Artikel aus 6–2026

Entwerfen nach Verfügbarkeit

Reality-Check beim Bauen mit wiederverwendeten Bauteilen

Roland Züger

Welche Erfahrungen sammeln bauerprobte Büros wie Graber Pulver oder Gigon Guyer beim Re-use von Beton und Stahl? Projektbeteiligte des Recyclingzentrums Juch-Areal und dem Gebäude X auf dem Werkstadtareal erzählen.

Selten sind die Kontraste so schrill. Neben dem neuen Eishockeystadion beim Bahnhof Zürich-Altstetten (wbw 3 – 2023, S. 57 – 62) soll in etwa eineinhalb Jahren das neue Recyclingzentrum Juch-Areal eröffnen. Neben der betonierten Festhütte, die ihren immensen CO₂-Verbrauch vor sich herträgt, steht schon bald ein Gebäude, das das Gegenteil versucht: ein Pilotprojekt fürs klimafreundliche Bauen.

Es ist das zweite Re-use-Projekt der Stadt Zürich, nachdem sie bereits vor zwei Jahren einen Kindergartenumbau (Bischof Föhn, wbw 9  – 2025, S. 70 – 72) eröffnet hat. Für das Recyclingzentrum hat das Architekturbüro Graber Pulver aus Zürich 2022 den Wettbewerb mit Präqualifikation gewonnen. Eine luftige Halle beschirmt künftig das Ballett der Entsorgung, nebenan steht ein kleines Betriebsgebäude. Zielvorgaben für die Treibhausgasemissionen der Stadt für die Anlage waren 8 kg CO₂-Äquivalent pro Quadratmeter und Jahr.1

Halle wird andernorts wieder Halle

Die Schlüsselbauteile des neuen Recyclingzentrums stammen von einer Stahlhalle, die dem Ausbau einer Kehrichtverbrennungsanlage im Weg stand: die alte Hagenholzhalle in Zürich-Oerlikon. Der Kauf einer zweiten Halle aus Meilen komplettiert die künftige Dachlandschaft. Für das dreigeschossige Betriebsgebäude werden Betonteile einer zersägten Lagerhalle aus Rümlang verwendet. Flache Deckenteile liegen über solchen mit den Pilzstützen, die ebenfalls gerettet wurden. Stahldorne verbinden die Elemente. Gedämmte Holzständerwände bilden die Fassaden, ausrangierte Autobahnleitplanken den Witterungsschutz. Auch auf dem Hallenboden sind Re-use-Elemente im Einsatz: ausrangierte Faserbetonplatten der Baustelle des neuen Sicherheitsstollens beim Kerenzerbergtunnel.

Das Jagen dieser Bauteile hat die Firma Zirkular übernommen. Ihr Suchauftrag folgt dem Beuteschema des Architekturbüros. Für den Wettbewerb war ein Bauteilkatalog vorhanden, den Zirkular im Auftrag der Stadt Zürich erstellt hatte. Aufgrund des politischen Entscheids, die Personalhäuser beim Triemli-Spital zu erhalten, entfiel ein Teil der Katalogbauteile und das Team musste private Minen erschliessen.2

Gesucht wird nach Kriterien wie etwa Verfügbarkeit, Altlasten, Entfernung oder Demontierbarkeit. Ist passendes in gewünschter Menge zu einem guten Preis verfügbar, schlägt das Team von Zirkular zu. Dafür hat man bei der Stadt bereits zu diesem frühen Zeitpunkt der Planung ein Budget bereitgestellt. Das erbeutete Material lagert auf der Baustelle – ein Glück, wenn Lagerkosten entfallen. Aber angesichts der Dynamik bei der Materialbeschaffung sei es von Vorteil, wenn das Material aus dem Portfolio des Eigentümers stamme, meint Mischa Trnka, Mitglied der Geschäftsleitung bei Graber Pulver. Das entspanne die Verbindlichkeiten, Kosten und Termine.

Wie verändert sich das Entwerfen?

Mit den veränderten Abläufen verändert sich auch das Entwerfen. Trnka spricht von «Design by availability». So agieren Graber Pulver beim Entwurf nach einem eigenen Regelwerk, um flexibel mit Veränderungen im Entwurf umzugehen. Darin sind auch gestalterische Aspekte wichtig, etwa eine möglichst homogene Farbe der Bauteile (das Grün und Grau der Hagenholzhalle bilden die Leitfarben) damit der Bricolage-Charakter nicht überhandnimmt. Die Spuren und Patina sollen sichtbar bleiben. Eine clevere Fügetechnik ermöglicht Toleranzen durch Überstehen oder Überlappen von Schichten. Materialien sollen möglichst nicht geschnitten werden.

