Artikel aus 6–2026

Aus sich selbst schöpfen

Ausbildungszentrum für Bauberufe in Echallens von Dettling Péléraux Architectes

Yves Dreier, Zak Andrea Zaccone (Bilder)

Die Transformation und Erweiterung einer Industriehalle erfolgte mit möglichst viel Rückbaumaterial vor Ort. Der zurückhaltend einheitliche und nach wie vor industrielle Ausdruck der neuen Berufsschule überzeugt.

Eingebettet in das heterogene Umfeld einer Industrie- und Gewerbezone nahe dem Zentrum von Echallens hat der Waadtländer Unternehmerverband (FVE) die Hallen eines Maurerunternehmens erworben, um sie in ein Ausbildungszentrum umzuwandeln. Auf den ersten Blick besticht das Gebäude durch seinen industriellen Charakter. Die einheitliche Fassadenverkleidung aus Wellblech und die Abmessungen der Halle – 40 Meter breit und 70 Meter lang – tragen dazu bei. Der Glanz des rohen Aluminiums und die unregelmässige Silhouette der Sheddächer kündigen an, dass im scheinbar gewöhnlichen Industriebau ein atypisches und hybrides Gebäude steckt. Zwei grosse, leicht zurückgesetzte Glasöffnungen markieren die Eingänge und verstärken die öffentliche Wirkung. Betritt man das Innere, verändert sich der Charakter: Eine handwerkliche Welt entfaltet sich. Auf sorgfältig aufgereihten Mini-Baustellen führen die Auszubildenden beim Aufmauern der Übungswände eine gut einstudierte Choreografie aus. Allerdings ist alles etwas zu sauber, zu organisiert für eine gewöhnliche Baustelle – und offenbart so die eigentliche Funktion des Gebäudes: eine praktische und theoretische Ausbildungsstätte für Bauberufe.

Einheit statt Patchwork

Es kommt selten vor, dass man Gebäuden begegnet, bei denen Inhalt und Form so konsequent und stimmig zusammenfinden. Was Dettling Péléraux hier erreicht haben, ist bemerkenswert: Die Erweiterung und die Sanierung des Bestands folgen der Logik des Erhaltens und Wiederverwendens intakter Elemente – und zeugen von einer ungewohnten Nüchternheit. Der architektonische Reiz liegt in der Art der Komposition von neuen und ursprünglichen Bauteilen. Es geht dabei nicht darum, mit Kontrasten zu beeindrucken, sondern um Homogenität: weg von der Einfachheit des Patchworks, hin zur sensiblen Auseinandersetzung mit dem Material. So entsteht ein Haus mit einer rohen und authentischen Poesie, die aus den verfügbaren Ressourcen schöpft.

Für das Bauen mit Re-use-Bauteilen mussten die Architektinnen und Architekten hartnäckige Vorurteile und bekannte Denkmuster überwinden. Sie mussten die Projektbeteiligten – Politiker, Investorinnen, Fachplaner, Bauherrschaft und Nutzerinnen – überzeugen. Es galt einerseits, Sicherheit zu vermitteln, andererseits, Ansprüche zu reduzieren und Synergien zu maximieren. Es musste aufgezeigt werden, dass Re-use weder Mehrkosten noch Zeitverluste verursacht und durch seine Patina keineswegs «alt» wirkt.

Konsequent umgesetzt führt ein solcher Ansatz zu zirkulären Lieferketten. In einer globalisierten Gesellschaft, in der sich Stoffströme und Wertschöpfungsketten in unentwirrbaren Mäandern verlieren, minimiert die Konzentration auf verfügbare Ressourcen das Risiko von Engpässen. Die Prozesse folgen der Logik der Kontinuität. Zudem verringert ein solches Arbeiten unnötige Transporte, fördert lokales Know-how und spart CO₂.

Wiederverwenden vor Ort

Das Hauptgebäude des Ausbildungszentrums ist in drei Bereiche gegliedert, die unter einem neuen Dach aus 14 Sheds unterschiedlicher Grösse zusammenfinden. Der Eingriff in der bestehenden Halle im Nordwesten beschränkt sich auf sechs neue, mit grossen Schiebefenstern versehene Öffnungen. Der östliche Flügel umfasst eine zweite Halle, die mit wiederverwendeten Materialien (im Grundriss grün) neu errichtet wurde. Der dritte Flügel fügt sich als passgenaues Verbindungsstück in den Zwischenraum ein. Das ehemalige Verwaltungsgebäude im Bereich des Haupteingangs bleibt erhalten und schafft eine interessante Gliederung der Aussenbereiche.

