Grund zum Einsatz. Neben den neu gestalteten Strassenräumen und Plätzen gehören die Stadtmöblierung wie auch die Reparatur von Schwellenräumen dazu. Es ist ein austariertes Zusammenspiel von Freiräumen und Bauten: Bestehendes wird ergänzt und inszeniert, so dass sich der Ort in einer neuen Selbstverständlichkeit zeigt.

Unser Rundgang führt über die Hintere Bahnhofstrasse Richtung Kirchplatz. «Auch Strassenraum ist Lebensraum», merkt Tino Buchs an. Zugunsten von Trottoirs wurden die Bahnhofsstrassen verschmälert, Wildkirschen und Schnurbäume säumen sie. Jetzt noch laublos, werden sie bald Schatten spenden auf dem Weg ins Zentrum. Die Bäume wurzeln sowohl im öffentlichen als auch im privaten Boden. Der enge Einbezug der privaten Eigentümer hat dies ermöglicht. Insgesamt wurden 126 Bäume gepflanzt. Neu gestaltete Rabatten begrünen die Achsen zusätzlich. Rasensteine auf Parkierungsflächen und fugenlose Steinbeläge auf privaten Vorplätzen lassen den Regen versickern.

Ein wichtiges Leitdetail ist dem Randstein zwischen Trottoir und Strasse gewidmet, es kommt im ganzen Gemeindegebiet zum Einsatz: Kaltrum, ein gelblicher Granit, trennt die Fussgänger von den Autofahrerinnen. Die Kanten sind so abgerundet, dass sie als Leitsystem für blinde Menschen funktionieren, aber gleichwohl gut mit dem Velo passiert werden können. Die vier Etappen der Kernerneuerung sind noch nicht abgeschlossen. In der ersten wurden steinerne Bodenmarkierungen als Eingangstore zum Zentrum verlegt, in der zweiten drei grosse Plätze realisiert. Die Begegnungszonen der dritten Etappe sind in Umsetzung. Die vierte und letzte widmet sich den Zufahrtsachsen in die Wohnquartiere.

Platz-Trilogie als Herzstück

Vom Durchgangsverkehr freigespielt, haben die drei neugestalteten Plätze – der Kirch-, Rathausund Kreuzplatz – jeweils einen spezifischen Charakter erhalten. Sie seien die Juwelen der Kernerneuerung, sagen die Architekten. Die hellen Randsteine führen den motorisierten Verkehr intuitiv am Kirchplatz vorbei. Die Barockkirche mit den doppelten Zwiebeltürmen ist ein Orientierungspunkt über Lachen hinaus. Der schmale Platz vor deren Eingangsfront, laut ISOS das «Vorzimmer der Kirche», ist mit Pflastersteinen ausgelegt. Die hell umfassten Quarzsandstein-Felder passen sich der asymmetrischen Form an. Das vergrösserte Treppenportal ermöglicht einer ganzen Gesellschaft den grossen Auftritt beim Verlassen der Kirche. Eine einzelne Platane akzentuiert den Platz.

In wenigen Schritten gelangen wir durch eine Gasse zum Rathausplatz; hier hindurch musste sich früher der Verkehr zwängen. Diagonal verlegte Bodenplatten aus Kaltrum, ein neuer Brunnen und Bäume schaffen eine einladende Atmosphäre. Mitten auf dem Rathausplatz steht ein Kunstobjekt, es ist eine historische Zigerrybi. Mit diesem Mühlstein wurde früher der würzige Bockshornklee aus der Umgebung für Schabziger gerieben. Von Beginn an hatten die Landschaftsarchitekten einen Teil der Bausumme für Kunst im öffentlichen Raum eingeplant.

Weiter Richtung Nordosten, vorbei an kleinen Läden und dem Restaurant «Dörfli», befindet sich der grösste der drei Plätze: der Kreuzplatz. Häuser unterschiedlichen Baualters gruppieren sich um den dreieckigen Freiraum. Der spätbarocke Marienbrunnen und das grosse Kreuz kommen durch den helldunkel zonierten Asphaltboden zur Geltung. Leicht lassen sich die geplanten Freiluftkonzerte auf dem zeitgenössischen Platz imaginieren. Über die Sommermonate sind auf dem Platz Stühle verteilt und unter dem Blätterdach der Platanen an der Kreuzgasse findet man Schatten. An vielen weiteren Orten im Zentrum bieten sich Sitzbänke für eine spontane Pause an. Die neu gestalteten Bereiche mussten in ihrer Wohnlichkeit erst entdeckt werden. «Im ersten Jahr war es noch leer im Zentrum. Das hat sich aber schnell geändert, die Menschen nutzen die gewonnenen Räume», so Lorenz Eugster.

Am Tag der Begehung setzt jedoch leichter Regen ein und treibt uns in ein Café am Kreuzplatz. Die Landschaftsarchitekten erzählen weiter – auch über brachliegende Potentiale. Sie wünschen sich zum Beispiel die Begrünung einzelner Fassaden oder eine bessere Gestaltung der versiegelten Innenhöfe. Auch die Ausdolung des Bachs im zentrumsnahen Wohnquartier könnte die Aufenthaltsqualität weiter steigern. Noch mehr Bäume zu pflanzen, wäre hingegen nicht möglich. Zu schwierig sind Eigentumsverhältnisse und Planungsvorgaben.

Innovatives Werkstattverfahren

Jetzt, wo der Durchgangsverkehr weg ist, kommt der kompakte Ortskern in seiner kleinstädtischen Anmutung zur Geltung. Damit geht eine stärkere Nachfrage nach einer baulichen Erneuerung einher, wie diverse Baugespanne im Zentrum zeigen. Aufgrund der vielen historischen Bauten hat die Kernzone im ISOS das Erhaltungsziel A: die höchste Stufe. Dies fordert Fingerspitzengefühl und eine genaue Interessensabwägung bei Bauvorhaben. Die Gemeinde trägt dem Rechnung und hat seit Herbst 2022 klare Kriterien zur Entwicklung von Bauprojekten in der Kernzone formuliert. Wer bauen will, lässt sich in einem frühen Planungsstadium in einem Werkstattverfahren beraten. In vier kurzen Sitzungen mit relevanten Behörden und Fachleuten treten Bauherren und Architektinnen in den Austausch. Für die Erarbeitung der Vollzugshilfe ist der Gemeinderat eigens nach Langenthal gereist, um sich vom dort etablierten Werkstattverfahren inspirieren zu lassen (vgl. werk, Debatte – 7 Texte zur Baukultur). «Wir können voneinander lernen», sagt Schneiter. Die Gemeinde Lachen zieht im zweiten Jahr des Verfahrens bereits eine positive Bilanz: Drei Werkstattverfahren endeten in der Empfehlung für ein Baugesuch. Zwei Verfahren konnten ohne langjährige Planung und hohe Kosten abgebrochen werden, da die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung nicht gegeben waren. So folgt auf die umsichtige Dorfkernerneuerung auch ein kultivierter Umgang mit der Bausubstanz.

Damaris Baumann (1978) hat an der ETH Zürich und in Indien Architektur studiert. Als schreibende Architektin interessiert sie sich für die vielfältigen Themen und Zusammenhänge des bebauten und unbebauten Raums.

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