Dafür, dass solche Projekte mit Re-use überhaupt entstehen, ist laut Trnka der Wille der Auftraggeberschaft zentral. Über diesen verfügten das Hochbauamt und die Abteilung für Entsorgung + Recycling der Stadt Zürich. Schon beim Umbau des Kindergartens in Zürich-Manegg hat man erste Erfahrungen gesammelt. Nun geht die Stadt Zürich mit dem Recyclingzentrum einen mutigen Schritt weiter und investiert viel in den Wissensaufbau und die Begleitung mit wissenschaftlichen Studien.3

Haftungsfragen und Honorar

Ein grosser Unterschied zum reinen Neubau liegt beim Re-use in den juristischen Fragen, etwa zur Gewährleistung.4 Aber die Firmen übernehmen meist nur die Garantie für den Einbau. Verena Jacob, Senior-Projektleiterin beim Amt für Hochbauten der Stadt Zürich, erklärt: «Bei wiederverwendeten Bauteilen besteht keine Produktgarantie wie bei neuem Material. Deshalb wurde der Zustand der Bauteile vor der Beschaffung und Weitergabe an die einbauenden Unternehmenden überprüft – zu den Betonbauteilen etwa wurden ingenieurtechnische Gutachten erstellt. Diese Prüfvorgänge dienen dazu, die fehlende Produktgarantie durch eine maximale Risikominimierung zu ersetzen.» Zentral für die Ökologie ist es, tragende Bauteile nicht downzugraden, sondern in ihrer ursprünglichen Bestimmung einzusetzen.

Das Jagen und Sammeln, Inventarisieren und Prüfen sind neue Tätigkeiten, die mit dem Re-use entstehen. Bei allem Pioniergeist, wie steht es dabei ums Honorar? Thomas Winz, Partner bei Graber Pulver, der über lange Jahre auch für die Finanzen im BSA verantwortlich war, antwortet: «Für den Aufwand mit dem Re-use beim Juch-Areal erhalten wir 6 % Mehrhonorar, und eine phasenverschobene Abrechnung war möglich.» Ob das reicht, wird sich erst am Schluss zeigen. Vorerst steht im Juni 2026 die Abstimmung über den Baukredit für das Recyclingzentrum an.

Gebäude X ist aufgegleist

Etwas weiter entlang der Gleise in Richtung Hauptbahnhof Zürich liegt das Werkstadt-Areal. Mit der ersten umgebauten Halle der einstigen Repa-raturwerkstätten der SBB (Baubüro in situ, wbw 3 – 2024, S. 20 – 27) beginnt die schrittweise Öffnung des Gebiets. Neubauten an den Rändern sollen Verdichtung schaffen, etwa ein Gewerbehaus direkt an der Hohlstrasse. Den Gesamtleistungswettbewerb haben 2024 Gigon Guyer im Team mit Leuthard Baumanagement gewonnen. Gefragt war ein Vorzeigeprojekt mit einem Planungsziel für die Erstellung von 5 kg CO₂ equ pro m2 EBF und Jahr. Im Sommer 2025 haben sie den Bauantrag eingereicht.

Das Siegerprojekt sieht den Einsatz alter Bahnschienen als Tragwerk des Gebäudes vor (Bodennutzlast 1500 kg/m2!). Sie kommen als eine Art Bündelpfeiler (in Kreuz- oder T-Form) für Stützen, als primäre und sekundäre Deckenträger oder nicht tragend als vertikale Lisenen an der Fassade zum Einsatz. Auch zum Verbundglas verdoppelte, gebrauchte Zugfenster werden beim Siebengeschosser verbaut.

Bauteile aus 20 Minen geborgen

Abgesehen von den «hauseigenen» Teilen der SBB ist Zirkular auch bei diesem Projekt für die Bauteiljagd zuständig. Das Wettbewerbsprojekt sah Re-use in fünf Kategorien vor: Neben Schienen und Fenstern aus dem SBB-Fundus gibt es Wiederverwendung von Stahlträgern, Fassadenverkleidung und, in einer Gruppe zusammengefasst: Treppen, Geländer, Sanitärelemente, Heizkörper und Leuchten. Die Bauteile stammen aus etwa 20 Minen: Der braune Eternit kommt von einem ehemaligen Dach in Riggisberg, Geländer und Treppe aus einer Industriehalle in Augst, die Radiatoren von einem Mobimo-Gebäude in Zürich-Oerlikon, die Betonplatten im Aussenbereich von einem Parkhaus in Lausanne.