Die zweite Halle konstruierten die Architekten aus Bauteilen der rückgebauten Seitentrakte des ursprünglichen Gebäudes. Deren Anordnung mit Innenhof entsprach nicht den betrieblichen Anforderungen eines Ausbildungszentrums. Gelagert wurden die Materialien direkt vor Ort. Beim Wiederaufbau wurden die vorgefertigten Betonfassadenplatten zwischen neuen, tragenden Betonstützen eingesetzt – in umgekehrter Richtung. Die Profilierung der Oberfläche ist nun im Innenraum sichtbar.

Weitere Bauteile bekamen ein zweites Leben. So hat man tragende Holzelemente für den Bau einiger Aussenüberdachungen wiederverwendet. Verzinkte Stahlbleche kommen erneut als Dacheindeckung zum Einsatz. Indem die Architekturschaffenden auf Veränderung an den geborgenen und wiederverwendeten Elementen verzichteten, formulierten sie eine klare Haltung zum Thema Re-use: Ihr Anspruch war es, die industrielle Qualität der Materialien intakt zu halten, sie wenn möglich in ihrer ursprünglichen Funktion wiederzuverwenden, ihren Zustand zu respektieren und eine mögliche zukünftige Wiederverwendung mitzudenken. Die Konsequenzen davon sind vielfältig: Eine genaue Bestandsaufnahme ist notwendig, die konstruktiven und strukturellen Risiken jedes Bauteils müssen berücksichtigt werden und die Belastung der Teile im neuen Projekt muss gering genug sein. Die Beauftragung desselben Unternehmens bei der Demontage und dem Einbau stellt die Kontinuität der Verantwortung sicher.

Der neue Mittelbereich fungiert im Erdgeschoss als logistischer Knotenpunkt, der einen ebenerdigen Zugang zu den beiden Übungshallen, den Nebenräumen und zu den Treppen ermöglicht. Vier vertikale Oblichter verleihen ihm eine skulpturale Qualität und machen die Räumlichkeit des Gebäudes im Querschnitt erfahrbar. Im Obergeschoss liegen seitlich zwei Erschliessungszonen und bieten Ausblick auf die Übungshallen – ein didaktischer Mehrwert. Dazwischen befinden sich kleinere Unterrichtsräume, die von reichlich natürlichem Licht durch die Shed-Dächer profitieren. Durch ihre Nordausrichtung vermeiden sie Überhitzung. Sommerlicher Komfort entsteht auch durch thermische Trägheit der Baumaterialien und eine natürliche Belüftung; der Einsatz technischer Mittel ist begrenzt. Das Haus folgt einem Zwiebelprinzip: Die Hallen sind auf moderate 10 bis 12 Grad temperiert und bilden ein Zwischenklima; die Unterrichtsräume werden auf 18 bis 21 Grad beheizt und liegen geschützt im Gebäudeinneren. Die Aussenwärmedämmung gewährleistet eine effiziente, durchgehende Gebäudehülle.

Die Vorbildfunktion des Projekts zeigt sich auch in den Zahlen: Von insgesamt 6100 Quadratmetern Fläche wurden 1800 saniert, 2100 aus wiederverwendeten Materialien erstellt und 2200 neu gebaut. Damit stammen über drei Fünftel der Substanz aus Bestand oder Wiederverwendung. Quasi aus sich selbst heraus entstand etwas Neues und Resilientes. In Echallens ist Wiederverwendung ein integraler Bestandteil sorgfältiger Architektur. 

Ausgabe 6–2026 bestellen

Yves Dreier (1979) ist Architekt in Lausanne. Er war von 2022 bis 2025 Gastprofessor für Bautechnik an der EPFL. Das Büro Dreier Frenzel ist bekannt für seine kollektiven Wohnungsbau-Projekte und seinen innovativen und sorgfältigen Umgang mit Baumaterialien.

Aus dem Französischen, bearbeitet von Jasmin Kunst Originaltext

Anzeige

Mehr Artikel