Eine grosse Herausforderung ist das Einhalten des Budgets. «Aus Brandschutz- und Kostengründen bauen wir die Erschliessungskerne statt aus verkleidetem Stahl nun mit einem neuen Ortbetonskelett, das mit Lehmsteinen ausgefacht ist», sagt Carlo Magnaguagno, Projektleiter bei Gigon Guyer. Befragt nach weiteren Learnings, meint er, dass neben dem Tragwerk auch die Re-use-Fassade in der Materialbeschaffung und Unternehmersuche anspruchsvoll gewesen sei. Viele Well- oder Trapezbleche hätten giftige Beschichtungen und seien deshalb nicht einsetzbar.

Mehraufwand ist Werbewert

Nachgefragt zum Mehraufwand für das Planen mit Re-use (im TU-Modell) erklärt Mike Guyer: «Re-use-Bauteile gelten als Projektänderungen mit 7 % Honoraranteil.» Aber klar: Schienentragwerk und Fenster-Re-use sind Erfindungen, der Mehraufwand nur durch den starken Werbewert für die SBB überhaupt möglich.

«Auch für uns ist das Bauen mit wiederverwendeten Teilen in einem solch umfassenden Sinn wie beim Gebäude X eine neue Erfahrung», erklärt Ariane Dirlewanger, Gesamtprojektleiterin SBB Immobilien. In der Reparatur ist man zwar geübt: Im grossen Bahntechnik-Center in Hägendorf werden ständig Schienen aufbereitet und wieder installiert. Nicht mehr brauchbare Schienen werden normalerweise eingeschmolzen und zu neuen verarbeitet. «Wir wollten wissen, ob diese Schienen noch als Bauelement taugen. So haben wir für die Nachweise zum Tragwerk des Gebäudes X im Brandfall Heissbemessungen an der TU München veranlasst», erklärt sie weiter. Beim Einsatz von Re-use-Bauteilen entfallen für die Bauherrschaft oftmals die branchenüblichen Materialgewährleistungen. «Im Sinne des nachhaltigen Bauens ist die SBB bereit, diese unternehmerische Verantwortung zu übernehmen – vorausgesetzt, einer solchen Risikoübernahme geht eine sorgfältige bautechnische Prüfung und strenge Qualitätsanalyse voraus», so Dirlewanger.

Christoph Müller von Zirkular sieht die Zukunft des Bauens mit Re-use bei Immobilienfirmen mit grossen Portfolios. Städte wie Basel, Zürich, Winterthur, aber auch Baden verfügen bereits über katalogisierte Bestände. «Neben der breiten Erfassung sollte auch die Bearbeitung der Informationen künftig einfacher werden», erklärt Müller. Zirkular arbeitet an einem digitalen Planungstool, welches das Datenmanagement von der Quelle bis zu Zielobjekt vereinfacht. Planular heisst die Software, die möglichst grosse Portfolio-Eigentümerschaften nutzen, so die Hoffnung. Vernetzt mit anderen grossen Playern könnte man künftig grössere Kreisläufe anstossen. 

1 Der Wert beinhaltet Erstellung und Rückbau und bemisst sich auf 60 Jahre. Zum Vergleich: Ein Neubau nach MuKEn (ohne UG) beläuft sich auf etwa 12 kg CO²/m²*a, der Wert muss heute aber nicht nachgewiesen werden. Der Klimaeffizienzpfad SIA 390/1 enthält als Zielwert für einen Büroneubau 9 kg. Das zeigt die Ambition der in diesem Text porträtierten Bauten. Jedes eingesparte Kilo ist ein Willensakt.
2 Stadt Zürich, Amt für Hochbauten, Fachstelle Umweltgerechtes Bauen (Hg.), Kreislauforientiertes Bauen mit wiederverwendeten Tragstrukturen aus Stahl und Beton, Teil 1, Zürich 2025, S. 9. Besonders die Prozessdiagramme im Fachbericht lohnen einen Blick.
3 Die Fachstelle für umweltgerechtes Bauen beim Amt für Hochbauten der Stadt Zürich veröffentlichte im März 2026 Erkenntnisse der ersten Planungsphase zum Tragwerk aus Stahl und Beton beim Recyclingzentrum (vgl. FN 1). In einer zweiten Studie wird der Prozess der Bauarbeiten mit Re-use-Bauteilen, in einer dritten werden die Treibhausgasemissionen und Kosten ausgewertet: www.stadt-zuerich.ch/de/planen-und-bauen/projekte-und-ausschreibungen/hochbauvorhaben/planung-ausfuehrung/recyclingzentrum-juch-areal.html.
4 Andreas Abegg, Oliver Streiff, Die Wiederverwendung von Bauteilen: ein Überblick aus rechtlicher Perspektive, Zürich 2021, https://doi.org/10.3256/978-3-03929-005-5 (alle Links wurden am 20.4.2026 abgerufen).

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